ZDF-Talk

Was Richard David Precht als Fernseh-Philosoph will

Am Abend startet sein neuer ZDF-Talk: Bestsellerautor Richard David Precht spricht über Bildung, Musik und Gesprächspartner.

Foto: DAPD

Richard David Precht, Philosoph und Bestellerautor, lehrt jetzt als Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an die Berliner Musikhochschule Hanns Eisler. Wir sitzen im Zimmer des früheren Starbaritons und heutigen Gesangsprofessors Thomas Quasthoff, es ist ein großer Spiegelraum für große Stimmen. Precht spricht mit leiser Stimme und klarer Diktion. Er weiß, was er will. Auch als Fernseh-Philosoph: Am heutigen Sonntagabend beginnt im ZDF um 23.30 Uhr seine neue Philosophie-Sendung „Precht“. Morgenpost Online sprachen mit ihm.

Morgenpost Online: Herr Precht, was wollen Sie dem „Philosophischen Quartett“ entgegensetzen?

Richard David Precht: Ich glaube, dass es sich leichter philosophieren lässt, wenn zwei Personen einander gegenübersitzen. Ich finde es schwierig, sich bei einer Sendung wie dem „Quartett“, wo sich vier Leute unterhalten, auf einen roten Faden zu konzentrieren, um anschließend sagen zu können, dies ist der Erkenntnisgewinn, den ich für mich rausgezogen habe. Ich wünsche mir eine sehr konzentrierte Gesprächsatmosphäre.

Morgenpost Online: Ihre Klientel gleiche eher der von André Rieu, den würden auch vor allem Damen über 50 in spätidealistischer Stimmung hören, sagte Ihr Vorgänger Peter Sloterdijk nach ihrer Nominierung.

Richard David Precht: „Das Philosophische Quartett“ gab es zehn Jahre. Kaum eine Sendung im deutschen Fernsehen hält sich so lange. Insofern kann man ja erst mal ein Kompliment machen. Das andere ist, dass Sloterdijk offensichtlich ein bisschen traurig war, dass die Sendung eingestellt wurde. Dann sagt man schon mal was Unüberlegtes.

Morgenpost Online: Ihre Vorgänger waren angetreten, der Gesellschaft die Auswirkungen des Neoliberalismus zu erklären. Braucht das Fernsehen inzwischen wieder einen linken Philosophen, der uns die Welt erklärt?

Richard David Precht: Sinn der Sendung ist ja nicht, linke Thesen von sich zu geben. Ich bin auch parteipolitisch nicht links zu verorten. Ich glaube aber, dass sich in der Gesellschaft in der Tat viel verändert hat. Wenn wir drei, vier Jahre zurückgucken, war der Geistesneoliberalismus noch ungebrochen. Es wurde in Talkshows über Reformen gesprochen, und Deregulierung war gemeint, mehr Liberalismus. Heute gibt es selbst bei Menschen, die das damals vehement gefordert haben, ein ziemlich starkes Umdenken.

Morgenpost Online: Das Thema Ihrer ersten Sendung ist Bildung. Sie kritisieren Institutionen, Methoden, Lehrkräfte …

Richard David Precht: … eigentlich alles.

Morgenpost Online: Ist es denn wirklich so schlimm?

Richard David Precht: Ich glaube, dass unser Bildungssystem den Erfordernissen der Gegenwart nicht mehr entspricht, dem, was wir heute über Kinder wissen, was wir übers Lernen wissen, wie die Schule funktioniert.

Morgenpost Online: Ist es die falsche Haltung der Lernenden gegenüber der Lehre – Lernen für Lehrer und Noten, diese permanente Prüfungsorientiertheit?

Richard David Precht: Richtig. Das ist, was Reinhard Kahl immer Bulimie-Lernen nennt. Die Schüler fressen sich den Rohstoff an, dann geben sie ihn wieder von sich und dürfen ihn vergessen.

Morgenpost Online: Sie sehen keine Schwächen in der Moral der Lernenden?

