Martin-Gropius-Bau

Picasso, Braque und Warhol – was bei Bayer so alles rumhängt

Rund 2000 Kunstwerke umfasst die Sammlung des Chemiekonzerns Bayer. Im Berliner Martin-Gropius-Bau sind nun 240 Exponate ausgestellt. Ein erster Rundgang durch die Unternehmenskollektion.

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Wenn Firmensammlungen an die Öffentlichkeit gehen, dann wird mit den Exponaten auch die Eitelkeit der Unternehmen ausgestellt. Schließlich gehört das Bekenntnis zur bildenden Kunst zu Marketing und Corporate Identity einfach dazu. Wenn sich die Sammlung Bayer nun also im Martin-Gropius-Bau ausbreitet, dann verspricht sich der Vorstand des Chemiekonzerns auch gesellschaftliche Anerkennung. Doch auch die Sammlung selbst profitiert von der Ausstellung, denn die sonst voneinander getrennten Werke mussten erst einmal erfasst und gruppiert werden, um sie dann in einen kuratorischen Zusammenhang zu setzen.

Kunstgenuss für die Angestellten

Nicht einfach bei einer Sammlung, die weitgehend ohne Konzept entstanden ist. Der langjährige Generaldirektor der heutigen Bayer AG, Carl Duisberg, legte zu Anfang des 20. Jahrhunderts den Grundstock für die Unternehmenskollektion. „Duisberg sammelte nach dem Prinzip: Was mir gefällt, das kaufe ich,“ sagt Bayer-Kommunikationschef Michael Schade und sieht die Kunst im Auftrag von „Dekoration und Stimulanz“.

Vor hundert Jahren sei der Aufbau einer repräsentativen Kunstsammlung nicht nur Duisbergs individueller Antrieb gewesen, sondern vor allem die Idee, seinen Angestellten den Kunstgenuss während der Arbeitszeit zu ermöglichen. Der Bildungsgedanke entstammt den Lebensreformbestrebungen der Jahrhundertwende.

Heute ist ein Großteil der Sammlung nicht nur in den repräsentativen Räumlichkeiten der Konzernzentrale und den verschiedenen Standorten in Deutschland zu sehen, sondern über die firmeneigene Artothek zugänglich. Einzelne Werke, von der Druckgrafik bis zum Ölgemälde oder der Bronzeskulptur, können zeitweise von Mitarbeitern für ihre Büros oder Konferenzräume ausgeliehen werden. Diese Elemente der Teilnahme und Kunstvermittlung versteht Bayer als Teil der Unternehmenskultur. Schon 1979/80 veranstaltete man Seminare mit dem Kunsthistoriker Max Imdahl von der Universität Bochum unter dem Motto „Arbeiter diskutieren moderne Kunst“.

Akte, Kaffeehausszenen und Porträts

Die Ausstellung „Von Beckmann bis Warhol“ konzentriert sich auf die Sammlungsgeschichte seit 1950, als sich das Unternehmen neu gründete, und feiert gleichzeitig das 150-jährige Bestehen. Kuratorin Andrea Peters hat sich zum Ziel gesetzt, die heterogenen Bestände der Sammlung thematisch und chronologisch zu ordnen. Vier Schwerpunkte treten dabei in den Vordergrund: deutscher Expressionismus und Pariser Moderne sowie die europäische Nachkriegsabstraktion und die Kunst der siebziger Jahre bis zur Gegenwart.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der kulturelle Nachholbedarf groß und wohl auch der Drang, von der eigenen Firmengeschichte während des Nationalsozialismus abzulenken. Also rückten die lange Jahre verfemten Avantgarden in den Mittelpunkt des neu geweckten Sammlerinteresses. Herausragend ist die Mappe von 24 Zeichnungen aus der Hand Ernst Ludwig Kirchners, die 1959 erworben wurde: schnell gestrichelte Akte, Kaffeehausszenen und Portraits, aber auch ein herrlich lapidares, aber nicht weniger elegantes Bildnis einer Skiläuferin, koloriert in himbeerrot und giftgrün. Die damalige Leiterin der Kulturabteilung, Erna Kroen, bewies aber nicht nur für Handzeichnungen ein gutes Auge, sondern auch für Druckgrafik wie die Holzschnitte von Erich Heckel und Kirchner, Lyonel Feininger und Karl Schmidt-Rottluff beweisen.

