ZDF-Dreiteiler

„Unsere Mütter, unsere Väter“ - Eltern erzählen vom Krieg

Der ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ sorgt für Diskussionen. Regina Köhler sprach mit ihren Eltern über deren Kriegserlebnisse.

Seit Jahren trage ich ein kleines Foto bei mir – eine Schwarz-Weiß-Aufnahme. Ein großes schlaksiger Junge ist darauf zu sehen. Es ist ein sonniger Vorfrühlingstag. Der Junge sitzt in einem aus Brettern gezimmerten Unterstand und liest. Er trägt einen dicken Soldatenmantel, gefütterte Hosen, schwere Schuhe. Auf dem Kopf eine Soldatenmütze. Das Foto ist von 1944, aufgenommen in einer Gartenkolonie in Spandau. Der Junge darauf, er ist 16 Jahre alt, wird später mein Vater werden.

Es rührt mich immer wieder, diesen Jungen dort sitzen zu sehen. Auch weil ich weiß, was er damals nicht wissen kann: Wie zerstörerisch dieser Krieg sein wird. Als das Foto aufgenommen wird, ist er Luftwaffenhelfer, später, kurz vor Kriegsende soll er an die Front. Seinen 18. Geburtstag wird mein Vater in Österreich erleben, in russischer Kriegsgefangenschaft.

Das erste richtige Gespräch über den Zweiten Weltkrieg

Es ist ein sonniger Vorfrühlingstag, fast 70 später. Ich sitze mit meinen Eltern – Wolfgang Köhler, Jahrgang 1927 und Gerda Köhler, Jahrgang 1932 – in ihrem Wohnzimmer in Trebbin, eine halbe Autostunde von Berlin entfernt. Vor uns auf dem Tisch sind viele Fotos ausgebreitet, die meine Eltern extra rausgesucht haben. Wir reden zum ersten Mal ausschließlich über den Krieg. Endlich. Bisher gab es zwar die eine oder andere Geschichte, ein richtiges Gespräch gab es nicht. Immer war da mein Gefühl, nicht daran rühren zu dürfen. Details waren tabu.

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Nun zeigt mir mein Vater plötzlich ein Kärtchen aus Pappe, so groß wie eine Visitenkarte. „Denke an den 1. Mai 1948“, steht da in gestochen schöner Schrift, „an dem wir uns am Springbrunnen vor dem Schloß Sancoussi (Potsdam) treffen wollen. Erscheinen ist Pflicht“. Das Kärtchen macht 1944 unter seinen Mitschülern die Runde, die wie er als Luftwaffenhelfer eingeteilt sind. Ob es tatsächlich zu diesem Wiedersehen kam und wer gekommen ist, hat mein Vater nie erfahren. Er ist nicht dort gewesen. Die Nachkriegszeit hatte anderes mit ihm vor.

Männer reden nicht über ihre Kriegserfahrungen

Es sind zwei Erkenntnisse, die zwar nicht neu sind, mich dennoch verblüffen. Die eine: Männer reden nicht über ihre Erfahrungen im Krieg. Die andere: Angst wird verdrängt.

Als der Krieg 1939 beginnt, sind es jedenfalls nur die Frauen in meiner Familie – die Mutter meines Vaters, die Großmutter meiner Mutter – die reden. Sie erzählen ihren Kindern und Enkel vom Ersten Weltkrieg, davon, wie begeistert zunächst alle waren und wie schrecklich es dann war, als die Verwundeten zurückgekommen sind. Die Mutter meines Vaters hat damals als Krankenschwester schwer verwundete junge Männer am Bahnhof ihrer Heimatstadt in Empfang genommen.

Von den Eltern nicht auf den Krieg vorbereitet

Die Männer reden nicht. Sein Vater habe ihm zwar gezeigt, wie man einen Tornister packt, sagt mein Vater. Von seinen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg hat er nicht gesprochen. Er gab ihm kein einziges Wort mit auf den Weg. Auch sein Onkel, der im Ersten Weltkrieg von Anfang bis zu Ende dabei war, erzählt ihm nichts. Ich bin fassungslos. Und auch mein Vater fragt sich nun, warum ihn keiner der Männer auf den Krieg vorbereitet hat. Vielleicht sagten sie nichts, weil sie wussten, dass der Krieg Unsagbares mit sich bringt.

Immer wieder frage ich meinen Vater nach seiner Angst. Die muss er doch gehabt haben, auf den brennenden Dächern in Berlin, auf den Feldern bei Prag, über die die Kugeln flogen, in russischer Kriegsgefangenschaft. Er antwortet immer wieder, dass keine Zeit war für Angst. Dass sie ein Trupp junger Männer waren, seit Jahren eingeschworen auf diesen Krieg. Dass keiner seine Furcht zeigte.

