Seefestspiele

Berliner „Carmen” lebt von Artistik und starken Frauen

Mit der Oper „Carmen“ gehen die Berliner Seefestspiele in ihre zweite Saison – und in ihre letzte. Auch der Senat spielt eine Rolle.

Mit der Weltoper „Carmen“ gehen die Berliner Seefestspiele in ihre zweite Saison – und vermutlich in ihre letzte. Grund ist ein Streit um Umweltauflagen.

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Mit der Blechtrommel ist auf der Opernbühne nur wenig anzufangen. Auch wenn die Macher der Berliner Seefestspiele genügend zu trommeln hätten: Es gab im Vorfeld wieder so viel Behördenärger, dass Veranstalter Peter Schwenkow kurz vor der Premiere die Verlegung der nächsten Festspiele in eine andere Stadt ankündigte. Filmregisseur Volker Schlöndorff greift das Thema zumindest einmal in seiner „Carmen“-Inszenierung auf: In der Schenkenszene darf sich der Wirt über den „Ärger mit der Senatsverwaltung“ Luft machen. Das Premierenpublikum am Wannsee lacht verständnisvoll mit. Es gibt sonst auch wenig zu lachen bei Bizets „Carmen“, diesem Opernklassiker um Liebe, Eifersucht und Mord.

Volker Schlöndorff hält mit seiner schönsten Inszenierungsidee gar nicht lange hinterm Berg. Schon in der Ouvertüre stürmen junge Berliner Artistikschüler auf die Bühne, machen ihre Luftsprünge und turteln. Marc Bogaerts hat die Eleven der Staatlichen Ballettschule Berlin und Schule für Artistik mit stilvoller Überzeichnung choreographiert. Es sind witzige Momentaufnahmen wie aus einem alten Schwarzweiß-Film mitten in die „Carmen“-Oper hineinkopiert. Der Hollywood-erfahrene Regisseur kann darüber hinaus auf einige, angenehm dezente Filmeinspielungen nicht verzichten. Mit Handkamera ist auf der Bühne niemand unterwegs. Es geht weder schrill noch heißblütig zu. Die Inszenierung wirkt insgesamt sehr konservativ, sehr kühl.

Feuer, Nebel und Feuerwerk

Im Zentrum hat Bühnenbildner Volker Hintermeier einen riesigen industriell-düsteren, spanischen Fächer errichtet. Der Schriftzug „Cigares“ verweist auf die Tabakfabrik. Linkerhand gibt es einen zerstörten Mauerdurchbruch, rechterhand den Wohnwagen der Carmen. Die Schmuggler haben später einen großen Container und fahren schließlich mit LKW am Publikum vorbei. Hinter den Lautsprechermasten rechts agiert die Kammerphilharmonie Potsdam in einem regengeschützten Pavillon. Unter Leitung von Judith Kubitz, die bereits im Vorjahr Mozarts „Zauberflöte“ souverän dirigierte, gewinnt der Abend einen eher warmherzigen Orchestersound.

Schlöndorff lässt die tragische Liebesgeschichte von Carmen und Don José unverstellt, unverschnörkelt erzählen. Manches wirkt lebensnah, manches naiv und unentschlossen. Es wird viel herumgesessen, die große Bühne ist dauerhaft nur schwer zu beleben. Erst mit Einbruch der Dunkelheit wird sie zum Opernguckkasten und macht mit den Lichteffekten (nebst Feuer, Nebel und Feuerwerk) einiges Staunen.

Männer haben keine Chance

Es herrscht Frauen-Power in der Premiere. Julia Rutigliano singt eine vollblütige Carmen, die sich weniger mit Charme als mit Charakter einbringen will. Aber die schillerndste Figur an diesem Abend bleibt Viktorija Kaminskaites hoffnungsvoll-verzweifelte Waise Micaela, eigentlich eine undankbare Rolle in der Oper. Die Leipziger Sopranistin gibt ihr stimmlich eine bemerkenswerte Bühnenpräsenz. Dagegen haben die Männer durchweg keine Chance. Der liebestolle Don Jose (Hans-Georg Priese) wirkt anfänglich etwas stimmverkrampft, erst im Laufe des Abends kann er sich freisingen. Michael röhrt machohaft seinen Escamillo, den Stierkämpfer. Ingo Witzke, eigentlich ein nobler Basskomödiant, trifft es als Leutnant Zuniga besonders hart. Er muss in den Dialogen stottern.

Kürzlich erzählte mir ein Geschäftsmann, dass er bei abendlichen Treffen an der Bar, wenn das Witzeerzählen losgeht, immer einen langen Stottererwitz erzählt. Danach geht jeder entnervt in sein Bett. Zur Opernstory gehört, dass Leutnant Zuniga die Carmen nicht ins Bett kriegt. Jetzt wissen wir auch warum.

Seefestspiele Wannsee „Carmen“ bis 2. September 2012. Do.-Sa. um 19,30 Uhr, So. um 18,30 Uhr. Tel.: 01805–969000555