Autorentheatertage

Am Deutschen Theater erobern die Alphamädchen die Bühne

Heute starten am Deutschen Theater die Autorentheatertage, zwei Drittel der gezeigten Stücke sind von Frauen geschrieben worden. Ein Treffen mit zwei in Berlin lebenden Dramatikerinnen.

Foto: Reto Klar

Die Autorinnen packen mit an: Der Tisch auf dem Vorplatz des Deutschen Theaters soll doch bitte in der Sonne stehen, wenn die schon mal scheint. Uta Bierbaum und Laura Naumann kannten sich bis zu diesem Augenblick nicht, obwohl sie ihre Tätigkeit verbindet: Nicht die des Möbelrückens, sondern die des Schreibens. Ihre Stücke werden im Rahmen der Autorentheatertage Berlin gezeigt. Der Unterschied: Uta Bierbaum geht in der Langen Nacht an den Start, das ist der Ort der Neuentdeckungen, während Laura Naumann ihr Debüt dort vor drei Jahren gab und jetzt schon etabliert ist: Das Wiener Burgtheater zeigt ihr Stück „demut vor deinen taten baby“ am 13. und 14. Juni bei dem Festival, das heute am Deutschen Theater startet und bei dem zwei Wochen lang ausnahmslos zeitgenössische deutschsprachige Gegenwartsdramatik präsentiert wird.

Eine perfekte Uraufführung

Darin unterscheiden sich die Autorentheatertage vom Theatertreffen im Mai, bei dem eine Jury die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen auswählt und die Klassikerquote meistens recht hoch ist. Die Autorentheatertage hat Ulrich Khuon, der Intendant des Deutschen Theaters, bei seinem Wechsel aus Hamburg mitgebracht und zu einer festen Größe im Berliner Kulturkalender gemacht. Das Spektrum der eingeladenen Bühnen reicht von der Burg (die in diesem Jahr nicht beim Theatertreffen dabei war) über die Münchner Kammerspiele und das Residenztheater bis zum Nationaltheater Mannheim.

Tisch und Stuhl stehen mittlerweile richtig. Uta erzählt Laura, dass sie kürzlich beim Heidelberger Stückemarkt ein Werk von ihr gesehen hätte. Das war „ganz, ganz toll, das Beste, was ich dort gesehen habe“. Und Laura entgegnet, erfreut über das Lob: „Das war eine perfekte Uraufführung, so was habe ich noch nie erlebt, das hat mich sehr glücklich gemacht“.

Terroralarm im Flughafen

Um keine falschen Erwartungen zu wecken, muss erwähnt werden, dass in Berlin nicht die Uraufführung aus Bielefeld gezeigt wird, sondern die Inszenierung des Wiener Burgtheaters. Beide Bühnen hatten sich für „demut vor deinen taten baby“ interessiert, die ostwestfälische Stadt bekam das Recht der ersten Aufführung, Wien zog nach. Eine Überraschung. Zwei Jahre habe das Stück gelegen, Laura Naumann hatte schon fast nicht mehr an einen Erfolg geglaubt. Aber „jetzt geht es durch die Decke“, es wird viel nachgespielt“. So etwas passiert selten, das ist ein Problem für junge Autoren. Denn viele Theater sind nur scharf auf eine Uraufführung, das schafft mediale Aufmerksamkeit.

Erklären kann sich Laura Naumann diese plötzliche Nachfrage nicht, in ihrem Stück geht es um einen herrenlosen Koffer in der Damentoilette eines deutschen Flughafens, der Terroralarm auslöst. Der Flughafen wird evakuiert, drei Frauen werden vergessen. Sie sitzen in ihren Klokabinen fest und erwarten gemeinsam die Katastrophe. Die bleibt aus. Lebenskrisen, Einsamkeit – nichts hat mehr eine Bedeutung neben dem Gefühl, nach einmal davongekommen zu sein. Plötzlich ist die Idee da: Ein Anschlagsimulator muss her, damit die Stimmung im Land steigt und das Leben wieder gefeiert wird.

Zwischen Theater und Games

Laura Naumann, 1986 in Leipzig geboren, geht noch einer anderen Beschäftigung nach, denn „das ganze Jahr zu Hause zu sitzen und zu schreiben, das würde ich nicht aushalten“: Sie gehört zum neunköpfigen Theaterkollektiv machina eX, das vor gut drei Jahren an der Uni Hildesheim gegründet wurde, wo Laura Naumann Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert, die Hochschule hat Gießen den Rang als Hochburg des Performativen abgelaufen. Die Truppe „forscht an der Schnittstelle zwischen Games und Theater“, die Zuschauer können selbst das Geschehen beeinflussen. Machina eX arbeitet unter anderem am HAU in Berlin und am Forum Freies Theater Düsseldorf.

Die Frage, ob man vom Schreiben leben kann, stellt sich für Uta Bierbaum nicht. Anders als Laura Naumann, die bei Rowohlt veröffentlicht, hat sie noch keinen Verlag. Sie studiert im 3. Semester an der Berliner Universität der Künste Szenisches Schreiben, in der vergangenen Woche hat Katja Brunner, eine Kommilitonin von ihr, den renommierten Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen. Uta Biermann ist glücklich, dass es mit der Bewerbung an der Hochschule geklappt hat, „das Beste, was ich bislang gemacht habe“. Vorher hat sie unter anderem Schauspiel studiert.

Die Suche nach Heimat

Dass man Scheiben lernen kann, mag der romantischen Vorstellung vom Künstlergenie widersprechen, scheint aber, Talent vorausgesetzt, zu funktionieren. Dass sich dabei ein gewisser Einheitsstil herausbilden könnte, glaubt die 1980 geborene Uta Bierbaum nicht: „Ich wundere mich seit eineinhalb Jahren, wie wenig man beeinflusst wird. Mir hat noch niemand gesagt, der Satz muss raus“, erzählt die Autorin, die vom Leipziger Literaturinstitut, wo eine Bekannte von ihr studiert, anderes gehört hat.

In Berlin scheint der Ton charmanter zu sein. Ein Dozent habe bei der Lektüre der „schweizer krankheit“ zu ihr gesagt: „Uta, nicht immer nur Moll, auch mal ein bisschen Dur.“ Das Stück „ist nicht besonders lustig, was soll ich machen?“, sagt Uta Bierbaum. In „die schweizer krankheit“ treffen drei Figuren, die auf der Suche nach Heimat sind, darunter ein Mädchen, das aufgehört hat zu essen, um ihrem depressiven Freund wenigstens in einem Zustand nahe zu sein

Nicht alle finden den Text cool

Die Autorin ist ein bisschen unsicher wegen der Wirkung. Sie wird natürlich im Zuschauerraum sitzen, wenn ihr Stück am 15. Juni in der Langen Nacht in einer Werkstattinszenierung gezeigt wird. Laura macht ihrer Kollegin Mut: „Beim Heidelberger Stückemarkt hat es doch auch geklappt.“ - „Aber da habe ich schon gemerkt, nicht alle finden den Text cool“, entgegnet Uta.

Zwei Drittel der Stücke bei den Theaterautorentagen stammen von Frauen, eine Veranstaltung im Rahmen der Autorentheatertage stellt die Frage, ob die „Alphamädchen auch im Theater auf dem Vormarsch sind?“ Laura Naumann hält nichts von dieser Unterscheidung zwischen männlicher und weiblicher Dramatik: „Das bringt uns zurück ins 19. Jahrhundert.“

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