Interview

Keira Knightley - „Ich kann leicht zerbrechen“

Sie gilt als eine der schönsten Frauen Hollywoods: Keira Knightley. Jetzt ist sie in einem neuen Film zu sehen. Ein Gespräch über Stress, Selbstkontrolle und darüber, warum sie Fitnesstraining hasst.

Foto: MA/JB / REUTERS

Ein leicht nervöses Lächeln, ein erfrischend offener Blick, der helle Singsang der Stimme, der Eindruck den Keira Knightley bei Interviews hinterlässt hat sich seit Jahren nicht geändert. Selbst die flapsigen Sprüche gehören weiterhin zu ihrer Person. Und doch macht die 28-Jährige mitunter einen noch nachdenklicheren Eindruck als früher – was verschiedene Gründe haben kann. Die Tatsache, dass sie nach Jahren von unabhängigen Kunst-Dramen mit „Jack Ryan“ (seit 27.2. im Kino) wieder einen größeren Hollywood-Film auf ihren Schultern trägt oder dass sie inzwischen auch die Verantwortlichkeiten des Ehelebens kennt – selbst wenn sie sich keinesfalls darin gefangen fühlt, wie sie gesteht.

Berliner Morgenpost: Sie haben seit der „Fluch der Karibik“-Trilogie keine großen Actionspektakel mehr gedreht. Fiel es Ihnen schwer, sich wieder auf einen Thriller wie „Jack Ryan“ einzustellen?

Keira Knightley: Eigentlich nicht, abgesehen davon, dass ich dabei viel Freizeit hatte. Ich war nur zwei Tage pro Woche im Einsatz. Und ich bin es gewohnt, die ganze Zeit ranzuklotzen.

Aber ein bisschen Entspannung kann doch nicht schaden?

In dem Fall war es nicht schlecht, denn ich fing mir beim Dreh eine Darminfektion ein. Aber sonst brauche ich meinen Stress. Nur so verschwende ich keine Zeit, denn wenn ich keinen Druck bekomme, dann habe ich die Tendenz, unglaublich faul zu sein und Dinge aufzuschieben. Die sitzt tief in mir drin, und ich kann leicht darin abrutschen. Dann wirke ich, als hätte man mir eine Lobotomie verpasst. Während meiner ganzen Freizeit bei „Jack Ryan“ dachte ich mir, ich sollte was Wichtiges machen oder ein paar Kunstgalerien besuchen – ich liebe das über alles. Aber ich habe es einfach nicht hingekriegt. In solchen Phasen schaffe ich es nicht mal, ein Buch zu lesen. Ich hänge herum und starre aus dem Fenster.

Gibt es denn keine echte Hilfe? Wie wär’s mit Sport?

Ich hasse Fitnesstraining. Ich versuche es natürlich, aber das ist natürlich genauso von meinem Hang zum Nichtstun betroffen. Letztlich läuft es darauf hinaus, dass ich von diesem Zustand total depressiv werde. Und wenn es soweit gekommen ist, dann reiße ich mich zusammen. Als Nächstes fange ich an, mein Haus sauber zu machen. Das ist der erste Schritt aus dem Tief. Als Nächstes muss ich versuchen, ein Buch zu finden, das ich mag. Und danach geht es wieder ins Fitnessstudio. Das läuft alles zyklisch, und das ist auch mein Trost. Ich weiß, solche Phasen gehen vorüber.

Was ist mit Ihrem Mann, dem Klaxons-Musiker James Righton? Versucht der Sie nicht anzutreiben?

Ihm und einigen anderen Menschen in meinem Leben fällt mein Mangel an Disziplin schon auf. Aber es verlangt Fingerspitzengefühl, mir das zu sagen. Der Betreffende muss sich den richtigen Moment ganz, ganz genau aussuchen.

Ihre Eltern sind seit 37 Jahren verheiratet. Sind sie Vorbilder für Sie?

Nein, denn ich habe mich nie für jemand gehalten, der heiratet. Ich habe mir auch nicht darüber den Kopf zerbrochen, was es bedeutet, verheiratet zu ein. Offen gestanden habe ich nicht an die Ehe geglaubt. Andererseits hatte ich nichts dagegen. Und wenn sie nicht klappt, kann ich mich immer noch scheiden lassen (lacht). Nicht dass ich das vorhätte!

Wie sehen Sie die Ehe jetzt?

Was ich daran mag ist, dass du zu einer Person sagen kannst: „Ich möchte, dass du offiziell Teil meiner Familie bist.“ Deine Eltern, deine Geschwister, deine Kinder kannst du dir nicht aussuchen, aber diesen einen Menschen schon. Und diese Vorstellung gefällt mir sehr. Natürlich vorausgesetzt, dass diese Beziehung auch hält.

Was gibt Ihnen die Liebe?

Wenn ich mich nicht geliebt fühlen würde, dann hätte ich keine Selbstsicherheit. Dann müsste ich mich in den Mittelpunkt stellen, weil ich ohne die öffentliche Aufmerksamkeit nicht leben könnte. Und dabei würde ich immer enttäuscht werden, denn es gibt immer jemand, der sagt: „Du warst aber total schlecht.“ Aber ich hatte immer dieses Gefühl, geliebt zu sein – das bekam ich schon von meinen Eltern. Ich könnte mir nicht vorstellen, wie es anders wäre. Ich will es auch nicht, denn ich bin so sensibel, dass es mir selbst schon blöd vorkommt. Mir tun Dinge weh, die mir gar nicht mehr weh tun sollten.

