Neuer Roman

Sven Regener und die Suche nach sich im eigenen Universum

Der Berliner Schriftsteller hat das Frank-Lehmann-Universum erschaffen. Nun gibt es den vierten Teil über Lehmanns besten Freund – ein Road-Roman über Raves, Drogen und die guten alten Zeiten.

Foto: ** / Charlotte Goltermann

Als er in Köln ist, begibt sich Karl Schmidt auf die Suche nach sich selbst. Er betritt eine Kunstbuchhandlung und sucht nach einem Katalog, genau genommen nach seinem Katalog, dem „Katalog Karl Schmidt – Mechanik und Statik“: „Ich betrachte in Ruhe das Bild. Ich war gut drauf gewesen damals. Nicht der Hellste, aber gut drauf. Ich sah aus wie einer, den nichts erschüttern kann, dabei kam ich nur wenige Wochen nach dem Foto in die Klapse, wie passte das zusammen?“

Tja, gute Frage. Sein Schöpfer Sven Regener müsste es eigentlich wissen, was diesen Karl Schmidt nun umgehauen hat, aber Sven Regener, das muss man gleich an dieser Stelle festhalten, ist an diesem Mittag bei unserem Treffen so gar keine Hilfe und verweist darauf, dass die Psychologie ja keine exakte Wissenschaft sei und „die menschliche Seele ein komplexes Ding ist“. Sein Rumrätseln hat Methode. Regener betrachtet seine Figuren mit einiger Distanz, ja zuweilen mit Argwohn und Skepsis, und je länger er über sie sinniert, desto weniger würde man sich wundern, wenn irgendwann Karl Schmidt, Frank Lehmann und der ganze Rest leibhaftig durch die Tür reinkämen.

Drei Millionen verkaufte Bücher

Sven Regener hat in gut zehn Jahren eine erstaunliche – und einzigartige – Karriere von einem Sänger einer erfolgreichen Band hin zu einem sehr erfolgreichen Literaten vollbracht. Seine drei Romane über die Kreuzberg-Figur Frank Lehmann verkauften sich, Taschenbuch und Hardcover zusammengefasst, knapp drei Millionen Mal. Sven Regener ist somit einer der extrem selten anzutreffenden Schriftsteller, der im Feuilleton beliebt und geachtet ist, komplett skandalfrei geblieben ist und dessen Bücher sich trotzdem sensationell verkaufen. Der Autor, der seit Jahrzehnten in Berlin lebt und ungeachtet dessen so brachial und unversöhnlich norddeutsch spricht, als sei er vergangene Woche mit Robben & Wientjes von Bremen in den Prenzlauer Berg gezogen, ist in seiner beiden Künstlerleben ein interessantes Unikat: Während im künstlerischen und sonstigen Leben sowieso jeder Erfolg seine Nachahmer findet, folgten weder auf Element of Crime noch auf den Autor Sven Regner auffällige Kopierversuche.

Nun also ein Roman über Karl Schmidt, Frank Lehmanns bester Freund, der vierte Teil der Trilogie, wenn man so will, und falls man Sven Regener richtig verstanden hat, nicht unbedingt der Abschluss des Lehmann-Epos’. Karl Schmidt tauchte im Debüt „Herr Lehmann“ erstmalig auf, beschrieben als ein „Riesenschrank von einem Mann, groß, breit und stark, nirgendwo zu übersehen“. Ein Mann, der auch mal zuhaut oder weitergeht oder einfach handelt, während Frank Lehmann im zwanghaften Zwiegespräch mit sich selbst grübelt und den nächsten Schritt wieder und wieder durchdenkt. Das war ein schönes Duo, der eine Kopf, der andere Bauch, der eine Verstand, der andere Intuition, der eine Bedenkenträger, der andere Frohnatur. Nur, die Frohnatur hat es aus der Kurve getragen und zwar genau in dem Augenblick, als Berlin den Moment aller Momente erlebte und die Mauer fiel und nun sind wir in dem gerade erschienenen Roman „Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt“ (Galiani Berlin, 512 Seiten, 22,99 Euro) fünf Jahre später und Karl Schmidt lebt in einer drogentherapeutischen Einrichtung in Hamburg.

Mit einem Bus voller DJs geht es los

Er führt ein vorsichtiges Leben, denn was genau sein Problem war – die Drogen, der Alkohol, der Stress wegen der bevorstehenden Ausstellung? –, er weiß es nicht und daher entsagt er allem, nur den Zigaretten bleibt er treu. Zufällig begegnet er einem alten Kumpel aus Berliner Zeiten, der ihn immer wieder – frei von Bösartigkeit, aber auch von Empathie – darauf hinweist, dass er, also Karl Schmidt, „ja alles verpasst“ hat, nämlich den Beginn der 90er-Jahre. Diesem alten Kumpel gehört ein Musiklabel mit „Bummbumm“-Musik in Berlin, und er plant mit seinem Teilhaber eine Rave-Tour durch Deutschland. Mit einem Bus voller DJs soll es los gehen, und da ein Rave ohne Drogen schwer vorstellbar ist, braucht man einen, der sauber bleibt und nicht verstrahlt ist, und das ist nun einmal Karl Schmidt.

