Bühne

Champions-League-Finale bringt Berlins Theater in Bredouille

Berlins Theater sehen sich am Samstagabend einem kaum besiegbaren Konkurrenten ausgesetzt. Denn nicht nur potenzielle Zuschauer wollen das Champions League Finale sehen, sondern auch viele Darsteller.

Foto: Matthias Horn

„Wir gegen uns“ – der Fußball hat die Kulturschaffenden kalt erwischt. Zumindest die, die lange im voraus ihre Spielpläne zusammenstellen. Kleinere Einrichtungen sind da flexibler. Wie die Kunstfabrik Schlot in Mitte, die wegen des Endspiels in der Champions-League (CL) zwischen Bayern München und Borussia Dortmund einen Konzertabend kurzerhand in „Soccer & Jazz“ umbenannt hat. Der Berliner Musiker Tim Sund tritt dort am Samstagabend mit seiner Band The Mightiest Ever zweigeteilt auf. Um 19.30 Uhr wird das 1. Set gespielt, um 20.45 Uhr startet die Übertragung des Fußballspiels auf einer großen Leinwand – und wenn der Sieger feststeht, spielt die Band den zweiten Teil des Konzerts. Wichtiger Hinweis für Kurzentschlossene: Das Schlot rechnet damit, dass die Schwarz-Gelben im Publikum überwiegen.

Die Premiere vorgezogen

Während das Schlot nach Rücksprache mit der Band den Auftritt um den Fußball herumgruppiert hat, reagieren die großen Theater gelassener, gleichwohl sie die Konkurrenz spüren. Aber dem Beispiel der Kollegen aus München eifert hier keiner nach: Die dortigen Kammerspiele haben ihre für Samstag angesetzte Premiere eines Eugene-O’Neill-Stücks auf 16 Uhr vorverlegt, damit Theatergänger noch rechtzeitig zum Anpfiff wieder draußen sind. In Berlin war das kein Thema, schließlich steht ja nicht Hertha im Finale. Aber die Fußball-Konkurrenz ist spürbar: Am Maxim Gorki Theater rechnet Pressesprecherin Claudia Nola damit, dass die Premiere am Samstag von „Leben des Galilei“ eventuell nicht ausverkauft ist – im Gegensatz zu den nachfolgenden Vorstellungen der Inszenierung von Gorki-Intendant Armin Petras.

„Es wird ein Fernseher im Hof aufgebaut“, sagt Johannes Ehemann, Pressesprecher der Staatsoper im Schiller-Theater: „Glücklicherweise sind beide Vorstellungen kurz, sodass alle Mitarbeiter, die möchten, im Anschluss gegen 21 Uhr das Spiel noch mitverfolgen können. So machen wir das immer bei bedeutenden Spielen, WMs oder EMs.“ Im Schiller-Theater erlebt am Samstag Frank Martins Stück „Le vin herbé“ in der Regie von Katie Mitchell seine große Premiere. In dem Oratorium nach dem „Tristan und Isolde“-Stoff singt Anna Prohaska die Isolde. Und dennoch wird es am Samstag an der Abendkasse noch Karten geben. Ungewöhnlich für solch eine Premiere. Das führt Pressesprecher Ehmann auf das Fußballspiel zurück. Aber über eine Verschiebung hat die Staatsoper nicht nachgedacht. Am Abend läuft außerdem in der Werkstatt Jürgen Flimms schräge Produktion „Wissen Sie, wie man Töne reinigt? Satiesfactionen“ unter anderem mit Jan Josef Liefers. Der zieht einfach immer.

Karten umgetauscht

Mit einem vollen Haus rechnet die Schaubühne, die am Samstagabend mit „Hamlet“ und „Unter Eis“ auch zwei Vorstellungen anbietet. Lars Eidinger spielt den Dänenprinzen, möglicherweise verkündet er beiläufig den Spielstand beim CL-Finale. So wie im vergangenen Jahr, als er in „Maß für Maß“ unter einer Schweinehälfte liegend – parallel dazu kickte die deutsche Nationalmannschaft bei der EM gegen die Niederlande – „2:0“ sagte und dem Publikum damit das Ergebnis des Prestige-Duells verriet. Auch wenn die Bude heute voll ist, im Vorfeld gab es schon einige Karten-Umtauschanfragen, wie Carsten Höth von der Schaubühne erzählt. Bei „Hamlet“ war das unproblematisch, weil drei Vorstellungen en bloc gegeben werden. Die Umtauschwilligen drucksten meist herum, aber auf das Spiel angesprochen, outeten sie sich dann gern beispielsweise als „alter BVB-Fan“, der ja unmöglich an so einem Abend im Theater sitzen könne.

