Potsdam

Aufbruch und Abbruch in der Postwendezeit

| Lesedauer: 3 Minuten
Von Stefan Kirschner

Foto: HL Böhme

John von Düffel hat den Tschechow-Klassiker „Der Kirschgarten“ fortgeschrieben. „Der Kirschgarten - Die Rückkehr“ kam jetzt am Potsdamer Hans-Otto-Theater zur Uraufführung.

Dieser Mann ist ein Phänomen: John von Düffel, 1966 in Göttingen geboren, gehört zu den produktivsten Dramatikern unserer Tage. Hauptberuflich ist er Dramaturg am Deutschen Theater, daneben schreibt er Prosa, Theaterstücke und dramatisiert vorzugsweise dicke Romane von Thomas Mann, Uwe Tellkamp oder Alexander Solschenizyn. Er lebt in Potsdam und hat dem dortigen Hans Otto Theater jetzt eine Uraufführung überlassen: "Kirschgarten - Die Rückkehr" erinnert titelmäßig eher an einen Film, ist aber die Fortschreibung des Tschechow-Klassikers "Der Kirschgarten".

Düffel belässt die Geschichte in Russland, allerdings verlegt er die Handlung in die frühen 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts und schafft so Analogien zu der Nachwende-Situation im Osten Deutschlands, wo engagierte Lokalpolitiker noch an Demokratie und Gerechtigkeit glauben und versuchen, die Interessen der Bevölkerung mit denen von ausländischen Investoren und halbseidenen, örtlichen Unternehmern unter einen Hut zu bringen.

Lopachin ist so ein Typ. Tschechow-Vertraute kennen die Figur des dummen Bauern, der zu Geld gekommen ist, aber mit Schönheit nichts anfangen kann, aus dem "Kirschgarten". Er war es, der das Gut von der verarmten Adelsfamilie erworben hatte. In der letzten Szene des Stücks hört man die Sägen, die Bäume werden abgeholzt, weil Lopachin Datschen für Feriengäste errichten will.

Der Enkel ist einer schmieriger brutaler Machttyp

Bei Düffel tritt nun der Enkel dieses Tschechow-Lopachin auf, bei Raphael Rubino ist er ein schmieriger brutaler Machttyp mit Neigung zu Gewaltausbrüchen, was auch - Werder lässt grüßen - die angetrunkene Kirschblüten-Königin Dunjascha (Elzemarieke de Voss) zu spüren bekommt. Gel Und bei der ersten Begegnung mit den mittlerweile in den USA lebenden Nachkommen der russischen Adelsfamilie stehen sich Lopachin und Gajew, der bei Schauspieler Bernd Geiling im rauen Russland zunehmend die Selbstkontrolle verliert, mit gezückten Pistolen gegenüber.

Gajews begleitet (und beschützt) seine Schwester Anja (Melanie Straub) auf die Reise in die Vergangenheit. Die will das frühere Familien-Gutshaus sanieren und den Kirschgarten wieder anpflanzen lassen. Dazu sollen die Behausungen - kein Strom, keine Kanalisation - abgerissen und die Bewohner umgesiedelt werden. Dem Bürgermeister ist der "Slum" eh ein Dorn im Auge, er verspricht Hilfe.

Jon-Kaare Koppe spielt diesen Trofimow, dessen petrolfarbener Anzug mit der Gutshauswandfarbe korrespondiert (Ines Burisch hat die Kostüme und Alexander Wolf das dazu passenden postsozialistische Bühnenbild entworfen) als idealistischen Gutmenschen. Für die an Shakespeare angelehnten Rüpelszenen sorgen der Dauerverletzte Oleg (Christoph Hohmann) und Sascha (Alexander Finkenwirth), wobei die Komik in Tobias Wellemeyers Inszenierung, die einen Hang zur Übersymbolisierung hat, ein bisschen zu breit ausgespielt wird. Knapp drei Stunden dauert die Aufführung, der nach der Pause leider die Luft ausgeht.

Hans Otto Theater, Potsdam. Wieder am: 15., 16. und 20.2. Karten: 0331-98118