Hollywood-Star

Gibt es etwas, das Sie in Ihrem Leben bereuen, Mr. Redford?

In dieser Woche kommt der Film „The Company you keep“ in die Kinos. Robert Redford spielt darin einen Anwalt, der sich von seiner Vergangenheit verfolgt sieht. Ein Gespräch über politische Ideale.

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Braungebrannt und gut gelaunt betritt Robert Redford die Suite im Pariser Nobelhotel. Das Hemd hängt lässig aus der Hose, die Ärmel sind hochgekrempelt. Mit einem kräftigen Händedruck erkundigt sich der 76-jährige nach dem Wohlbefinden, bevor er sich an den Interviewtisch sitzt. Hellwach und konzentriert spricht er über seinen neuen Film „The Company You Keep“, bei dem er neben der Regie auch die Hauptrolle übernommen hat. Er spielt einen Anwalt, dessen Vergangenheit als radikaler Untergrundaktivist auffliegt und der nun versucht, seine Unschuld zu beweisen. Mit Redford sprach Thomas Abeltshauser.

Berliner Illustrirte Zeitung: Mr. Redford, Sie sind seit einem halben Jahrhundert als Schauspieler in der Filmbrache aktiv und haben große Umwälzungen erlebt, aber auch selbst viel bewegt. Was treibt Sie an?

Robert Redford: Ob ich auf irgendeine Weise die Filmbranche beeinflusst habe, sollen besser andere beurteilen. Was ich sagen kann: Ich wollte immer Dinge machen, die neu und anders sind. In den 1970er-Jahren durfte ich in interessanten Filmen wie „Der Große Gatsby“ oder „Zwei Banditen“ mitspielen, aber das reichte mir bald nicht mehr, ich wollte gewagtere Geschichten mit Ecken und Kanten. Das war aber immer mit Kompromissen verbunden. Wenn ich in einem Film wie „So wie wir waren“ mitwirkte, ließen sie mich auch „Bill McKay – Der Kandidat“ oder „Jeremiah Johnson“ machen. Das waren alles Filme mit winzigem Budget und ich war sehr dankbar, dass ich beides machen durfte.

Doch dann kamen die ersten Blockbuster, mit denen Hollywood sehr viel mehr Geld verdiente...

Um Geld ging es in Hollywood letztlich immer. Aber plötzlich gab es all die teuren Comicverfilmungen mit Spezialeffekten und Action, eine riesige Industrie. Mir war klar, dass die kleineren, sperrigeren Filme verschwinden würden. Und ich fragte mich: Wie kann ich diese Filme über den Alltag in Amerika am Leben erhalten? Das führte schließlich zum Sundance Institute, mit dem wir junge Filmemacher und Drehbuchautoren mit neuen, frischen Ideen bei der Entwicklung von Projekten unterstützten, unabhängig vom Studiosystem. Nach ein paar Jahren stellten wir aber fest, dass das allein nicht reicht, denn es gab schlicht keine Kinos, die unabhängige Filme zeigten. Das führte schließlich zur Idee, ein Filmfest ins Leben zu rufen, das genau dieser Art von Filmen ein Forum bietet. Heute locken wir damit jährlich über 50.000 Zuschauer in die verschneiten Berge von Utah. Es ist auf der einen Seite also ein riesiger Erfolg. Aber macht es mir noch Spaß? Nein, nicht mehr wie zu Beginn. Es kostet mich sehr viel Zeit und hält mich davon ab, das zu tun, was ich liebe: selbst Filme zu drehen.

Inwiefern passt Ihr neuer Film „The Company You Keep“ in dieses Konzept des unabhängigen Kinos?

Schon allein durch die Tatsache, dass wir kaum Geld dafür hatten, er ist mit sehr kleinem Budget entstanden. Aber ich hatte viel Glück, weil viele befreundete Kollegen wie Julie Christie oder Susan Sarandon für wenig oder keine Gage mitspielten. Das wenige Geld war ein Problem, aber mir war klar, dass ich diese Geschichte erzählen will und nichts konnte mich davon abhalten.

Was genau hat Sie daran interessiert?