Auch beim Deutschen Theater berichtet Jörg Freckmann von etlichen Ticket-Umtauschwünschen. Weniger Fußballinteressierte griffen gern zu, die Vorstellung von „Das Himbeerreich“ am Samstag sei ausverkauft, die Uraufführung von Andres Veiels Stück zur Finanzkrise und der Rolle der Banken gehört zu den Rennern am Deutschen Theater. Außerdem endet die Vorstellung um 21 Uhr, da kann man hinterher noch viel Fußball sehen.

Schnell zum Italiener gegenüber

Das ist bei unendlich langen Inszenierungen schwieriger: Im vergangenen Jahr lief beim Berliner Theatertreffen Alvis Hermanis sensationeller, nahezu fünfstündiger „Platonov“ vom Burgtheater, parallel dazu spielten die Bayern im CL-Finale gegen Chelsea. Smartphones leuchteten im Zuschauerraum auf, Verlängerung bei den Bayern. Als die Vorstellung vorbei war, stürmte ein Teil des Publikums aus dem Festspielhaus, um beim Italiener gegenüber noch das anschließende Elfmeterschießen zu sehen.

Auf die Zugkraft des Stücks vertraut die Komische Oper. Die neue Comic-„Zauberflöte“ ist schlichtweg ein Publikumshit. „Es gibt an diesem Abend nur ein 1:0“, sagt Sprecher André Kraft. Entweder die Leute gehen in die Oper oder sie schauen Fußball. Zur WM 2006 war man am Haus engagierter: Aufgeführt wurde das Fußballoratorium „Die Tiefe des Raumes“ mit Peter Lohmeyer, eine Mixtur aus Schlachtgesängen, Trainerzitaten und Trillerpfeifen-Fugen. So etwas wird es vermutlich in der Ära Barrie Kosky, eines gebürtigen Australiers, nicht mehr geben.

Bayern-Fans im Orchester

Möglicherweise ist das Publikum am Rosa-Luxemburg-Platz das fußballbegeistertste in Berlin: Eine Spekulation, die das temporäre Desinteresse am neuen Pollesch nahelegt. Am Samstag läuft an der Volksbühne die zweite Vorstellung von „Der General“, die Kartennachfrage sei weniger stark als sonst, sagte Pressesprecherin Nicole Konstantinou.

Chefdirigent Ivan Fischer betont, er sei zwar Fußballfan, aber am Samstag sei ihm Mozart wichtiger. Sein Abend im Konzerthaus am Gendarmenmarkt ist ausverkauft. Für die Musiker wird aber wieder hinter der Bühne ein Fernseher aufgebaut. Ein Stimmungsmacher sei Solo-Cellist Stefan Giglberger, wird ausgeplaudert, ein Münchner und leidenschaftlicher Bayern-Fan. Er muss trotzdem vorne im Großen Saal mitspielen. Im Konzerthausorchester wurden bereits Wetten abgeschlossen: Es gibt die hartgesottene Bayern-Fraktion, aber auch viele, die glauben, die Dortmunder können sich durchsetzen.

Philharmoniker-Intendant Martin Hoffmann verweist auf die gute Tradition, „bei herausragenden Sportereignissen im Backstage-Bereich einen Fernseher aufzustellen“. Das Konzert mit Herbert Blomstedt ist ausverkauft. Hoffmann hat bereits das Konzert am Freitag besucht. Was den Samstagabend angeht, gibt er zu, „sei er hin- und hergerissen.“ Richtig ist, dass die Philharmoniker schon einmal vorausschauend ihr Waldbühnen-Konzert im WM-Sommer 2014 auf einen spielfreien Tag gelegt haben. Sir Simon Rattle dirigiert seine Philharmoniker am 27. Juni, am Tag vor den beginnenden Achtelfinal-Spielen. Sicher ist sicher.