Konzert in Berlin

Steve Winwood belebt den Glauben an die Kraft der Musik

Das Rockurgestein Steve Winwood lässt im Admiralspalast sein musikalisches Leben Revue passieren. Mit Hits der Spencer Davis Group, Traffic und seiner Solokarriere sorgt der Gitarrenmeister für Freude.

Foto: Frank Hoensch / Redferns via Getty Images

Sein letztes Studioalbum „Nine Lives“ ist fünf Jahre her. Vor drei Jahren erschien mit „Revolutions“ noch mal eine Best-of-Platte. Damit, so scheint es, hat der britische Musiker Steve Winwood mit 65 Jahren sein musikalisches Lebenswerk abgeschlossen und macht nun nur noch das, was ihm offensichtlich den meisten Spaß bereitet: auf die Bühne gehen und spielen. Wie jetzt am Freitagabend im gut gefüllten Admiralspalast, wo er sich zwar nicht gerade als publikumsnaher Showman, dafür als melodieverliebter Vollblutmusiker präsentierte.

Geradezu schüchtern wirkt er, als er sich nach der Eröffnung durch seine vier Mitmusiker hinter der Hammond-Orgel verschanzt und einsteigt in den von Querflötentönen getragenen Traffic-Klassiker „Rainmaker“. Und da ist es, dieses markante Orgelspiel, da ist sie, diese unverkennbare Stimme, die die Zeilen „The sky is grey just by the touch of your hand“ mit diesem so kantigen wie seelenvollen Ton über dem balladesken Klangteppich ausbreitet. Um gleich darauf einen musikalischen Haken zu schlagen und das Stück in einem von treibendem Funk angestachelten Orgelsolo enden zu lassen.

Seit 50 Jahren steht Steve Winwood auf der Bühne. Er war gerade mal 15, als er in seiner Heimatstadt Birmingham in die Spencer Davis Group einstieg und jede Menge Sixties-Hits landete, wie „I’m A Man“, der gleich als zweiter Titel des Konzerts erklingt. Später wird es auch noch die Kracher „Keep On Running“ und „Gimme Some Lovin‘“ geben. Zwölf Stücke formen diesen Abend. Zwölf teils überlange Stücke, die mit immenser Spielfreude ein langes Musikerleben nachzeichnen, das von der Spencer Davis Group über Traffic und Blind Faith bis zur Solokarriere führt.

Eigenwillige Besetzung, aber durchdacht

Die Besetzung der Band ist eigenwillig, aber durchdacht. Es gibt keinen Bassisten. Warum auch, Winwood erledigt das alles mit den Fußpedalen unter seiner Orgel. Mit Jose Neto hat er einen stilsicheren, vom Funk angestachelten Gitarristen dabei. Schlagzeuger Richard Bailey und Perkussionist Cafe DaSilva legen ein wuchtiges, latinfeuriges Rhythmusgeflecht aus und Paul Booth erweist sich als ideensprühender Instrumentalist von Tenor- bis Sopransaxophon, falls er nicht die Orgel bedient, weil Winwood an E-Gitarre oder Mandoline wechselt.

Was für eine bestens eingespielte Musikerriege. Man spürt, dass Winwoods Herz vor allem für die Jahre mit Traffic schlägt, eine Band, die sich stilistisch nie einordnen ließ, die Jazzrock, Progrock, Folk und Rock’n’Roll zu einem originären Sound verquickte und gern auf die Kraft von zwei Schlagwerkern setzte. „The Low Spark of High Heeled Boys“ vom gleichnamigen 1971er-Traffic-Album ist ebenso im Repertoire wie „Empty Pages” vom 1970 erschienenen Erfolgsalbum „John Barleycorn Must Die”. Der Sound ist bestens, es gibt buntes Licht, ein wenig Bühnennebel, der Rest ist Musik.

Während einer Auflösungsphase von Traffic wurde Winwood Mitglied des als Supergroup apostrophieren Quartetts Blind Faith, neben Gitarrist Eric Clapton, Bassist Ric Grech und Schlagzeuger Ginger Baker. Nur ein einziges Album ist von der Band erschienen, doch das hat Musikgeschichte geschrieben. Davon gibt es die Ballade „Can’t Find My Way Home“ und das von einem markanten Gitarren-Riff getragene „Had To Cry Today“ zu hören. Winwood steht inzwischen in der Bühnenmitte, singt sich in höchste Höhen und erweist sich als ideenreicher, gestandener E-Gitarrist.

„Higher Love“ und „Dear Mister Fantasy“

Immer wieder brandet Zwischenapplaus auf, zum einen für die Rocksongs, die dem Publikum nach all den Jahren noch so wichtig sind, zum anderen für die solistischen Einlagen der Musiker, die immer wieder reichlich Raum erhalten, um ihre Könnerschaft zu manifestieren. Natürlich gibt es auch Höhepunkte aus der mit mehreren Grammy-Musikpreisen gekürten Solo-Zeit Winwoods. „Fly“ beispielsweise vom „Nine Lives“-Album. Und natürlich den Nummer-1-Hit „Higher Love“, der in den 80er-Jahren zum Party-Hit avancierte, damals aber nicht jeden Winwood-Fan überzeugen konnte.

In Zeiten von überbordenden High-Tech-Shows und Pop-Gleichförmigkeit nach dem Baukastenprinzip sind Abende wie dieser mit Steve Winwood und seiner Crew ein Grund dafür, den Glauben an die Kraft der Musik nicht zu verlieren. Längst ist der Star, der keiner sein will, auch aufgetaut und nimmt mit einem dankbarem Lächeln zwischen den breiten schlohweißen Koteletten den begeisterten Jubel aus dem Saal entgegen. Traffics „Dear Mister Fantasy“ gibt es als Zugabe und „Gimme Some Lovin‘“ als liebevollen Rausschmeißer. Der Applaus hält noch lange an.