Los Angeles

Oscar für den besten Film geht an „12 Years a Slave“

Das Sklavendrama „12 Years a Slave“ von Steve McQueen gewinnt den Oscar als bester Film. Erstmals triumphierte damit ein schwarzer Regisseur in dieser Kategorie.

Einige Kritiker hatten im Vorfeld schlechte Stimmung verbreitet. Es sei kein besonderer Jahrgang, hieß es, und die Verteilung der Oscars sei ohnehin absehbar. War es wirklich so? Gewiss: dass Matthew McConaugheys Auftritt im „Dallas Buyers Club“ mit einem Oscar prämiert werden würde, das war in der Tat abzusehen gewesen. Hollywood ist immer schon neurotisch auf den Körper fixiert gewesen, und es belohnt den Schauspieler, der seinem Körper das meiste abverlangt.

Das war in diesem Jahr McConaughey, der sich für die Geschichte eines verzweifelten Aids-Patienten in die Bereiche gesundheitsgefährdender Anorexie hineinhungerte und den Kampf eines Todgeweihten gegen die US-Gesundheitsbürokratie in Perfektion verkörperte. Christian Bale, der sich für seine Rolle in „American Hustle“ einen veritablen Ranzen anfressen musste, konnte dagegen nichts ausrichten - im Zweifel siegt doch immer die Schönheit des Elends.

Doch dass Alfonso Cuaróns Weltraumdrama „Gravity“ nun in derart vielen Kategorien triumphierte - das macht diesen Jahrgang schon zu einem besonderen. Beste Regie, beste Filmmusik, beste Kamera, bester Schnitt, bester Ton, bester Tonschnitt, beste visuelle Effekte: mit insgesamt sieben Oscars lief der Film mit Sandra Bullock in der Hauptrolle allen anderen Großnominierten - darunter Steve McQueens „12 Years a Slave“ - den Rang ab. Was lernen wir daraus?

Die Abwesenheit des Körpers

Alfonso Cuaróns Film, in dem Missionsspezialistin Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) um ihr Leben kämpfen muss, erzählt ja von vielem, aber kurioserweise erzählt er vor allem auch von der Abwesenheit des Körpers. Die wenigen Menschen in diesem Film - es sind eigentlich nur zwei - sind verpackt in dicke Raumanzüge, sie schweben langsam durch das All wie Löwenzahnsamen im Wind. Es gibt nur zwei Szenen, in denen wir Sandra Bullock in funktionaler Sportunterwäsche sehen. Sie wirken schon fast wie ein erotischer Schock.

Die Menschen, sagt uns Cuarón, sind allein gelassen, sie haben den Boden unter den Füßen verloren und begegnen einander nur noch als Avatare. Die Schwerelosigkeit des Raums entspricht der künstlichen Realität, die wir uns geschaffen haben in den letzten zehn bis zwanzig Jahren. Wenn Ellen DeGeneres permanent Witze über Twitter-Aktivitäten aller Beteiligten im Dolby-Theatre riss, dann spielte sie genau darauf an. Es gibt die Welt der Körper, die da im Theater sitzen. Und es gibt die Welt der digitalen Botschaften, des Unverbindlichen, des Schwebenden, des Retina-Displays. Welche ist eigentlich wichtiger?

Vollkommen verdienter Regie-Oscar für Cuarón

Das ist die Frage, vor der wir stehen. Sie beschäftigt auch Hollywood, und das spiegelt sich in den Preisen für diesen Film. Hollywood hat ihr ihre Dringlichkeit eingeräumt mit dem vollkommen verdienten Regie-Oscar für Cuarón. Den letzten Triumph versagte es ihm: Bester Film wurde Steve McQueens „Twelve years a slave“, eine aus europäischer Sicht vielleicht etwas melodramatische, etwas konventionell erzählte Geschichte aus dem 19. Jahrhundert.

Aber man sollte nicht vergessen, was dieses Land mit der Abschaffung der Sklaverei geleistet hat, wie sehr es sich damit nach wie vor damit beschäftigt und wie sehr es von dieser historischen Errungenschaft bis heute lebt. Hinzu kommen zwei wirklich erfreuliche Oscars: Einer für Cate Blanchett - weil sich die Academy nicht von der jüngsten Berichterstattung über Woody Allens Privatleben ins Bockshorn jagen ließ. Und dann, vor allem, vielleicht der Höhepunkt des Abends: Lupita Nyong’o für ihre Nebenrolle in „12 years a slave“. Soviel Freude war selten.

Ein schwacher Jahrgang also? Im Gegenteil. Ein hochinteressanter. So interessant, dass ein Film wie „Captain Philipps“ mit Tom Hanks über einen Piratenangriff auf ein amerikanisches Containerschiff im Golf von Aden komplett leer ausging - obwohl er ganz subtil inszeniert ist, fast dokumentarisch bescheiden. Oder Spike Jonzes „Her“, der auf vielleicht noch subtilere Weise als „Gravity“ behandelt, wie wir unsere Körper abschaffen: Joaquin Phoenix verliebt sich darin in eine Computerstimme und erzählt von einer etwas beängstigenden Möglichkeit, in Zukunft Beziehungen zu führen. Oder Alexander Paynes „Nebraska“, der eine einen alten Mann ein letztes Mal auf Wanderschaft schickt. Hollywood hat so viele relevante, zeithistorisch brisante Stoffe für sich entdeckt. Das ist die positive Botschaft dieser 86. Oscar-Verleihung.