Blues

Eric Clapton in der O2 World - ein Meister bei der Arbeit

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Peter E. Müller

Foto: Britta Pedersen / dpa

Er hat von den Bluesgrößen gelernt und zählt heute selbst zu den großen alten Männer des Blues. Bei seinem Konzert in der Berliner O2 World ließ Eric Clapton einfach seine Gitarre erzählen.

Keiner spielt die Gitarre so kultiviert und melodienselig wie er. Eric Clapton prägte den Sound der frühen Jahre mit den Yardbirds, mit Cream, mit Blind Faith. Es gab Zeiten da sprühten euphorisierte Fans „Clapton is God“ an Londoner Häuserwände. Und sie meinten es ernst.

Clapton hat seine hohe Kunst des Gitarrenspiels an den großen, alten Männern des amerikanischen Blues geschult. Auch wenn er sich immer wieder mal auf die zwiespältige Verbrüderung mit dem Mainstream eingelassen hat.

Ein halbes Jahrhundert steht er mittlerweile auf der Bühne. Und schlurft am Donnerstagabend kurz nach 21 Uhr unprätentiös in schlabberigen Jeans und Polo-Shirt auf die gewaltige Bühne der O2-World, umringt von Musikern seines Vertrauens und beseelt vom Blues, den er in all seiner Vielfalt vor rund 12.000 zur Erinnerung entschlossenen Besuchern ausbreitet.

Andy Fairweather-Low zur Einstimmung

Zuvor allerdings gab es im Vorprogramm ein Wiedersehen mit Andy Fairweather-Low, dem von Kollegen so geschätzten Gitarristen, der in den 60er-Jahren mit seiner Band Amen Corner Erfolge feierte und später zu den Bands von Roger Waters, Pete Townshend, Richard Thompson, Bill Wyman und ja, Eric Clapton zählte. Er ist einer dieser großartigen Musiker, deren Talente von eine breiten Öffentlichkeit meist übersehen werden.

Nun legt er unter stetig steigendem Applaus mit walisischem Understatement und seiner rockfreudigen Band The Lowriders den roten Teppich aus für seinen Freund und Weggefährten Eric Clapton. Der Wiedererkennungswert beim Amen-Corner-Hit „(If Paradise Is) Half As Nice“ von 1969 ist groß und umschreibt charmant die Altersstruktur des Publikums.

Clapton eröffnet mit akustischer Gitarre und der 27 Jahre alten, poppigen Ballade „Hello Old Friend“ vom Album „No Reason To Cry“. Und schon jetzt ist klar: dies wird ein Abend unter Freunden. Hier haben sich vor und auf der Bühne Menschen versammelt, denen vor allem eines am Herzen liegt: die Kraft der Musik.

Start mit akustischer Gitarre

Akustisch geht es weiter mit dem reggaehaften „My Father’s Eyes“ von 1998, bevor Clapton die schwarze Fender Stratocaster schultert und mit „Tell The Truth“ vom 1970er Derek & The Dominoes-Album „Layla and Other Assorted Love Songs“ Druck macht. Videowände links und rechts der Bühne sorgen dafür, dass auch die hinteren Ränge mitbekommen, was da auf der Bühne eigentlich vor sich geht. Der Lichttechnik-Einsatz ist enorm ist von imposanter Opulenz.

Genau 50 Jahre ist es her, dass der lebens- und musikverliebte Clapton aus dem britischen Surrey sein Kunststudium geschmissen hat, um Musiker zu werden. 1963 stieg er in London bei den Yardbirds ein, zwei Jahre später landete er mit ihnen und „For Your Love“ den ersten Hit.

Clapton ging durch die Schule von John Mayall’s Bluesbreakers, gründete mit Schlagzeuger Ginger Baker und Bassist Jack Bruce das Jahrhundert- Trio Cream, ließ sich mit Steve Winwood für ein Album auf das geglückte Experiment Blind Faith ein - bevor er sich an die Solokarriere machte.

Clapton vertraut seinen alten Erfolgen

Immer wieder driftete er ab in mal rockige, mal poppige Gefilde. Er weckte durch seine Version von „I Shot The Sherriff“ die Neugier am Reggae und ebnete dadurch Bob Marley den Weg in den weltweiten Erfolg. Er ließ sich mit der süßlichen Last von Streichern ein.

