Fernsehfilm

Der Fall Jakob von Metzler – Foltern, wenn nichts mehr hilft

Das ZDF hat die Entführung von Jakob von Metzler verfilmt. Es ist ein gelungenes Werk über eine Zeit im Ausnahmezustand.

Foto: ZDF / Hans Joachim Pfeiffer

So kann man sich irren. Kritiker waren bislang der Meinung, der Schauspieler Robert Atzorn erledige einen soliden Job – sei es als einsilbiger „Tatort“-Kommissar in Hamburg oder als polternder Bürgermeister in Dieter Wedels „Affäre Semmeling“. Gut, aber nicht auffällig gut. Zuschauer denken, wenn der Name Robert Atzorn fällt, an den fidelen Lehrer Doktor Specht, der in den 90er-Jahren zur Schule radelte und für das ZDF Marktanteile von bis zu 50 Prozent einfuhr. All das ist nun vergessen. Wer Atzorn am Montagabend als Frankfurter Polizei-Vizepräsident Wolfgang Daschner in dem bewegenden Drama „Der Fall Jakob von Metzler“ sieht, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Man muss nicht gleich den Christoph-Waltz-Vergleich bemühen, um zu erkennen, dass hier jemand die wohl staunenswerteste Leistung in diesem Fernsehjahr vorlegt, der zuvor etwas aus dem Blickfeld geraten war. Das Comeback eines Schauspielveteranen.

Ein Gespür für Nuancen

Atzorn spielt mit anrührender Ernsthaftigkeit. Mühelos wird er eins mit der angespannten Verzweiflung dieses Mannes. Die Rolle des Ermittlers, der dem Kindesentführer Magnus Gäfgen Gewalt androht, als dieser auch nach Tagen den Aufenthaltsort des Kindes nicht verraten will, und der für diese Tat schließlich verurteilt wird, duldet keine interpretatorischen Muskelspielchen, kein Hauen auf die Performance-Pauke mit schönen Grüßen an die Preisjurys dieses Landes. Bei Daschner musste jemand ran, der die Konzentration eines Leistungssportlers paart mit einem spinnwebenzarten Gespür für emotionale Nuancen. „Wir werden alles tun, um das Leben ihres Sohnes zu retten, alles“, verspricht Daschner den Eltern bei seinem ersten Besuch. Kein Gramm Pathos beschwert den Satz, Atzorn zieht die Augenbrauen nicht hoch, ballt die Hände nicht zu Fäusten. Er spricht, als würde er an der Wursttheke gemischtes Hack bestellen – und schafft es doch, dass Gänsehaut über den Zuschauerrücken krabbelt.

Interviews machen dem 67 Jahre alten Schauspieler ungefähr soviel Spaß wie eine Magenspiegelung. Ein lautes Aufseufzen unterdrückt er beim Betreten des Cafés allein deshalb, weil er von der gebügelten Freizeitkleidung in blau-weiß bis zum jovialen Plauderton Wert legt auf einen Gentlemanauftritt, auf tadellose Manieren. Wäre da nicht dieser Film, den er als selten gelungen empfindet, und die Figur Daschners, der er so dringend gerecht zu werden versucht hat – Robert Atzorn würde auf dem Seglerschuhabsatz kehrt machen und zurück ins Hotelzimmer spurten. Der Film also: „Der Fall Jakob von Metzler“. Die Entführung des elfjährigen Bankierssohn, die im September 2002 ein ganzes Land bewegte, Juristen entzweite und jedem Einzelnen eine eigene moralische Haltung abverlangte, lässt auch zehn Jahre später in der filmischen Aufarbeitung das Publikum die Augen nicht eine Sekunde vom Bildschirm abwenden.

„Ich war fertig danach“

Nicht aus dem Blickwinkel der Frankfurter Bankiersfamilie erzählt der Film von Regisseur Stephan Wagner und Autor Jochen Bitzer seine Geschichte, sondern aus der Perspektive von Daschner und seinem Team. „Der Fall Jakob von Metzler“ ist natürlich eine Familientragödie, aus dramaturgischer Sicht vordergründig ein Ermittlerkrimi mit tragischem Ausgang. Dass der Film kein Debattenstück über Folter und Menschenwürde geworden ist (beides aber verhandelt), liegt auch an Atzorns Spiel, der Daschners Dilemma ohne Umwege spürbar macht. Um das Leben des Kindes zu retten, geht dieser, als er dem Entführer Schmerzen androht, weiter als erlaubt. Viel zu weit. Und doch ist er bis auf den Grund seines Herzens überzeugt, das Richtige zu tun. „Wenn es Notwehr gibt“, sagt Daschner, als nur noch ein Restfunken Hoffnung auf ein gutes Ende besteht, „gibt es dann nicht auch Nothilfe?“ „Eine sauschwere Rolle“ nennt es Atzorn, der sich zu einem Milchkaffee überreden lassen hat und langsam auftaut, je mehr er über den Film erzählt. „Ich war fertig danach. Ich konnte sie auch abends nicht einfach abschütteln, das hatte ich in dieser Form noch nie.“

Müde Augen, schnelles Altern

Was bei einer stattlichen Filmliste von rund hundert Rollen etwas heißen mag. Atzorn stand unter klingenden Titeln wie „Herzen im Sturm“ und „Afrika, mon amour“ herum, spielte Trinker, Fremdgeher und Kapitäne. Er sagte Wolfgang Petersen für den Welterfolg „Das Boot“ ab, weil familiäre Gründe dagegen sprachen, und drehte mit Ingmar Bergmann, den er verehrte, im Jahr 1980 allerbeste Filmkunst: „Aus dem Leben der Marionetten“. „Wenn ich diese Listen sehe, denke ich: ‚Soviel Text habe ich schon auswendig gelernt? Ist ja grauenvoll“, sagt Atzorn. Die Augen funkeln belustigt, als habe er gerade einen besonders fiesen Schulhofstreich ausgeheckt. Robert Atzorn, das ist die zweite große Überraschung, die ihn betrifft, verfügt über eine nicht gerade schauspielertypische Eigenschaft: Der Mann hat Humor, gepaart mit Selbstironie.

Im Film sind seine Mundwinkel verkniffen, die Augen triefen vor Müdigkeit. Der Vize-Polizeipräsident scheint in wenigen Tagen um Jahre gealtert. Zum Zeitpunkt, als Jakob bereits tot ist, die ahnungslosen Ermittler jedoch auf ein paar wenige Stunden hoffen, den Jungen zu retten, sitzt Daschner im Mantel zwischen der Bügelwäsche auf dem Sofa und bellt seinem Assistenten die folgenschwere Anweisung in den Telefonhörer: Foltern, wenn nichts anderes mehr hilft. Er wird nicht zusehen, wie ein Kind stirbt. Wenn es ein Bild gibt für jemanden, der ganz allein eine zentnerschwere Entscheidung trifft, hier ist es. Jeden noch so kleinen Part hätte er angenommen, um bei „Der Fall Jakob von Metzler“ dabei zu sein, sagt Robert Atzorn. Es ist ein großes Glück für das deutsche Fernsehen, dass er nun die Hauptrolle spielt.

„Der Fall Jakob von Metzler“, Montag, 20.15 Uhr, ZDF