Wie ist es denn mit Filmrollen – gehen Ihnen die manchmal auch unter die Haut?

Das kann durchaus passieren. Manchmal kann ich eine Figur auch nach Drehschluss nicht abstreifen, da bin ich dann ständig in einer furchtbaren Stimmung und für meine Mitmenschen nicht so leicht zu ertragen.

Ihr Beruf hat also schädliche Nebenwirkungen.

Aber er hilft mir gleichzeitig, menschliche Emotionen zu verstehen. Ich darf ihn nur nicht als Therapie nutzen. Das wäre zu gefährlich. Denn ich spiele ja mit sehr dunklen Emotionen; die Figuren, die ich darstelle, haben auch viele zerstörerische Züge. Und ich darf mich nicht in ihrer Psyche verlieren. Denn wie jeder Mensch bin ich sehr fragil; ich kann leicht zerbrechen. Wenn ein Gefühl zu extrem wird, dann wird daraus Verrücktheit. Und deshalb musst du die Kontrolle über dich selbst behalten.

Und wie tun Sie das?

Gute Frage (lacht). Jeder kennt doch das Gefühl: Du bist in einer miesen Stimmung und lässt es an deinen Nächsten aus. Und plötzlich fragst du dich: Warum tue ich das? Die einzige Lösung ist es, sich das bewusst zu machen.

Wie kommen Sie denn mit diesem Nervenkostüm eigentlich in der Showbranche klar?

Wenn mich etwas herunterzieht, dann stehe ich ziemlich schnell wieder auf und kämpfe mich wieder vorwärts. Den Punkt, an dem ich einbreche, habe ich noch nicht erreicht. Ich weiß nicht, wo der liegt. Aber ich glaube, selbst wenn es ganz schlimm werden würde, dann schaltet sich ein Überlebensinstinkt ein. Natürlich habe ich Tage, wo ich keine Lust habe, mich mit der Welt auseinanderzusetzen. Dann gebe ich meiner Schüchternheit nach und ziehe mich in ein Kämmerchen zurück. Das finde ich auch ganz normal. Geht Ihnen das nicht so, dass Sie in einer Situation landen, wo Sie sich sagen: „Sonst werde ich damit fertig, aber aus irgendeinem Grund schaffe ich das jetzt nicht“?

Aber ich stehe nicht unter öffentlicher Beobachtung wie Sie.

Wir sind doch alle gleich, egal ob unser Bild in der Zeitung steht oder nicht. Es gab natürlich Phasen, wo mich die Paparazzi so verfolgten, dass ich fast paranoid wurde. Aber die sind längst vorbei.

Wie ist das passiert?

Meine Lösung war, weniger zu arbeiten. Und ich habe keine großen Blockbuster gedreht, sondern eher Kunstkino-Filme. Zur Zeit von „Fluch der Karibik“ konnte ich ja nicht mal in Ruhe in den Supermarkt gehen. Jetzt fahre ich sogar gelegentlich mit der U-Bahn, ohne dass mich die Leute behelligen.

Könnten Sie sich vorstellen, mal so richtig auszusteigen?

Klar will ich dem Ganzen mal gelegentlich entkommen. Aber dafür brauche ich nur eine Urlaubsreise zu machen. Ich war zum Beispiel schon mal im Himalaja wandern. Und es gab noch intensivere Trips. Zum Beispiel war ich in Äthiopien. Ich werde nie vergessen, wie wir in den Slums von Addis Abeba unterwegs waren, und es aus allen Rohren schüttete. Überall kamen die Leute aus ihren Häusern und luden uns in ihre Wohnung ein, um Kaffee zu trinken – obwohl sie überhaupt nichts hatten. So etwas passiert dir in London garantiert nicht.

Aber das Leben in der Zivilisation hat ja auch seine angenehmen Seiten. Immer wieder landen Sie auf den Schönheitshitlisten. Das Magazin „W“ ernannte Sie beispielsweise zum ‚Gesicht des Jahrzehnts’.

Was soll ich dazu sagen? Es ist immer noch besser als zur hässlichsten Frau der Welt gekürt zu werden. Ich arbeite halt in einer Branche, wo Bilder eine wichtige Rolle spielen. Ich habe sicherlich seinerzeit die Rollen am Anfang meiner Karriere auch wegen meines Aussehens bekommen. Aber wenn du nur ein hübsches Gesicht hast, dann welkst du dahin! Du verwelkst. Wenn das das Einzige wäre, was ich zu verkaufen hätte, hätte ich ein echtes Problem.

Was ist der Grund, weshalb Sie jetzt 13 Jahre nach Ihrer ersten Hauptrolle immer noch im Geschäft sind?

Ich kann nur sagen, was meine Einstellung ist. Und die lautet: Ich arbeite so hart, wie ich kann. Ansonsten ist dieser Beruf nur ein sinnloses Nichts, pure Selbstgefälligkeit – was ich total hasse. Wenn du etwas an die Öffentlichkeit bringst, dann streng dich zumindest an, dass es eine Existenzberechtigung hat.

Selbst wenn Sie Actionfilme wie „Jack Ryan“ und keine anspruchsvollen Dramen drehen?

Selbst wenn es pures Entertainment ist. Dann musst du dich anstrengen, dass es das beste Stück reiner Unterhaltung wird. Das heißt nicht, dass du das in jedem Falle schaffst. Manchmal erlebst du eine komplette Bauchlandung. Aber der Versuch muss immer da sein.

Das Interview führte Rüdiger Sturm