Ich war dabei, als der „Weather Underground“ in den Siebziger Jahren aktiv war und gegen den Vietnamkrieg kämpfte. Nicht als Mitglied, aber als Sympathisant. Ich konnte mich mit ihren Zielen identifizieren, auch ich glaubte nicht an den Vietnamkrieg und fand es falsch, unsere Soldaten dort hinzuschicken. Es war ein ungerechter und amoralischer Krieg, der uns von der Nixon-Regierung aufgezwungen worden war. da stimmte ich mit den Aktivisten überein. Ich beobachtete sehr genau, was sie machten und fühlte mich geistig sehr verbunden. Ich verfolgte, wie die Bewegung immer mehr Zulauf bekam, bis es schließlich kippte. Die an der Macht saßen, waren einfach stärker, sie ließen sich vom Krieg nicht abbringen. Das war der Moment, in dem die Weathermen beschlossen, dass der friedliche Protest nicht ausreicht und man Forderungen mit Gewalt zum Ausdruck bringen muss. Mir war sofort klar, dass das der Anfang vom Ende ist. Gewalt kann nie Mittel zum Zweck sein, jede Bewegung zerstört sich dadurch selbst.

Sie wurden zu Terroristen.

So wurden sie von der Regierung und den Medien genannt, aber sie haben sich selbst so nicht gesehen. So wie die Regierung illegal Gewalt in einem fremden Land angewendet hat, haben sie Gewalt gegen die Regierung angewendet. Einige von ihnen sind in den Untergrund abgetaucht und haben später unter falschen Identitäten ein neues Leben aufgebaut. Das hat mich schon damals fasziniert, aber es war zeitlich zu nah, es in einem Film zu behandeln. Also habe ich die Idee beiseite gelegt. Doch jetzt mit dem Abstand von drei Dekaden sind die Ereignisse von damals lange genug vorbei, sie sind Teil der amerikanischen Geschichte. Aber mich interessierte nicht so sehr die Zeit damals, ich wollte von der Gegenwart erzählen, von den Leuten, die damals abgetaucht sind und was sie heute machen. Wie leben sie heute, was denken sie? Was ist der Preis, den man dafür bezahlt, nicht unter seinem wahren Namen zu leben?

Sehen Sie sich als politischen Filmemacher?

Mich interessiert zu allererst immer das Menschliche, die Charaktere. Wenn ich meine Filme strukturieren müsste, würde ich sie in drei Ebenen einteilen: Geschichte, Charaktere und dann Emotionen, in dieser Reihenfolge. Die Geschichte ist das Wichtigste. Ich wuchs in einem armen Arbeiterviertel auf und es gab für uns Kinder nicht viel Unterhaltung, deswegen habe ich viel gelesen, ich habe Bücher verschlungen. Und wenn ich nicht einschlafen konnte, haben mir meine Eltern Geschichten erzählt. Das ist bis heute die Basis meiner Arbeit. Und dann kommen die Charaktere, die diese Geschichten zum Leben erwecken, wobei mich immer Figuren angezogen haben, die nicht klar in dieses oder jenes Schema passen, sondern sich eher in einer Grauzone befinden. Und die Emotionen kommen durch die Charaktere. Das sind die Grundsätze aller meiner Filme.

Wie viele Ihrer Filme handelt auch dieser von einem Gejagten.

Stimmt, meine Figur ist auf der Flucht, wird von der Polizei gejagt und versucht die einzige ehemalige Verbündete zu finden, die beweisen kann, dass er unschuldig ist. Dieses Motiv hat mich schon als Kind an „Les Miserables“ immer fasziniert, der Gejagte und sein Jäger. Das hat eine Energie, die mich mein ganzes Leben verfolgte und dieser Film gab mir die Möglichkeit, es mit der politischen Ebene zu verbinden. Und ich konnte dabei von komplexen Figuren in Grauzonen erzählen. Es gab Leute, die in den Untergrund gegangen sind und ihre radikale Vergangenheit und ihre Taten bereuen und sich in ihrer falschen Identität wie in einer Falle fühlen, andere sind nur traurig, ihre Ideale nicht erreicht zu haben. Und wieder andere sind noch immer überzeugte Radikale. Diese unterschiedlichen Ansätze interessierten mich.

Julie Christie spielt eine der ehemaligen Untergrundkämpfer. Haben Sie sich für sie entschieden, weil sie selbst eine Ikone dieser Ära ist, auf die sich Ihr Film bezieht?

