Konzert in Berlin

Marius Müller-Westernhagen ist in Berlin „geil und laut“

Rückkehr des „Armani-Rockers“: In der Berliner O2 World feiert der 63-Jährige seine umjubelte „Hottentotten-Musik“-Show.

Foto: Adam Berry / dapd

Vielleicht war ihm ja selbst nicht immer ganz klar, ob der nächste Karriereschritt der richtige war. Kopf oder Zahl? Schauspielerei oder Rockbühne? Er wollte beides.

Das hat ihn im Laufe seiner mehr als 40-jährigen Karriere so manchen Fan gekostet. Und er musste oft herbe Kritik einstecken. Wurde als „Armani-Rocker“ geschmäht, als Größenwahnsinniger tituliert. Aber Marius Müller-Westernhagen ist einfach weitergegangen, hat das, was ihm zu viel wurde, hinter sich gelassen und das, worauf er neugierig war, ausgekostet. Und sich seine Fans zurückerobert.

Nun wird der 63-jährige Rocksänger am Sonntagabend auf der Bühne der O2 World von rund 11.000 Besuchern, die sich wie mindestens doppelt so viele anhören, mit Applaus und lautstarkem Jubel umarmt.

Phänomenale „Hottentotten-Musik-“Show

Nach seiner pompösen „Radio Maria“-Abschiedstournee Ende der Neunziger und einem zaghaften Comeback 2005 mit dem Album „Nahaufnahme“ gelang Westernhagen 2009 mit dem in New York aufgenommenen Album „Williamsburg“ der Weg zurück ins Bewusstsein der Rock-Gemeinde. Und er fand mit neuen, zumeist amerikanischen Musikern wieder Spaß an der Rolle des Rock-Entertainers. „Williamsburg“ war sozusagen sein Weg zurück an die Wurzeln jener amerikanischen Musik, die ihn schon zu Anfang seiner Karriere geprägt hat: Blues, Soul und Rhythm’n’Blues. Sein Berlin-Konzert 2010 war phänomenal, seine „Hottentotten-Musik“-Show am Sonntag steht dem in nichts nach.

Als das Saallicht verlöscht, erklingt der Mittelteil von „A Day In The Life“ der Beatles aus der Lautsprecheranlage. Die gewaltigen Soundcluster des dabei eingesetzten Sinfonieorchester schwingen sich in lautstark klirrende Höhen, bis ein hartes Gitarren-Riff durch die Halle keucht. Der mächtige geraffte Vorhang hebt sich und Westernhagen und Band eröffnen den Abend mit einem konsequenten Statement. Der Song „Der schwarze Mann“ vom 83er-Album „Geiler is‘ schon“ wird zu einer geharnischten Absage an den neuen braunen Nazisumpf. Westernhagen hat den alten Text überarbeitet. „Sei auf der Hut, denn er ist wieder hier im Revier. Und wir sind schuldig, wenn wir uns jetzt nicht dem Irrsinn stellen“, heißt es da, und: „Wehr dich! Der braune Hals wird umgedreht“. Die Textzeilen ziehen in großen Lettern über die gigantische Projektionswand, die den ganzen Bühnenhintergrund einnimmt.

Gewohnt rotzig-raue Stimme

Es ist hart polternder Bluesrock, der den Song untermauert, gefolgt von einem treibenden „Schweigen ist feige“ und einem wütenden „Wir haben die Schnauze voll“. Westernhagen singt mit der gewohnt rotzig-rauen Stimme, stolziert spinnenbeinig übers weite Areal und ist ganz in seinem Element. „Berliiin!“ ruft er in die Halle, bevor er sich gemeinsam mit Sängerin Tesirée Priti bei „Lieben wird‘ ich dich nie“ im schwül-rotlichtigen Blues am Mikrophon räkelt. Priti ist neu dabei, nachdem die Komische Oper Berlin die langjährige Sängerin Della Miles aus der Band weg engagiert hat.

Berlin sei für ihn ein wichtiges Konzert, sagt Westernhagen, „weil hier ist der Ort wo ich lebe.“ Er gibt sich geradezu fassungslos über den Applaus, der ihm immer wieder entgegenbrandet. Und nutzt jede Gelegenheit, seine Band ins rechte Licht zu stellen, „diese unglaublichen Jungs, die sich herabgelassen haben, mit mir zu spielen.“ Die Bandvorstellung wird denn auch wird zur Show in der Show. Der Pianist und musikalische Leiter Kevin Bents präsentiert die Stars des Abend, die Gitarristen Brad „Buck Wild“ Rice und Marcus Wienstroer, den Bassisten John Conte, Schlagzeuger Aaron Comess, Organist Jeff Young und Saxofonist Frank Mead. Komplettiert wird die formidable Truppe von Sänger Billy King und Sängerin Tesirée Priti.

Neues Leben für alte Klassiker

Nichts, was an diesem Abend nicht mitgesungen wird, ob „Willenlos“, ob „Fertig“, ob „Taximann“. Westernhagen hat den Songs auf hochmusikalisch altmodische Art neues Leben eingehaucht. Es rockt, es bluest, es scheppert. „Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz“, das beim letzten Mal noch als schleppender Blues daher kam, walzt jetzt wieder im gewohnten Tempo über den Nostalgie-Highway. Und natürlich wird es auch schwer gefühlig bei Balladen wie „Durch Deine Liebe“ oder „Wieder hier“. Westernhagen ist in Top-Form, bestens bei Stimme und gibt den grandiosen Poseur, der sich nicht immer zwischen Lennon oder Jagger entscheiden kann. Bei „Sexy“ strippt eine strenge Blondine an einer Stange auf der Leinwand, während Westernhagen Publikumsnähe im Bühnengraben sucht und seine Ex-Sängerin Della Miles zum Tanz auf die Bühne holt.

Nahezu zweieinhalb Stunden dauert diese ganz auf die Musik hin inszenierte Rock-Revue, an deren vorläufigem Ende der Rock’n’Roll-Song „Mit 18“ steht, sozusagen eine sehnsuchtsvolle Erinnerung an seine erste Band in Düsseldorf. „Jetzt sitz ich hier, bin etabliert, und schreib auf teurem Papier ein Lied über meine Vergangenheit, damit ich den Frust verlier“ heißt es da, und: „Ich möcht zurück auf die Straße, möcht wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut.“ Marius Müller-Westernhagen kann sich glücklich schätzen, eine Band hinter sich zu haben, die ihm das erlaubt. Zumindest für einen Konzertabend.

Zu „Freiheit“ werden Handys geschwenkt

Im Zugabenblock gibt es neben „Jesus“ und „Lichterloh“ noch die herzhaft kitschige Ballade „Engel“ und natürlich das zur Wendehymne gewordene „Freiheit“. Früher hat man dazu Feuerzeuge geschwenkt. Heute sind es Handys. Und nur von seinen Gitarristen begleitet kommt der unvermeidliche Rausschmeißer, die Trinkerballade „Johnny W.“ Applaus zwischen Euphorie und Dankbarkeit. „Hottentotten-Musik“ kann so schön sein.