Mads Mikkelsen

Michael Kohlhaas - Das ewige Lied vom Rebellen

Ein Franzose verfilmt den urdeutschen „Michael Kohlhaas“-Stoff – mit dem Dänen Mads Mikkelsen in der Titelrolle. Die zweite Hauptrolle spielt dabei eine karge Landschaft.

Foto: © 2013 polyband Medien GmbH.

Vor Mads Mikkelsen sollte man sich in Acht nehmen. Das weiß man nicht erst seit „Casino Royale“, dem ersten Bond-Film mit Daniel Craig, in dem der Däne der böse Gegenspieler war. Das weiß man auch aus dänischen Filmen wie der „Pusher“-Trilogie oder „Valhalla Rising“ und aus internationalen Produktionen wie „King Arthur“ oder „Kampf der Titanen“. Wer glaubt, Ryan Gosling habe das Schweigen kinotauglich gemacht, der vergisst, dass Mikkelsen schon seit einer Dekade der große Schweiger auf der Leinwand ist. Lange, sehr lange brodelt es in ihm, bis sich seine Emotionen, seine Wut Bahn brechen. Und wehe dem, der ihm dann in die Quere kommt.

Insofern ist auch Michael Kohlhaas eine Figur, die sich in seine Filmographie passgenau einfügt. Auch wenn es sicher etwas überrascht, den prominenten Dänen in einer französischen Verfilmung eines ur-deutschen Stoffes zu sehen. In Arnaud des Pallières’ „Michael Kohlhaas“-Adaption spielt er den titelgebenden Pferdehändler, dem ein Baron einen Wegezoll auferlegt, den er nicht zahlen müsste, dem er zwei kostbare Pferde als Pfand hinterlassen muss, die danach nicht mehr zu gebrauchen sind, und dem auch noch die Frau, die an seiner Statt sein Recht am Hof einfordert, getötet wird.

Lange mahlen bedrohlich die Backen in Mikkelsens Gesicht, verengen sich die Augen zu schmalen Ritzen. Bis der Mann schließlich, nach gut 40 Minuten, seinen Gürtel umschnallt, auf dass Gerechtigkeit geschehe. Auch wenn die Welt daran zugrunde geht.

Ein Däne als urdeutscher Rebell

Eine Adaption dieses Stoffes ist immer gleich eine doppelte Projektion. Der wahre Fall des Rebellen Hans Kohlhaase trug sich im 16. Jahrhundert, während der Reformation zu. Kleist schrieb seine Novelle 1810, unter dem unmittelbaren Eindruck der napoleonischen Besatzung. Schon zwei Mal ist der Kleist-Stoff verfilmt worden, und seltsamerweise immer als Western. 1969, kurz nach den Studentenunruhen, von Volker Schlöndorff, der „Michael Kohlhaas – der Rebell“ wie einen Italo-Western inszenierte. Und 1999 in den USA von John Badham, der „The Jack Bull – Reiter auf verbrannter Erde“ im Wyoming des späten 19. Jahrhunderts spielen ließ.

Der Franzose des Pallières, dem ebenfalls „eine Art Western“ vorschwebte, verlegt den Stoff nun abermals, zwar datiert er ihn in die originale Zeit zurück, topft ihn aber nun vom Brandenburgischen und Sächsischen um und lässt ihn in den Cevennen spielen. Ein Gebirge, das seit etwas über zwei Jahren zum Unesco-Welterbe der Menschheit zählt und sich gleich in zweifacher Hinsicht anbot.

In dieser rauen Landschaft lebten zu Beginn des 16. Jahrhunderts Katholiken und Protestanten friedlich zusammen, womit ein Bezug zum aufkommenden Protestantismus des Stoffes hergestellt wird. Die Gegend spielte aber auch im Zweiten Weltkrieg eine große Rolle in der Résistance, womit sie eine ideale Landschaft darstellt für den „Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moralität", wie Ernst Bloch den Kohlhaas bezeichnete.

Seinen Film hat der Regisseur mit internationalem Cast besetzt: neben dem Dänen Mikkelsen und Franzosen wie Denis Lavant und Sergi Lopez sind auch deutschsprachige Darsteller wie Bruno Ganz, David Kross und David Bennent zu sehen. Die Geschichte sollte nicht deutsch und nicht französisch, sondern universell sein.

Die Landschaft als zweiter Hauptdarsteller

Die fremde Landschaft fügt sich bestens ein in die vertraute Geschichte. Des Pallières erzählt seinen Kleist in großen, klirrend kalten Bildern der rauen, zerklüfteten, widrigen Natur und hat fast alle Szenen nach draußen, ins Freie verlegt. Dialoge sind weitgehend zurückgedrosselt. Dafür spielt das Land geradezu die zweite Hauptrolle neben dem Titelhelden, immerzu hört man den Wind rauschen, die Fliegen summen, das Vieh scharren, das Gras und den Torf meint man geradezu riechen zu können.

Und diese großen Naturpanoramen spiegeln sich in den nicht minder zerklüfteten Gesichtslandschaften der Darsteller. Diese spröde Erzählweise passt allerdings nicht ganz so gut zu der typischen Kleistschen, geradezu vorpreschenden Sprache, die hier ausgebremst wird und den Erzählfluss zuweilen stocken lässt.

Und dann bleibt der Film letztlich etwas vage und unentschlossen in der Bewertung seiner Hauptfigur. Der Regisseur suchte dezidiert einen Bezug zur heutigen Zeit: Wie kann ein unbescholtener Bürgersmann und liebender Familienvater zum Fanatiker werden und für eine Idee alles opfern?

Kohlhaas als Extremist und Terrorist: Das wäre ein radikaler, neuer Interpretationsansatz, den des Pallières aber in seiner betont historischen, ja geradezu archaischen Bilderwelt nicht konsequent verfolgt. So bleibt „Michael Kohlhaas“ nur ein Braveheart der Reformation. Weshalb der Film bei seiner Uraufführung beim Festival von Cannes – ein Jahr nachdem Mikkelsen dort für „Die Jagd“ als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde – auch eher verhalten aufgenommen wurde.

Zwei Rebellen auf einen Streich

Es ist nicht ohne Ironie, dass nun gleich zwei Kohlhaases im deutschen Kino zu erleben sind. Neben dieser französischen Adaption läuft seit einem Monat auch Aron Lehmanns vergnügliche deutsche Parabel „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“, in der die Kleist-Novelle verfilmt werden soll, bis der Produktion sämtliche Gelder gestrichen werden.

Der Regisseur im Film tut alles, um sein Ziel zu erreichen, und geht dabei ähnlich erbarmungslos vor wie sein Held, was durchaus Züge des Terrors entblößt. Man achte also genau, in welchen Kohlhaas man sich setzt. Nicht dass jemand Mads Mikkelsen auf hohem Ross erwartet und stattdessen Robert Gwisdek auf einer Kuh reiten sieht.