Prunkstücke der Ausstellung kommen von Ernst Wilhelm Nay

Drei gegenständliche, aber im Detail weitgehend abstrahierte Tempera-Gemälde von Christian Rohlfs zeigen, dass zu jener Zeit auch über den allgemein anerkannten Kanon hinausgedacht wurde. Bereits im Jahr 1955 wurde im Kulturhaus der Bayer-Werke in Leverkusen eine Ausstellung mit dem spätexpressionistischen Einzelgänger organisiert, aus der mehrere Werke angekauft wurden.

In den Achtzigern wurde die Sammlung dann erstmals auch kunsthistorisch betreut. Man kooperierte mit internationalen Institutionen, hielt es aber auch für nötig, sich klingendere Namen einzuverleiben. Leider fast ausschließlich in Gestalt von Lithografien, die im Kunsthandel damals noch preisgünstig erhältlich waren. Ein Raum ist der École de Paris gewidmet mit eher gefälligen Bildern von Pablo Picasso und George Braques, Joan Miró und Marc Chagall. Die eigentümlichen skulpturalen Studien des Bildhauers Henri Laurens stechen hier deutlich heraus.

Prunkstücke der Ausstellung sind die beiden großen Scheibenbilder von Ernst Wilhelm Nay, der als einer der wichtigen Stichwortgeber des Informel die malerische Abstraktion in Deutschland etablierte. Die beiden Ölgemälde „Rot im Zentrum“ und „Mit fünf weißen Sternen“ wirken auch deshalb so eindrucksvoll, weil sie mit einigen Bleistiftzeichnungen Nays kombiniert wurden und so sein Spiel zwischen gestischer Farbe und geometrischer Form verdeutlichen.

Auch „Neue Wilde“ finden sich in der Ausstellung

Während in Leverkusen stets der persönliche Geschmack dominierte, beabsichtigte amerikanische Tochtergesellschaft eine Corporate Collection aufzubauen, die sich auf zeitgenössische, junge Kunst fokussierte. Die musste aber nicht zwangsläufig aus den USA kommen. Der Kauf der „Neuen Wilden“, die ihr künstlerisches Unwesen in Berlin oder Düsseldorf trieben, wurde von Pittsburgh aus avisiert. Ein Raum vereint großformatige Werke von Markus und Albert Oehlen, Martin Kippenberger und Werner Büttner. Stolz der Sammlung ist aber das abstrakte Bild „555“ von Gerhard Richter aus dem Jahr 1984, welches zusammen mit einer Wandinstallation von Imi Knoebel und einer 32-teiligen Papierserie von Günther Förg die Weiterentwicklung der gegenstandslosen Malerei dokumentiert.

Im Jahr 2005 erwarb die deutsche Bayer AG dann den gesamten Kunstbesitz der US-Standorte. Dazu gehören frühe Fotografien von Andreas Gursky oder Candida Höfer aus der Düsseldorfer Schule aber auch das lange, schmale Acrylgemälde „Savasan 16“ des amerikanischen Malers David Shapiro. Die meditativen Muster in den sechs quadratischen Bildtafeln sind von Yogatraditionen inspiriert und schmücken normalerweise das Büro des Vorstandsvorsitzenden Marijn Dekkers.

Die Sammlung umfasst heute 2000 Werke

Heute umfasst die Sammlung 2000 Werke, verfügbar über die Artothek sind sogar 5000. Die Konzernleitung verfolgt darüber hinaus zwei Richtungen mit ihrem Engagement für die Kultur. Ankäufe werdengetätigt, um Lücken in der Sammlung zu schließen. Außerdem soll die junge Kunst gefördert werden. Bisher waren schon Klassen der Burg Giebichenstein, der Kunstakademie Münster und der Kunsthochschule Kassel zu Gast in Leverkusen. Aus diesen Ausstellungen werden kontinuierlich Kunstwerke angekauft. So soll die aktuelle Kunstproduktion nachhaltig gefördert werden, gleichzeitig kann aber die Sammlung auch verjüngt werden. Für die Angestellten in den Büros bedeutet das eine wichtige Neuerung. Sie werden weniger oft auf die Vergangenheit der Kunstgeschichte schauen, als in die Zukunft des künstlerischen Nachwuchses.

„Von Beckmann bis Warhol – Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts – Die Sammlung Bayer“, 22. März bis 9. Juni 2013, Mi. – Mo., 10 – 19 Uhr, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7