Waldbühne

Muse sind auf der Bühne einfach überlebensgroß

Menschliche Abgründe und gefährlich moderne Zeiten: Die britische Band Muse hat mit ihrer neuen Bühnenshow die bis in die obersten Ränge prall gefüllte Waldbühne in Berlin zum Toben gebracht.

Foto: Thomas Frey / dpa

Ein grobschlächtiger Robotergigant mit immensem CO2-Ausstoß schiebt sich in der Dämmerung durch den Mittelgang der Waldbühne. Eine Nachrichtensprecherin auf der Videowand beklagt währenddessen den hemmungslosen Umgang mit den Ressourcen der Erde. „Unsustainable“ sei das, brummt die gewaltige Maschine mit den rotleuchtenden Augen dazwischen. Untragbar. Oder neudeutsch: nicht nachhaltig.

Da sind wir schon mittendrin in der lautstark bombastischen Musicalwelt des britischen Progrock-Trios Muse, das am Sonntagabend mit seiner neuen Bühnenshow die bis in die obersten Ränge prall gefüllte Waldbühne zum Toben brachte.

Die drei Collegefreunde aus dem britischen Teignmouth in Devon wollten dem in den 90er-Jahren tobenden Brit-Pop eine musikalische Alternative entgegensetzen. Sie wollten nicht mit dem Strom schwimmen. Sie entwickelten einen höchst eigenen Gruppensound, eine moderne Version des Progrock, in der sich aufbauend auf amerikanischem Grunge Musical- und Klassik-Elemente, Pop und Elektronik, Soundtrackflächen, schwermetallene Gitarren und Dancefloor-Grooves in akribisch ausgetüftelten Arrangements zu einem homogenen Ganzen verbinden.

Gefährlich moderne Zeiten

Und darüber liegt die tenorale, bis in höchste Pathos-Höhen schwingende Stimme von Gitarrist Matthew Bellamy, die von menschlichen Abgründen und den gefährlich modernen Zeiten predigt.

Ihr mittlerweile sechstes Album „The 2nd Law“ steht im Mittepunkt dieses Bühnenspektakels, das die Band um 20.30 Uhr mit einem gewaltigen Feuerball inmitten des Amphitheaters zündet. Das neue Stück „Supremacy“ steht am Anfang dieser zwei aufwühlenden Stunden.

Es wirkt mit seinen drohenden Gitarren und den eingestrickten, elektronischen Streichern wie eine Variation auf Led Zeppelins „Kashmir“. Dann wieder sind bei Muse Einflüsse von Freddie Mercury und Queen unverkennbar. Hier ein bisschen Morricone, da ein bisschen Broadwaymusical. Wie sich die populären Versatzstücke aber zu einer höchst originären Klangwelt formen, ist imposant anzuhören.

Wobei sich Muse auch einen Namen gemacht haben als Rock-Entertainer, die ihre hymnische Musik ganz im Geiste und in der Nachfolge von Gruppen wie Genesis oder Pink Floyd zu aufwendigen Live-Inszenierungen aufbauschen. Nebelsäulen schießen immer wieder in die Höhe. Flammenwerfer heizen die Atmosphäre züngelnd auf. Ein Laufsteg führt zu einem kleinen Bühnenpodest mitten im Publikum.

Überlebensgroße Musiker

Über fünf großflächige LED-Videowände schwirren giftgrüne Zahlenkolonnen, psychedelische Formen, ratternde Maschinen, ameisenhaft wuselnde Menschen und immer wieder die Musiker selbst bei der Arbeit. In Überlebensgröße. Man kann hier durchaus von Reizüberflutung sprechen.

Beim neuen „Panic Station“, dem zweiten Stück des Abends, tanzen Comic-Avatare von Obama, Merkel und Putin über die riesigen Bildwände. Mit „Supermassive Black Hole“ von 2006 setzen Muse weiter auf Druck und gehen gleich darauf mit „Bliss“ vom 2001er-Album „Origin of Symmetry“ noch einen Schritt weiter in die Bandvergangenheit.

Das textsichere Publikum ist bunt gemischt: Mitte-Hipster und Computer-Nerds, Tattoo-Mädchen und Kuschelpärchen, Metal-Heads und Alt-Rock’n’Roller. Mit den Rängen der Waldbühne steigt auch der Altersdurchschnitt etwas an.

