Interview

Haben Sie Angst vor Ihrem Vater, Frau Coppola?

Fünf Jugendliche brechen in die Villen von Filmstars ein. Das ist der Stoff von Sofia Coppolas neuem Film, der auf wahren Ereignissen beruht. Ein Gespräch über neue Medien, Jugendtrends und Hollywood.

Foto: picture alliance / dpa

Berliner Morgenpost: Als Sie in Cannes Ihren neuen Film „The Bling Ring“ vorstellten, gab es einen echten Juwelenraub. Das war keine geheime PR für Ihren Film?

Sofia Coppola: Es war perfektes Timing, nicht wahr? Ein Glücksfall.

Ihre Filme handeln immer wieder von jungen Menschen. Aber was die Teenager in „The Bling Ring“ machen, ist wirklich unglaublich. Sie wollen wie die Stars sein, brechen bei ihnen ein und nehmen einfach Klamotten, Taschen, Schmuck mit. Die reine Oberfläche. Das basiert auf einer wahren Geschichte. So etwas könnte man sich vermutlich gar nicht selber ausdenken?

Diese Kids sind wirklich komplett anders, als wir es in unserer Jugend waren. Aber das genau fand ich so spannend an dieser Geschichte. Ich versuchte zu verstehen, was die wohl angetrieben hat. Was für einen Einfluss etwa die Social Media oder das Reality-TV dabei haben. Wie da Hemmschwellen gesunken sind und Grenzen sich verschoben haben.

Glauben Sie, dass die Social Media unsere moralischen Leitlinien verändern?

Aber ja, das ist ja das Exemplarische an dieser Geschichte. Im Internet ist alles öffentlich und jederzeit abrufbar, auch intimste Details. Darum war es ja auch so easy für die Kids, herauszukriegen, wo die Stars wohnen. Und da ist es nur noch ein weiterer Schritt, da auch hinzugehen. Und sich zu bedienen. Dann haben sie Fotos von sich gemacht mit den gestohlenen Sachen und wiederum ins Netz gestellt. Um sich wie Celebrities zu fühlen. Und größtmögliche Aufmerksamkeit zu erlangen.

Warum, glauben Sie, wollen junge Leute von heute vor allem berühmt sein? All die Castingshows überall, wo man sich zum Hans macht, nur um im Fernsehen zu sein?

Ja, das ist eine bizarre Entwicklung. Das wird schlimmer und schlimmer. Der Archetyp davon ist das Reality-TV, du musst nichts mehr können, um ins Fernsehen zu kommen. Sie suggerieren dir, das jeder berühmt werden kann. Wie bei Andy Warhol mit seinen 15 Minuten Ruhm. Das ist wohl einfach das, was viele als modernes Leben verstehen: Facebook gaukelt jedem vor, er sei eine Berühmtheit und habe ein Publikum.

Nach all dem, was Sie da sagen, dürfen wir annehmen, dass Sie kein Freund der Neuen Medien sind.

Nein. Sie finden mich nicht bei Facebook. Twittern tu ich auch nicht. Und ich hasse Reality TV.

Meinen Sie, diese Geschichte hätte überall spielen können? Oder hat das klar mit Los Angeles zu tun?

Nein, es muss schon in Los Angeles spielen. Hier leben die Kids ganz nah bei den Promis. Und kriegen sie hautnah mit. Wenn du in einen Club gehst, sind die da auch. Aber natürlich ist das ein allgemeines Phänomen, promi-geil zu sein, dazu gehören zu wollen. Das ist in ganz Amerika so, und ich denke, auch in Europa wird das immer schlimmer.

Früher wollte man ja auch dazu gehören. Aber da wollte man Groupie sein, Sex haben mit den Stars. Darum geht es in Ihrem Film gar nicht. Die wollen nur noch deren Klamotten tragen.

Das waren Teenager, die sind noch in der Phase der Selbstfindung. Die müssen sich ausprobieren, eine eigene Identität kreieren. Auch über Äußerlichkeiten.

Wie war das für Sie, in Hollywood gelebt zu haben? Sind Sie ähnlich verzogen aufgewachsen?

Gott sei Dank nicht. Ich bin überwiegend auf dem Land in Nordkalifornien aufgewachsen. Also war das nicht mein Umfeld. Damals gab es aber auch noch kein Internet oder diesen ganzen Celebrity-Wahn. Keiner hatte Designerhandtaschen oder -klamotten. Vielleicht hab ich da Glück gehabt. Aber das hat mich an der Geschichte am meisten gereizt: herauszufinden, wie anders die heute ticken in dem Alter.

Was ja am meisten erstaunt in Ihrem Film, ist, wie einfach es gewesen sein muss, bei den Stars einzubrechen. Wir glauben immer, die sind total abgeschirmt mit lauter Security, Alarmanlagen, Überwachungskameras. Und dann schließen die nicht mal ab oder legen den Schlüssel unter die Matte.

Ja das war sehr überraschend. Aber ich erinnere mich, als wir noch in L.A. wohnten, haben wir auch nie die Tür abgeschlossen. Da ist dieser trügerische Gedanke, alles sei sicher.

Aber jetzt schließen die Promis ihre Türen ab?

Möglicherweise. Einige sind wohl wohl vorsichtiger geworden. Paris Hilton hat ein großes Tor vor ihr Haus gebaut….