Richard David Precht: Lernen hat sich eigentlich gar nicht verändert in der Schule. Auch ich war ein mittelmäßiger Schüler – warum? Weil man vier, fünf verschiedene Fächer am Tag hat. Ein unglaublicher Quatsch! Physik in der ersten Stunde, in der zweiten Geschichte und in der dritten Mathe. So funktioniert ja lernen nicht. Da habe ich mich also gerade in etwas hineingearbeitet, um etwas Witterung aufzunehmen, und dann kommt das nächste Fach. Es ist aber das System unserer Schule, dass sie das Wissen wieder vergessen lässt. Das ist ineffizient.

Morgenpost Online: Was wäre ein effizientes System?

Richard David Precht: Dass man sich mit dem, was man denkt und fühlt einbringen kann, und auch merkt, dass es funktioniert. Das ist in der Schule selten der Fall.

Morgenpost Online: Sie beginnen jetzt als Honorarprofessor an der Eisler-Musikhochschule zu lehren und sagen zugleich, Sie hören selbst wenig Musik. Wie passt das zusammen?

Richard David Precht: Ich leide ein bisschen darunter, dass diese Gesellschaft so viel Musik produziert. Aber ich würde mal Musik und Music unterscheiden, wie ich gerne auch zwischen Philosophie und Philosophy unterscheide. Es gibt ja kein Unternehmen, das nicht seine eigene Philosophy hat. Sie können in kein Geschäft gehen, ohne dass da Music läuft. Also diese Allgegenwart, diesen Terror der Musik, den erlebe ich als negativ.

Morgenpost Online: Sie haben etwas gegen Kulissenmusik?

Richard David Precht: Ja, weil sie meine Aufmerksamkeit stört. Und weil sie Musik entwertet.

Morgenpost Online: Und welche Musik mögen Sie?

Richard David Precht: Ich mag Minimalmusic. Das ist etwas, wozu ich sehr gut entspannen kann. Ich mag auch Barockmusik. Alle Musik, die sichtbare mathematische Strukturen hat, die spricht mich emotional sehr stark an.

Morgenpost Online: Wo endet eigentlich die Philosophie und beginnt die mediale Popularisierung?

Richard David Precht: Völlig berechtigte Frage. Ich mache meine Sendung ja nicht für ein Fachpublikum. Man hat natürlich immer den einen oder anderen hoch beschlagenen Fachzuschauer. Aber wenn ich es so mache, dass der zufrieden ist, habe ich noch maximal 10.000 Zuschauer, die mir folgen können. Mit meiner Sendung ist es wie mit meinen Büchern: Ich versuche es vom Niveau her dem Gegenstand angemessen zu machen, ohne so zu simplifizieren, dass es der Sache nicht mehr gerecht wird.

Morgenpost Online: Welche Funktion haben Sie in den Gesprächen?

Richard David Precht: Der Unterschied zwischen mir und dem Gast ist, dass ich für das Gelingen des Gesprächs verantwortlich bin.

Morgenpost Online: In der Sendung gibt es also 50 Prozent Precht. Oder gar mehr?

Richard David Precht: Mehr hoffentlich nicht. Aber das liegt natürlich auch am Gast.

Morgenpost Online: Leiden Sie manchmal darunter, dass Frauen Sie gern im Fernsehen sehen und Männer sie lieber als oberflächlichen Zeitgeist-Philosophen abtun?

Richard David Precht: Wenn Sie mir in der Pubertät einen solchen Satz gesagt hätten, dass es tatsächlich mal dazu kommt, dass mich Frauen im Fernsehen attraktiv finden! Ich leide überhaupt nicht darunter. Und ich verstehe Männer, auch intellektuelle, sehr kluge Männer, die mich sehen und spontan nicht leiden können. Normalerweise gibt es eine strenge Trennung zwischen der Welt des Geistes und der Welt der Ästhetik und Vermarktung. Wenn jemand in beiden Welten erfolgreich ist, weckt das natürlich einen Verdacht.