Bascha Mika

Warum alternde Frauen einfach unsichtbar werden

Die ehemalige Chefredakteurin der „taz“, Bascha Mika, hat ein Buch über das Altwerden geschrieben – und warum Frauen anders damit umgehen als Männer. Wir haben mit ihr gesprochen.

Foto: JakobHoff / Jakob Hoff

Bascha Mika hat eine neue Front aufgemacht. Nach dem Angriff auf den privaten Selbstbetrug in die "Feigheit der Frauen", wagt sich die Publizistin nun an das Thema weiblichen Alterns. "Mutprobe" ist der Titel ihres neuen Buches.

Berliner Morgenpost: Frau Mika, was ist alt?

Bascha Mika: Kennen Sie den Spruch: Man ist so alt, wie man sich fühlt? Das ist gelogen. Man ist so alt, wie einen die Gesellschaft macht. Beeinflusst durch die Bilder um uns herum fangen manche Frauen sogar schon mit Ende zwanzig an, sich alt zu finden. Männer hingegen blenden ihr Alter aus.

Das ist doch eine gute Nachricht. Wenn die Gesellschaft Schuld ist, dass wir älter werden, dann müssen wir sie einfach stoppen und schon bleiben wir jung.

Mal langsam. Auch wenn wir hier nicht über das biologische Altern reden, kann keiner von uns diesem Prozess entgehen. Und bereits der ist eine Herausforderung – für Frauen wie für Männer. Doch bei Frauen wird dann noch gesellschaftlich jede Menge an Vorurteilen und Abwertungen draufgepackt. Das soziale Alter ist abhängig vom Geschlecht und da hat die weibliche Seite ganz miese Karten. Warum sind George Clooneys Falten attraktiv, während seine Filmpartnerinnen alle Altersspuren auf Teufel komm raus wegmachen lassen?

Ab welchem Alter altern Männer und Frauen denn unterschiedlich?

Spätestens ab 40 fangen die meisten Frauen an zu spüren, dass sie anders wahrgenommen werden. Dabei gibt es eigentlich nur einen Punkt, über den sie offen reden: den Verschwindefluch. Wenn sie in einen Raum kommen, schauen immer weniger Männer – und Frauen! – sie an. Sie werden unsichtbar.

Kann das nicht auch etwas sehr Angenehmes sein? Ich will gar nicht, dass mir jeder Trottel hinterherglotzt.

Es geht dabei gar nicht nur um die erotische Wahrnehmung durch Männer. Das würde das Problem auf die persönliche Kränkung reduzieren. Der Verschwindefluch wirkt im gesamten öffentlichen Raum. Und wenn ich im öffentlichen Raum nicht mehr wahrgenommen werde, dann hat das absolut nichts damit zu tun, ob ich sexy oder erotisch bin, sondern dann werde ich von der Gesellschaft ausgegrenzt.

Also verschwinden wir auch für Kollegen und Chefs?

Ja, der Fluch gilt auch im Beruf. Im mittleren Alter werden die Leistungen von Frauen systematisch unterschätzt, sie werden bei Gehaltserhöhungen übergangen und für Weiterbildungen nicht eingeplant. Für die allermeisten Führungsfrauen ist mit Anfang fünfzig das Ende der Aufstiegsleiter erreicht, während Männer noch mit siebzig in Spitzenpositionen berufen werden.

Ist es nicht auch eine Chance für eine Frau, wenn sie nicht mehr als Beuteobjekt wahrgenommen wird? Kann sie dann nicht viel glaubhafter auftreten, wenn man ihren Erfolg nicht mehr darauf schieben kann, dass der Chef auf sie scharf ist?

Im Gegenteil. Übersehen zu werden bedeutet noch eine zusätzliche Hürde. Ich muss als Frau erst einmal darauf aufmerksam machen, dass ich überhaupt existiere, bevor ich meine Positionen vertreten kann. Das ist doch eine unfassbare Unverschämtheit.

Wenn jemand ein Buch übers Altern schreibt, dann fragt der Leser natürlich als erstes, wie alt ist die eigentlich?

Manche Frauen verstecken ja ihr Alter aus strategischen Gründen. Und spätestens seit meiner Recherche zu dem Buch verstehe ich auch, warum. Aber ich habe das, soweit ich mich erinnern kann, nie gemacht. Es hilft uns doch nicht, wenn wir einen wichtigen Teil unserer eigenen Biografie verschweigen. Ich habe mich immer auf meine Geburtstage gefreut, und das Fest zu meinem letzten war so großartig, dass ich es nochmal umso lieber sage: Ich bin sechzig Jahre alt!

Sie schildern viele persönliche Momente in diesem Buch, aber nie ihre eigenen.

Es gibt genügend autobiografische Bücher zu dem Thema. So nach dem Motto: '50 – ist doch wunderbar'. Das interessiert mich weniger. Ich habe eine journalistische Herangehensweise gewählt. Meine größte Erkenntnis bei der Recherche hatte ich bei der Entdeckung von "Doing Aging". Dieser soziologische Begriff beschreibt, dass ähnlich wie es ein sozial konstruiertes Geschlecht gibt, auch das Alter gesellschaftlich gemacht wird. In der Praxis zeigt sich dieser soziale Mechanismus, wenn Frauen ab einem bestimmten Alter ausgegrenzt und abgewertet werden, Männer hingegen nicht. In der Wissenschaft gibt es also einen theoretischen Ansatz, der den doppelten Standard beim männlichen und weiblichen Altern ganz klar analysiert, aber kein Schwein kennt ihn.

Kann man nicht sagen, dass Männer es klüger angehen als Frauen? Ihrer These nach leugnen die ja einfach, dass sie älter werden.

Nein, Ignoranz kann nicht die Lösung sein. Männer haben ja auch Nachteile durch ihre Art, mit dem Altern umzugehen. Sie sterben im Durchschnitt früher als Frauen, weil sie sich körperlich vernachlässigen. Sie wollen ja noch nicht mal wahrhaben, dass auch sie in die Wechseljahre kommen.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.