Er versuchte sich an elektronischen Eskapaden. Er probierte immer Neues. Doch immer wieder kehrte Clapton zu seiner einen großen Passion zurück, an die Wurzel aller populärer Musik, und zählt heute selbst zu den großen alten Männer des Blues.

In diesem gut zweistündigen Jubiläumskonzert vertraut der 68-jährige Eric Clapton ganz auf die Kombination aus alten Erfolgen und noch älteren Bluesklassikern. Es gibt Neues vom aktuellen, ironisch „Old Sock“ betitelten Album wie „Gotta Get Over“. Er spielt Hop Wilsons „My Woman Got A Black Cat Bone“ und Creams „Badge“, später auch Robert Johnsons „Crossroads“, das einer der großen Erfolge von Cream wurde.

Ohne groß zu dozieren wirkt Clapton auf sympathische Weise altväterlich und ein wenig oberlehrerhaft. Er redet wenig, er lässt einfach seine Gitarre erzählen. Und wie!

Es ist schon klar, wer der Chef ist in dieser Band, doch rückt Clapton auch immer wieder seine Mitmusiker in den Mittelpunkt. Den stilsicheren texanischen Gitarristen Doyle Bramhall etwa, oder Pedal-Steel Gitarrist Greg Leisz. Pianist Chris Stainton, jahrzehntelang Joe Cockers Bandleader, bekommt viel Raum für breitflächige Soloeinlagen. Bassist Willie Weeks und Schlagzeuger Steve Jordan sorgen für den rhythmischen Fluss. Zwei Chorsängerinnen veredeln den Sound.

Und dann ist da noch Studiocrack Paul Carrack, der vielseitige Organist, der 1972 mit Ace den Hit „How Long“ landete. Er steht Clapton nun auch als Sänger zur Seite, beispielsweise beim im Duett gesungenen Harold-Arlen-Blues „Come Rain Or Come Shine“. Mit „It Ain’t Easy (To Love Somebody)“ konnte Carrack auch eines seiner eigenen Stücke ins Repertoire einbringen.

Jeder Ton sitzt - Die Fans sind zufrieden

Clapton singt mal kraftvoll, mal wehmütig angeraut ins Mikrofon und perlt technisch brillant, sicher, sanft und auch mal aufbrausend über die Saiten, lässt sie jauchzen, flehen, heulen, säuseln, kreischen. Jeder Ton sitzt. Im langen akustischen Mittelteil nimmt er auf einem Stuhl im weißen Scheinwerferspot Platz, um sich Perlen hinzugeben wie dem „Driftin‘ Blues“ oder dem Folksong „Goodnight, Irene“, „Layla“ in der Akustik-Variante oder der Ballade „Wonderful Tonight“, bevor mit „Blues Power“ wieder Tempo aufgenommen wird.

Eric Clapton ist durch Höhen und Tiefen des Musikgeschäfts gegangen. Er hat die luxuriösen Laster des Popstarlebens ausgekostet. Er hat den nahezu fatalen Absturz in Alkohol- und Drogenabgründe überstanden.

Nun steht J. J. Cales Klassiker „Cocaine“ am Ende eines so anregenden wie bewegenden, auch etwas gediegenen Konzerts, das dankbaren Applaus zeitigt. Ein Meister bei der Arbeit. Dieser Abend ist eine Art musikalische Biografie, mit Streiflichtern einer langen Karriere, routiniert, unangestrengt und sich lässig gebender Perfektion.

Als Zugaben spielen Clapton und seine Kumpane samt überraschend aufgetauchtem, zusätzlichem Gitarristen noch eine kraftstrotzende Version von „Sunshine Of Your Love“, Creams größten Erfolg, der in der Halle diese Weißt-du-noch-Blicke provoziert, und Joe Cockers „High Time We Went“, bei dem auch Paul Carrack noch einmal zu stimmlichem Einsatz kommt. Zufriedene Fans ziehen glücklich in die kühle Berliner Nacht.