Sie steht natürlich emblematisch für diese Zeit, aber für mich war das Entscheidende, wofür wir beide in unseren jungen Jahren politisch standen. Wir waren beide politisch sehr interessiert und beteiligten uns aktiv an Aktionen. Und wir fingen beide ungefähr zur selben Zeit an, als Schauspieler zu arbeiten, auch unser Durchbruch und die ersten Erfolge waren etwa zur selben Zeit. Es gibt also einige Parallelen, auch wenn wir uns damals gar nicht kannten. Am Ende ging es darum, was für die Rolle passte. Mir gefiel schon immer, was sie als Schauspielerin drauf hatte. Ich hielt sie immer für einen der Wahrheit verpflichteten Menschen. Alles, was sie als Schauspielerin verkörperte, war sehr authentisch. Und sie blieb sich selbst und ihrem Weltbild treu, das fand ich sehr anziehend.

Haben Sie selbst jemals versucht, sich unerkannt in der Öffentlichkeit zu bewegen?

Oh, ich war öfter inkognito, als sie vermuten. Ich hatte viele Verkleidungen. Am einfachsten war es immer, wenn ich Skifahren war, mit Mütze und Skibrille hat mich niemand erkannt. Aber das öffentliche Interesse ist im Alter eh weniger geworden. Und ich war schon immer ein recht privater Mensch und gehe nicht oft auf Veranstaltungen.

Gibt es Dinge, die Sie bereuen?

Beruflich gesehen nicht. Ich hatte wirklich das Glück, die Filme zu drehen, die ich wollte, auch wenn wir dabei oft viel Geld durch die Lappen ging. Aber ich konnte unabhängig bleiben und mich der Kontrolle anderer und dem Druck der Studios entziehen. Das war mir wichtiger als alles andere und ich bin sehr glücklich, dass mir das gelungen ist. Aber es war auch immer wieder sehr schmerzhaft.

Wann zum Beispiel?

Wenn einem Missgunst entgegenschlägt, wenn man von der Mehrheit nicht akzeptiert wird. Schmerzhaft war auch, mein Privatleben ein Stück weit aufgeben zu müssen. Ich hatte immer die Auffassung, und vielleicht ist sie hoffnungslos altmodisch, dass mein Können mein wichtigstes Gut ist und ich meine Talente fördern und weiterentwickeln will. Aber das hatte auch zur Folge, auf gewisse Freiheiten zu verzichten. Oft wurde mir viel Geld für eine Rolle angeboten, die ich nicht spielen wollte, weil sie keine Herausforderung war und ich habe Nein gesagt. Das hat Leute gegen mich aufgebracht, ich wurde für verrückt erklärt oder es wurde behauptet, ich würde nur noch in den Bergen hocken und mich um Sundance kümmern.

Was war die Folge?

Eine Weile bekam ich gar nichts mehr angeboten. Aber das ist der Preis der Unabhängigkeit und ich habe es überlebt. Die Zeiten ändern sich, und ich habe immer versucht, mich mit ihnen zu verändern, statt mich aus Angst dagegen zu wehren.

Demnächst spielen Sie im Comic-Blockbuster „Captain America“ mit. Verraten Sie damit nicht Ihre eigenen Ideale?

Überhaupt nicht. Ich mache es, weil es etwas anderes ist und ich noch nie in einem solchen Großprojekt mitgespielt habe. Das hat mich interessiert, auch wenn es keine große Rolle ist. Demnächst drehe ich mit Nick Nolte eine Komödie über zwei alte Männer, denen beim Wandern einige Missgeschicke passieren. Warum eine Komödie? Weil ich Lust darauf hatte!

Vor vier Jahren haben Sie in Hamburg die deutsche Malerin Sybil Szaggars geheiratet. Haben Sie je darüber nachgedacht, nach Deutschland zu ziehen?

Nein, meine Frau ist nach Amerika ausgewandert. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, woanders zu leben. Dafür liebe ich meine Heimat zu sehr. Aber ich komme immer gerne zu Besuch.

Sprechen Sie deutsch?

Nur ein bisschen. Ich kann mich zum Beispiel auf Deutsch verabschieden. Auf Wiedersehen!