Über Paris Hilton müssen wir auch noch sprechen. War es schwierig, sie zu überreden, an diesem Film mitzuwirken, sich selbst zu spielen.

Nein, gar nicht. Sie hatte überhaupt keine Bedenken.

Sie haben sogar in ihrem Haus gedreht. Wie haben sie das geschafft?

Auch das hat sich recht schnell ergeben. Sie war sehr hilfsbereit und ließ uns ihr Haus geöffnet. Ich konnte es kaum glauben, als wir vor all diesen Schränken standen.

Und wie fand sie Ihren Film?

Oh, sie mochte ihn.

Ist das nicht etwas ironisch? Sie kommt ja nicht gerade gut weg. Eine oberflächliche Person, die nicht mal merkt, dass sie beklaut wird, so viel hat sie.

Ja, es ist auch ein wenig merkwürdig, dass überall Kissen mit ihrem Abbild herumliegen. Aber das kann ja nur selbstironisch sein, sonst wäre ihr das doch peinlich gewesen. Als Promi spielt sie natürlich mit ihrem Image. Sie ist eine öffentliche Person und ist sich dessen voll bewusst. Sie will immer die größtmögliche Aufmerksamkeit.

Das heißt, sie versteht auch Ihren Film als Werbung in eigener Sache?

Ja, womöglich. Ich glaube, irgendwie ist alles für sie Eigen-PR.

Sie geben mit Ihrem Film den Jugendlichen auch einen gewissen Celebrity-Status. War das ein schwieriger Grat bei der Konzeption?

Ich habe mich aus diesem Grunde entschieden, ihnen andere Namen zu geben. Ich wollte sie nicht noch bekannter machen für das, was sie getan haben. Aber ich fand die Geschichte interessant genug, um sie dennoch zu erzählen.

Wie kann man einen solchen Film machen, ohne gleich in Verdacht zu geraten, Schleichwerbung zu machen? Ständig werden da Markennamen genannt, werden Designer-Teile gerückt.

Sagen wir es so. Chanel oder Louis Vuitton sehen es wohl eher nicht so gern, wenn ihre Taschen bei einem solchen Film im Bild sind. Sie wollten mich als Filmemacherin schon unterstützen. Aber sie wollten auch, dass das etwas werbewirksamer zur Geltung kommt. Wir haben aber mit ihnen geredet. Und am Ende durften wir uns doch Artikel leihen. Ohne Markenartikel hätte das ja auch gar nicht funktioniert.

Musste man jeden einzeln überzeugen? Oder konnte man sagen, dieses und jenes Label ist auch schon dabei, und dann war’s kein Problem.

Ich habe da ein paar Beziehungen, von daher war es nicht so schwer, sie zu überreden. Aber es hilft immer, wenn schon einer mit im Boot sitzt.

Hatten Sie je Angst, Ihr Film könnte andere Teenager, könnte einen nächsten Bling Ring animieren, das jetzt auch zu tun?

Ich hoffe nicht. Ich wollte das jedenfalls nicht glorifizieren. Am Anfang ist alles schrill und verführerisch, aber am Ende müssen sie schließlich Verantwortung übernehmen für das, was sie getan haben. Ich hoffe doch, dass das rüberkommt.

Sie begannen Ihre Karriere mit einem klassischen Coming-of-Age-Film, „The Suicide Virgins“. Auch in Ihren späteren Filmen sind all Ihre Figuren irgendwie Menschen, die nicht erwachsen werden wollen, selbst wenn eine davon Königin Marie Antoinette ist. Ist das etwas, was Sie umtreibt?

Naja, wenn man als Filmemacherin beginnt, muss man sich orientieren, muss sich seinen Weg suchen. Das hat auch mit Coming of Age zu tun. Da liegen solche Stoffe nahe. Aber ja, wenn ich es mir überlege, scheint mich das Thema immer noch zu interessieren. Figuren in Übergangsphasen sind einfach sehr spannend.

Ihr Vater hat mit „Rumble Fish“ und „The Outsiders“ auch einige Klassiker des Jugendkinos gedreht. Da war er allerdings schon Mitte 40. Hat Sie das beeinflusst?

Ich liebe diese Filme. Jetzt nicht nur die von meinem Vater, ich liebe dieses Genre.

Gibt es bei Ihnen eigentlich so etwas wie Familienmeetings, wo Ihr Vater, Ihr Bruder und Sie jedem zeigen, was man gerade so gemacht hat?

Nein (lacht).

Sie zeigen Ihrem Vater Ihre Filme nicht vorab?

Doch, doch, das ist mir schon wichtig. Aber erst zum Endschnitt.

Und? Kritisiert er Sie? Sagt er, so hätte er’s vielleicht nicht getan?

Aber ja... Das wäre ja auch noch schöner, wenn er nichts sagen würde... Ich muss aber nicht immer einverstanden sein mit dem, was er sagt.

Okay, das scheint Ihnen jetzt unangenehm zu sein, sorry. Gibt es je Interviews, in denen Sie mal nicht nach Ihrem Vater gefragt werden?

Nicht sehr oft, nein.

Nervt Sie das?

Man gewöhnt sich daran mit den Jahren. Obwohl ich immer denke, das könnte jetzt auch mal aufhören. Aber ich kann’s ja verstehen. An Ihrer Stelle wäre ich wohl ebenfalls neugierig. Es gibt im Filmbusiness ja auch nicht so viele Vater-Töchter-Konstellationen.

Das Gespräch führte Peter Zander