Berliner Clubkonzert

Westernhagen bringt Kesselhaus zum Kochen

Vor Tournee-Start hat Marius Müller-Westernhagen ein Clubkonzert in Berlin gegeben – und zeigte sich dort als rotzfrecher Rock-‘n‘-Roller.

Foto: DPA

Es ist weit nach Mitternacht. Marius Müller-Westernhagen singt jenes Lied, auf das alle in dieser steinernen Halle noch warten. „Johnny Walker, du hast mich nie enttäuscht! Johnny, du bist mein bester Freund“, singt er wehmütig und leicht heiser. Und aus 1000 Kehlen hallt ihm Montagnacht der Refrain im Kesselhaus der Kulturbrauerei entgegen. Westernhagen hat sich glücklicherweise wieder zu einem Clubkonzert in Berlin hinreißen lassen, bevor er zu seiner Herbst-Tournee startet, die ihn am 23. September auch in die O2 World führt. Er hat sich mit einem Anzeigen-Magazin eingelassen, dass ihm den Abend im Kesselhaus finanziert. Der ist gleichzeitig der Auftakt von Westernhagens Lichterloh-Stiftung. Damit will der 63-Jährige dazu beitragen, „dass benachteiligte Kinder Bildung bekommen“. Der Reinerlös des Konzerts geht an die Stiftung. Tickets für die Show konnte man nur über besagtes Werbe-Magazin bekommen. Deshalb komme mir hier zunächst vor wie ein Illegaler.

Wahrscheinlich haben die Westernhagens zu Hause keinen dieser Aufkleber am Briefkasten, die sich das Einwerfen von Werbung verbeten. Vielleicht sitzen sie wochenends tatsächlich beim Frühstück und blättern in den in Cellophan eingeschweißten Prospekten von Baumärkten und Lebensmittelketten. Ich hingegen bin ein Werbeverweigerer, wie es im Jargon der Marketingstrategen heißt. Einer mit Aufkleber am Briefkasten. Aber Westernhagen mit großer Band in kleinem Rahmen ist immer Garant für eine bodenständig erdige Rockshow. Das ist im Kesselhaus nicht anders. Die Werbung findet draußen statt. Wer drinnen dabei ist, erlebt einen bestens konditionierten, gut aufgelegten und rotzfrechen Rock-‘n‘-Roller, der seinen alten Hits eine ordentliche Frischzellenkur verpasst. Was vor allem an den grandiosen Musikern liegt, die er hinter sich hat. Harte Kerle mit struppigen Frisuren, die eins sind mit ihren Instrumenten und in deren Adern Rock, Blues und Rhythm ’n’ Blues pulsieren.

Immer ganz nah am Publikum

Der Jubel ist frenetisch, als Westernhagen Schlag zehn die Bühne entert und „Wehr dich!“ ins Mikrofon keucht. Der 34 Jahre alte Song „Zieh Dir bloß die Schuhe aus“ walzt in einer rau aufgepeppten Version durch den Saal, gefolgt vom fordernden „Schweigen ist feige“. „Taximann“ ist im Repertoire und die Ballade „Komm in meine Arme“ vom 92-er-„JaJa“-Album. „Das haben wir schon ein paar Jahre nicht mehr gespielt“, sagt Westernhagen.

Er gibt ganz den relaxten Rock-Shouter. Stolziert lässig über die Bühne, wackelt mit den Hüften, geht immer ganz nah ran an sein Publikum. Und gibt seinen Liedern mit dem Druck und der Kraft der drei E-Gitarren von Brad „Buck Wild“ Rice, Marcus Wienstroer und Kevin Bents frische Energie. Bassist John Conte und Schlagzeuger Aaron Comess sind ein eingespieltes Rhythmusgespann, Organist Alan Clark und Saxofonist Frank Mead komplettieren das Kraftpaket, das von einem Background-Sänger und einer Sängerin veredelt wird.

Mehr als zwei Stunden rockt das Keselhaus

Westernhagen redet nicht viel, aber nachdem sie mit „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ den Laden zum Kochen gebracht haben, bricht etwas aus ihm heraus, das er offenbar nicht vergessen kann. „Wenn der Dreckskerl hier ist, der mir vor zwei Jahren im Postbahnhof die Manschettenknöpfe geklaut hat, die mir runtergefallen sind – die hätte ich gern wieder“, ruft er grinsend ins Publikum. Keiner meldet sich. Es ist mehr als zwölf Jahre her, da wollte Westernhagen mit einer Abschiedstournee dem Rockgeschäft entsagen. Er hatte alles erreicht: war ein Filmstar, hat größte Stadien gefüllt, Millionen Platten verkauft, Millionen Menschen glücklich gemacht. Der kumpelige Rocksänger, der in Jagger-Manier über die Bühne hastete und derbe Rock-’n‘-Roll-Poesie ins Mikrofon fauchte, wollte nicht mehr. Doch nur ein paar Jahre spätere kam das vorsichtige Comeback. Und mit dem Album „Williamsburg“ fand er 2009 wieder zu alter Größe. Und vor allem zu diesen, man kann es nicht oft genug betonen, exzellenten amerikanischen und britischen Musikern, die Liedern wie „Willenlos‘“ oder „Sexy“ neuen Biss verleihen. Die sich aber auch wunderbar in Balladen wie „Wenn Du glaubst“ oder „Wieder hier“ einfühlen können.

Mehr als zwei Stunden rocken Westernhagen und seine Band, was das Zeug hält. Nach „Mit 18“ und der darin beschworenen Sehnsucht nach dem Staub der Straße gibt es im langen Zugabenblock noch „Jesus“ und „Lichterloh“, aber auch die Mitsing-Hymne „Freiheit“. Und schließlich „Johnny W.“, die Trinkerballade, den Rausschmeißer, den Ohrwurm für den Weg nach Hause. Der Aufkleber am Briefkasten bleibt aber trotzdem dran.