Wenige Worte genügen ihm, um eine neue Person zu erschaffen. Über eine Mitbewohnerin in der Drogen-WG schreibt er: „Ironie perlte an ihr ab wie Wasser an der Ente, sie hatte keinen Sinn dafür, so wie andere Leute nicht singen oder nicht Schach spielen können.“ Ein anderer ist Henning: „Henning war keiner, bei dem man dabei sein will, wenn er mit einer großen Kanne heißen Kaffees in den Händen die Fassung verliert.“ Es gibt wieder diese langen Wortwechsel, wie in den anderen beiden Lehmann-Bücher, die in Berlin spielen, die ihre Komik aus ihrer Mischung aus Penetranz und Pedanterie schöpfen und „Magical Mystery“ ist deshalb genauso ein großartiges Buch wie „Nord Vahr Süd“ – den Bremen- und Bundeswehr Roman –, weil wir Seite für Seite für Seite den Held immer ein klein wenig besser kennen lernen.

Love, Peace and Happiness

Besonders gelungen ist Sven Regener, wie er den Zeitgeist der 90er-Jahre einfängt. Waren die 80er-Jahre, die Lehmann-Jahre, noch geprägt durch Schnorrertum, Intoleranz und Geiz und ein einziger Abgrenzungskampf mit konkurrierenden Lebensstilen, sind die 90er-Jahre eine Wiederaufführung von „Love, Peace and Happiness“. Ständig wird Karl Schmidt von seinen alten Kumpanen umarmt und wundert sich, ob man früher wirklich so dicke miteinander war; bei dieser Tour, so sagt einer der beiden Labelchefs, „geht es um das Ding mit der Liebe” und einmal muss Karl Schmidt als Ersatz-DJ einspringen und steht oben vor der tanzenden Masse „wie ein Wackeldackel“ nickend und „die waren alle so glücklich und unbeschwert, dass mir das Herz überging vor Liebe, eine staunende Liebe war das (....), das war so schön und so rein und so ohne Arg und Hintersinn, dass ich auch einfach mal die Arme in die Luft warf und dann riss es mich mit und ich tat das einzig Wahre. Ich drehte mich um und wackelte mit meinem fetten Riesenarsch Richtung Publikum.“

Das einzige Problem ist: Es stimmt so nicht. Also, zumindest hat es so Sven Regener nicht gemeint mit dem Zeitgeist.

Berliner Morgenpost Karl Schmidt sagt über die 80er-Jahre in Berlin: „Wir hatten in einem Schwarz-Weiß-Film gelebt. Waren die 90er-Jahre dann der Farbfilm?

Sven Regener: Nein, so etwas wie 80er-Jahre oder 90er-Jahre in Berlin, das gibt es ja gar nicht, das sind immer nur subjektive Sichtweisen. Für ihn war das eine große, aufregende Zeit, weil er immer dachte Teil eines Films zu sein. Das hat auch etwas mit seinem Alter zu tun, er glaubt Teil einer Inszenierung zu sein und alles hat einen besonderen Glanz

Mit dem Beginn der Neunziger kam einiges zusammen: Folgen des Mauerfalls, Rave und Techno wurden zu einer Massenbewegung, es gab mehr synthetische Drogen....

...aber man darf eines nicht vergessen, dass die individuellen Erfahrungen der Menschen immer noch mal andere sind als das allgemeine Bild, was man hat. Frank Lehmann bekommt die Maueröffnung ganz anders mit, als so, wie man sie im Fernsehen sieht. Was Karl Schmidt eigentlich erzählt, ist, wer war man vor 15 Jahren und wer man heute ist, wie hat das mal angefangen, wie hat man mal das Leben gesehen, wie hat man sein Leben gelebt, das hat auch viel mit Verlust zu tun.

Ok, ein letzter Versuch: Es gibt doch eine kollektive Erfahrung, oder?

Ja, aber sie ist viel geringer als wir denken. Ich war Anfang der 80er-Jahre auf dieser großen Friedensdemonstration in Bonn, mit Heinrich Böll im Hofgarten. Die große kollektive Erfahrung sind die Bilder aus dem Hubschrauber, die Totalblende auf den Hofgarten. Woran ich mich aber erinnere, ist das unendliche Gelatsche. Ein stundenlanges Gelatsche und schmerzende Füße. Im Grunde habe ich gar nichts mitbekommen, außer dass Ilja Richter was Gereimtes vorgetragen hat: „Raketen weg. Das ist auch billja. Es grüßt Euch herzlich: Euer Ilja.“

Vor ein paar Jahren hat Sven Regener erzählt, dass „er den Leuten nicht vorschreiben will, wie sie die Romane zu lesen haben“. Jetzt hat er den Schlamassel. Karl Schmidt ist in der Welt, und er könnte sich jeden Augenblick zu uns setzen. Dann fragen wir ihn, er muss es ja wissen.