Doch am nächsten Tag ruft er mich an. Unser Gespräch hat ihn sehr bewegt. Nachts ist er aufgewacht und war plötzlich wieder im Krieg. „Natürlich hatten wir Angst“, sagt er nun. Nur hat niemand das offen ausgesprochen. Jeder hat anders reagiert. „Ich habe nachts, wenn Alarm war, immer sofort etwas essen müssen, bevor wir rauf aufs Dach sind zu unserem Flakgeschütz.“ Andere sind mehrmals zur Toilette gerannt. „Mein Herz hat dann immer ganz schnell geschlagen“, sagt mein Vater. Also doch, denke ich und auch mein Herz krampft sich zusammen. Mir wird klar, wie schwer es für die Jungs gewesen sein muss, sich nichts anmerken zu lassen.

Meine Eltern wissen noch genau wie es war, als der Krieg in ihr Leben kam. Mein Vater sagt: „Das war am 26. August 1939, es war ein Sonntag, schönes Sommerwetter.“ Früh um halb sieben steht in Lüdersdorf der Postbote vor der Haustür mit dem Einberufungsbefehl für seinen Vater. Im Dorf bekommen noch 20 andere Männer diesen Befehl. „Da wussten wir, dass Krieg kommt.“ Seine Mutter weint. Sein Vater packt still den Koffer, zu seinem Sohn sagt er: „Du bist erst zwölf, bis du groß bist, ist der Krieg längst vorbei.“

Unheimliche Situation zu Kriegsbeginn

Meine Mutter erinnert sich an den 1. September 1939, es ist der Tag, an dem Hitler in Polen einmarschierte. Es müsse ein Freitag gewesen sein, sagt sie, das Wetter sei immer noch schön gewesen. „Ich komme aus der Schule. Meine Eltern sitzen mit den Nachbarn zusammen in unserem Wohnzimmer. Sie haben Radio gehört. Die Stimmung ist seltsam. Dann sagt mir mein Vater, dass jetzt Krieg ist.“ Meine Mutter, gerade erst sieben Jahre alt, geht schnell wieder aus dem Haus, zu unheimlich ist ihr diese Situation. „Danach hat keiner mehr mit uns darüber gesprochen. Ich wusste nicht, was Krieg bedeutet und habe es erst einmal wieder vergessen“, sagt sie.

Damals lebt sie mit ihrer Familie auf dem Gelände der Fliegerschule in Genshagen, etwa 20 Kilometer vom Dorf meines Vaters entfernt. In der Schule werden Motorenschlosser ausgebildet, die im nahe gelegenen Flugzeugmotorenwerk von Daimler Benz in Ludwigsfelde arbeiten. Ihr Vater ist dort Hausmeister. Von 1943 an wird das Motorenwerk ständig bombardiert. Für meine Mutter bis heute ein Albtraum.

An dem Tag, als meine Eltern vom Krieg erfahren, können sie nicht wissen, was das bedeutet, wie lange es dauern wird, bis wieder Frieden ist, wie sehr sich ihr Leben verändern soll. Mein Vater ahnt nicht, dass seine Zukunftspläne sich nicht erfüllen werden. Er wird das Abitur nicht machen und auch nicht Landwirtschaft studieren. Meine Mutter wird ihren Vater erst im April 1948 wieder sehen. Dann erst, drei Jahre nach Kriegsende, wird er aus Sibirien zurückkommen. Ein gebrochener Mann.

Vormittags Schule, nachmittags Flak-Ausbildung

Beide werden nach dem Krieg im Osten des geteilten Deutschlands leben müssen. Einfach, weil das Land nach dem Krieg so und nicht anders aufgeteilt wird und sie ihre Eltern nicht verlassen wollen, die dort leben. Ihre Geschwister sind nach Mainz gezogen, nach Bad Nauheim, nach Hamburg und West-Berlin.

Juli 1943, der Krieg dauert schon vier Jahre, als mein Vater, gerade 16 geworden, Luftwaffenhelfer wird – so wie alle seine Klassenkameraden des Lilienthal-Gymnasiums in Lichterfelde Ost. Sie kommen in ein Barackenlager nach Spandau, später nach Charlottenburg. Vormittags haben sie behelfsmäßigen Unterricht, den schon bald keiner mehr für voll nimmt. Nachmittags werden sie am Flak-Geschütz ausgebildet. Nachts, wenn die Sirenen heulen, müssen sie aufs Dach, mit dem Scheinwerfer angreifende Flieger suchen, das Geschütz ausrichten, schießen. Wenn alle anderen hinab in die Bunker und Keller rennen, hasten die Jungs die Treppe rauf.

Brandbomben-Angriff auf Fabrik in Berlin-Westend

Eine Nacht ist meinem Vater besonders gegenwärtig. „Wir sind auf dem Dach einer Fabrik in Westend, als plötzlich Brandbomben fallen.“ Innerhalb von kürzester Zeit brennt das Haus, doch sie dürfen nicht weglaufen, müssen gegen jeden Instinkt bleiben, wo sie sind. „Der Unteroffizier, der uns befehligt hat, musste erst den Diensthabenden anrufen und fragen, ob wir uns in Sicherheit bringen dürfen“, sagt mein Vater.

Als die Erlaubnis kommt, stürmen sie vom Dach, durch den Rauch die Treppe runter, hinaus auf die Straße. Im Haus lagern Dosen mit gekochtem Hühnerfleisch, durch die Hitze platzen sie auf. Als alles vorbei ist, machen sich die Jungs über das Fleisch her. Es gibt nicht mehr viel zu essen in diesen Tagen.

