Vor Berlin-Konzert

Warum die Pet Shop Boys deutscher Schlager fasziniert

Die Pet Shop Boys sind in Berlin. Ein Gespräch über die Konkurrenz, Erinnerungen an Berlin vor dem Mauerfall und kommunistische Bratwürste.

Foto: ZGBZGH

Am Freitag erscheint „Elysium“, das elfte Studio-Album der Pet Shop Boys. Nach dem knallbunten Vorgänger „Yes“ haben Neil Tennant (58) und Chris Lowe (52) diesmal eine herbstlich melancholische Platte aufgenommen, die sie vor geladenen Gästen und Ticketgewinnern am Mittwoch im Kreuzberger Hau vorstellen wollen. Mit Patrick Goldstein sprachen sie über einen freudlosen Bummel durch Ost-Berlin vor der Wende und ihr Faible für den deutschen Schlager.

Morgenpost Online: „Elysium“ wird im Netz bereits als eines Ihrer besten Alben gefeiert. Vieles davon haben Sie in Berlin geschrieben.

Neil Tennant: Wir sind seit einer Zusammenarbeit mit dem Berliner Produzenten Chris Zippel im Jahr 2000 regelmäßig in Berlin. Wir schreiben gern außerhalb von London und in Berlin gibt es ein kleines Studio das wir gern benutzen.

Morgenpost Online: Und wohnen dann im Hotel? Irgendwelche Empfehlungen?

Tennant (lacht): Einen guten Reiseführer.

Morgenpost Online: Wirklich?

Lowe: Nein, nein. Danach gehen wir nicht. Wir hören uns einfach bei uns in London um.

Tennant: Wir kommen zum Gallery Weekend, Thomas Demand hat demnächst eine neue Ausstellung…Aber zum ersten Mal waren wir für eine Konzert von David Bowie 1987 in Berlin.

Morgenpost Online: Open Air vor dem Reichstag.

Tennant: Unser Chauffeur weigerte sich, uns für einem Besuch nach Ostberlin zu fahren. Also haben wir uns am Checkpoint Charlie absetzen lassen und sind auf Ostseite gewechselt, was ein seltsames Gefühl war, und sind dann in die U-Bahn gestiegen. Wir kannten „Berlin Alexanderplatz“ durch die Fassbinder-Verfilmung und da wollten wir jetzt hin. Wir hatten keine Ahnung, wie man bezahlen sollte, also sind wir einfach so in den nächsten Zug gestiegen. Als wir ankamen sind wir Unter den Linden herunterspaziert.

Lowe: Es war ein Sonnabend und niemand war da. Niemand.

Tennant: Sehr bedrückend. Wir haben uns dann trotzdem ein Bier und eine Bratwurst bei einem Imbiss an der Museumsinsel gegönnt.

Lowe: Unsere kommunistische Bratwurst. War ehrlich gesagt recht gut.

Morgenpost Online: Das erste Mal, dass ich Sie gesehen habe war 1986 auf der Kings Road in London. Neil lief ein Stück voraus, Chris ein paar Schritte dahinter: Genau wie wir es in Deutschland aus dem Fernsehen, aus dem „West End Girls“-Video kannten. Atemberaubend.

Lowe (lacht): Ja, solche verrückten Sachen machen wir tatsächlich: Gehen.

Tennant: Ich habe damals an der Kings Road gewohnt und gehe eben immer recht schnell.

Lowe: Neil ist ein verdammt schneller Geher.

Tennant: Wenn wir es eilig haben bist Du aber der Schnellere, Chris.

Morgenpost Online: Die Pet Shop Boys sind heute wohl die einzige Band, die sich künstlerisch nahezu alles leisten kann. Wenn Sie nächstes Jahr eine perfekte CD mit deutscher Volksmusik herausbringen würden, hieße es: Klar, die dürfen das. Längst überfällig. Klingt toll.

Tennant: Viele Künstler beschränken sich darauf, was ihnen als „cool“ erscheint, statt wie in der Mode Uncooles in Cooles umzuwandeln. Mit deutschem Schlager ließe sich das auch machen. Nicht, dass wir das unbedingt vorhätten. Aber es ist doch etwas attraktives an diesen süßlichen Melodien, das beglückt schauende Publikum, dieses ganze eher deutsche Genre. Da gibt es nichts Vergleichbares in England. Das fasziniert uns schon sehr.

Morgenpost Online: Ob Opernkenner, Kunstliebhaber, Popkid oder Dudelradio-Hörer: Auf die Pet Shop Boys können sie sich alle einigen. Haben Sie bewusst darauf hingearbeitet?

Tennant: Die ursprüngliche Idee war: Wir wollten unsere eigene Pet Shop Boys Welt schaffen, in die wir Dinge hinein tragen, die eigentlich außerhalb von Pop-Musik ihren Platz haben. Auf diese Weise, hofften wir, würden wir Publikum anziehen. Wir haben aber auch Konzepte entworfen wie: Wir wollen nur in Italien Popstars sein. Zwischendurch fahren wir dann heim nach England und führen dort unser normales Leben.

Morgenpost Online: Woraus dann aber nichts wurde.

Tennant: Wir lassen eben viel zu und fragen uns nicht ständig, ob etwas angesagt ist oder nicht. Ich denke etwas Angesagtes zu produzieren bedeutet, etwas zu tun, was jemand anderes bereits gemacht hat.

Morgenpost Online: Nachdem Ihre Charts-Konkurrenz in den Achtzigern und Neunzigern Songwriter wie Bowie, die besseren der Britpopper, meinetwegen auch Phil Collins waren: Ist es nicht ein bisschen demütigend, gegen die heutigen One-Hit-Wonders, die Eintagsfliegen anzutreten?

Tennant: Überhaupt nicht. Wir haben bei der vorangegangen Platte mit dem Xenomania-Team gearbeitet und im „New Yorker“ war neulich ein Artikel über die Leute, die die Songs für Rihanna schreiben. Das ist ein hochinteressanter Prozess.

Morgenpost Online: Eine Art Fließbandarbeit.

Tennant: Aber selbst Motown wurde für diesen Produktionsstil kritisiert. Paul McCartney sagte: Motown-Songs klingen alle gleich!

Morgenpost Online: Noel Gallagher hat neulich erklärt, der Rock Star Lifestyle werde aussterben, weil zukünftig keiner mehr genug Geld verdient, um ein Rock Star zu sein.

Tennant: Ja? Ach, ich denke zum Beispiel Lady Gaga lebt einen sehr ausgeprägten Rock-Lifestyle. Scheint mir jedenfalls so.

Morgenpost Online: Wir sollen zum Ende kommen, wird uns signalisiert. Deshalb nun zu etwas völlig anderem. Bitte ganz kurze Antworten. Wenn die Pet Shop Boys ein elektronisches Gerät wären, dann wären sie…

Tennant: Ein Synthesizer.

Morgenpost Online: Eine Sportart?

Tennant: Schwimmen.

Morgenpost Online: Kleidungsstück?

Tennant: Ein Hut.

Morgenpost Online: Ein Film?

Tennant: Lawrence von Arabien.

Morgenpost Online: Eine Jugendbewegung?

Tennant: Hm…Fällt mir nichts ein.

Lowe: Mods.

Tennant: Sehr gut, Chris.

Morgenpost Online: Eine Diva?

Tennant: Da kommt eigentlich nur Madonna in Frage.

Morgenpost Online: Eine Stadt?

Tennant (lächelt): Berlin.

Infos zum Konzert am Mittwoch: www.electronicbeats.net

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