In ihren Songs verlassen sich Muse nicht auf klassische Rockthemen wie Boy Loves Girl, sondern beschäftigen sich mit den großen Dingen des Lebens, mit Weltpolitik, Umweltzerstörung und der Diktatur des Mammon. Wie im neuen Stück „Animals“, in dem Bellamy Zeilen wie „Analyse, advertise, expand, bend more rules, buy yourself an island“ ins Mikrofon schmachtet, während ein Schauspieler als Banker im feinen Zwirn im Publikum und auf dem Catwalk aggressiv mit Geldscheinen um sich wirft.

Der Banker muss sterben

„Kill yourself“, singt Bellamy, „come on and do all a favour.” Und als der Banker am Boden liegt, schickt ihm Bassist Christopher Wolstenholme auf der Mundharmonika ein „Spiel mir das Lied vom Tod” hinterher.

Dazu passt im Anschluss natürlich bestens der Western-Kracher „Knights of Cydonia“ mit seinem knarzenden Surfgitarren-Sound. Immer wieder fauchen Nebel- und Feuerkaskaden in die Luft. Es macht Staunen, wie diese drei Männer solch einen pompösen Sound erschaffen können. Live allerdings sind es auch vier.

Neben Sänger Bellamy, der aus seiner Spezialgitarre auch elektronische Synthesizer-Blubbersounds zaubern kann, Bassist Wolstenholme und Schlagzeuger Dominic Howard ist der Keyboarder Morgan Nicholls seit vielen Jahren festes Live-Mitglied, um dem Trio an der Front etwas von der Tasten- und Saitenarbeit abzunehmen.

Inzwischen sind manche Stücke auch persönlicher geworden. So reflektiert Bassmann Wolstenholme ganz nah am Publikum seine überwundene Alkoholsucht im rau rockenden Stück „Liquid State“ und in der Ballade „Follow Me“ besingt Bellamy die Gefühle eines werdenden Vaters. Er hat einen kleinen Sohn mit seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Kate Hudson, der er im Verlauf des Abends noch das Liebeslied „Madness“ widmet. Mutter samt Baby im Arm stehen an der Bühnenseite, um Papa bei der Arbeit zuzusehen.

Auch aus ihrem Hang zum Musical machen Muse keinen Hehl. „Feeling Good“ ist ein Song von Leslie Bricusse und Anthony Newley aus dem 60er-Jahre-Vaudeville-Musical „The Roar of the Grease Paint – The Roar of the Crowd“, der zugegebenermaßen populärer wurde als das Bühnenstück, aus dem er stammt. „It’s a new dawn, it’s a new day, it’s a new life“ heißt es da im Refrain.

Das Lied wurde vielfach gecovert, allerdings kommen auch Muse nicht an die definitive Version von Nina Simone heran. Aber egal. Dafür steht eine bebrillte Business-Managerin im Scheinwerfer-Spot und schüttet sich begierig Benzin aus einem Tankstellen-Zapfhahn in den Hals.

Exzellenter Sound

Der Sound ist exzellent, das Licht phänomenal, selbst im Waldbühnenrund sind Scheinwerfer und Nebelmaschinen postiert. Muse schlagen einen großen Bogen durch ihre bisherigen Alben, wobei der Schwerpunkt auf „The 2nd Law“ und der Vorgängerplatte „The Resistance“ liegt. Von Album zu Album hat sich die von Pomp und Pathos getriebene Band höher in den Rock-Olymp gespielt.

2009 konnte man sie noch im Admiralspalast erleben, kurz darauf in der O2 World. Längst spielen sie in den größten Stadien dieser Welt. „The Resistance“ wurde 2011 als bestes Rock-Album mit einem Grammy-Musikpreis geadelt. Und ihr Song „Survival“ wurde zur offiziellen Hymne der Olympischen Sommerspiele 2012 auserkoren.

Es geht langsam dem Ende zu, da gibt es mit „Unintended“ und „Guiding Light“, wieder mitten im Publikum, zwei Balladen, bei denen die Waldbühne in ein gleißendes Feuerzeug-Lichtermeer getaucht wird. Bevor eingangs erwähnter Roboter zu „The 2nd Law: Unsustainable“ seine Runde macht. Das Publikum ist längst im siebten Muse-Himmel, tanzt, singt, reißt die Arme in die Höhe.

Bei „Starlight“ zum großen Finale singt die ganze Waldbühne „Our hopes and expectations, black holes and revelations“ mit. Man versteht nach diesem Abend, warum so viele Menschen von diesem mitunter etwas sperrigen Pop so fasziniert sind. Ein glückliches Publikum zieht gut gelaunt hinaus in die Berliner Nacht.