Feldscheune statt Luftschutzkeller

Auch meine Mutter hat die Bomben nicht vergessen. Es ist August 1944, sie ist zwölf Jahre alt. Es ist Sonntag, ein strahlend blauer Sommertag. Zu diesem Zeitpunkt hat sie schon viele Angriffe erlebt. Schuld ist das Flugzeugmotorenwerk. Aber an diesem Vormittag war etwas anders. „Sonst wurde das Werk immer sofort eingenebelt, sobald es Voralarm gab. An diesem Vormittag ist das aus irgendwelchen Gründen nicht passiert.“ Die Engländer haben gute Sicht und meine Mutter sitzt mit anderen Kindern und Frauen im Luftschutzkeller. Es ist furchtbar still. Die Mutter meiner Mutter ist so voller Angst, dass sie ihre drei Mädchen nicht beruhigen kann. Draußen ist die Hölle los, und es hört einfach nicht auf. Viele weinen.

Später gehen sie nicht mehr in den Keller, sagt meine Mutter. Sie halten es in diesem abgeschlossenen Raum nicht mehr aus. Sie nehmen die Fahrräder und fahren zu einer Feldscheune. Dort verkriechen sie sich. Die Angst wird meine Mutter von da an nicht mehr verlassen. Schon bevor die Sirenen heulen, steht sie angezogen und mit ihrem Köfferchen in der Hand im Zimmer ihrer Mutter. „Ich habe schon vorher gefühlt, dass wir gleich wieder bombardiert werden“, sagt sie.

Namensvetter im Wald beerdigt

Das Jahr 1944 geht zu Ende. Mein Vater und seine Mitschüler werden nach Hause geschickt. Sie sollen sich an der Front melden, wird ihnen gesagt. Für die Jungs ist das ein Befehl. „Wir wollten kämpfen“, sagt mein Vater. Bis Ende März muss er warten, dann kommt der Einberufungsbefehl. Er packt seine Sachen. Nur die Mutter ist da noch zu Hause und die jüngere Schwester. Die Mutter schafft es, nicht zu weinen, als er sich verabschiedet. Doch er weiß, dass sie große Angst um ihn hat. Er fährt mit dem Fahrrad zum sechs Kilometer entfernten Bahnhof Trebbin. Er wird nicht mehr kämpfen müssen, nur marschieren und rennen.

Mein Vater muss nach Lüneburg, zur Kavallerie. Auf dem Weg trifft er einen Gleichaltrigen, der sich auch dort melden muss. Dieser Junge heißt genau wie er Wolfgang Köhler. Doch anders als mein Vater hat dieser Wolfgang Köhler kein Glück. Als sie Anfang Mai in der Nähe von Prag über ein Weizenfeld rennen, um tschechischen Partisanen zu entkommen, wird er erschossen. „Wir haben ihn im Wald beerdigt, unter einer Birke“, sagt mein Vater nur.

Ich schlucke. Das ist Schicksal: Mein Vater hätte dieser andere sein können, der den gleichen Namen hatte wie er, der es nicht geschafft hat.

Ab 12. Mai in russischer Gefangenschaft

Am 12. Mai endet für meinen Vater der Krieg. Er und die anderen Jungs werden von russischen Soldaten gefangen genommen, jeder gibt seinen Karabiner ab. Im Tross müssen die Gefangenen nach Österreich laufen. Es sind 30 Grad im Schatten, sie haben kaum etwas zu trinken. Wenn es dunkel wird, legen sie sich dorthin, wo sie gerade sind.

Damit auch wirklich alle liegen bleiben, schießen die russischen Soldaten ein paar Salven auf Kopfhöhe durch die Nacht. Dann ist Ruhe. Tagsüber werden sie von tschechischen Zivilisten bedrängt, meist jungen Burschen. Die nehmen ihnen das Letzte ab, was sie noch haben, Uhren und Ringe. Die russischen Soldaten greifen nicht ein.

Wegen gefährlicher Krankheit nicht nach Sibirien

Auf diesem Marsch nach Österreich bekommt mein Vater die Ruhr, eine gefährliche Durchfallerkrankung. Es geht ihm sehr schlecht, er kann kaum noch laufen. Das sieht auch die russische Ärztin, die ihn untersucht. Während viele seiner Mitgefangenen nach Sibirien verfrachtet werden, wird mein Vater nach Hause geschickt. Er ist zu schwach, um arbeiten zu können. Auch das ist Schicksal. Die lebensgefährliche Krankheit hat ihm wahrscheinlich das Leben gerettet.

Als wir noch einmal telefonieren, bittet mein Vater mich, drei Namen aufzuschreiben: Werner Dutke, Horst Wache und Dieter Schneider. Berliner Mitschüler, Luftwaffenhelfer wie er, sie waren gute Freunde. Auch sie haben damals das Kärtchen bekommen. Mein Vater hofft, dass sie noch leben und sie – oder Angehörige von ihnen – sich bei ihm melden.

Der ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter" läuft am 17., 18. und 20. März jeweils ab 20.15 Uhr.

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