Nachruf

Ein Leben im Spagat – Defa-Legende Kurt Maetzig gestorben

Erst wurde der Filmregisseur vom DDR-Staat bejubelt, später verboten. Nun starb Kurt Maetzig, dessen Werke polarisierten, mit 101 Jahren.

Foto: 3sat

Solange er lebte und arbeitete, war er umstritten: Der Grundwiderspruch seines Wirkens polarisierte jeden, der mit ihm zu tun hatte und sich mit seinen Filmen auseinandersetzte. Kurt Maetzig wollte gute Filme machen – und er wollte mit diesen Filmen eine Sache ideell voranbringen, von deren Sinn er zeitlebens überzeugt blieb. Diese Sache freilich – das weiß man spätestens seit dem Ende der DDR – war so sinnvoll und richtig nicht, wie Maetzig – und mit ihm andere Künstler – lange annahmen. Insofern verstand er sich mehr als Aufklärer im Sinne seiner Lieblingsautoren Voltaire und Heinrich Mann.

An dieser Grundhaltung hat ein traumatisches Erlebnis Anteil. Der Vater betrieb in Berlin eine Kopier- und Trickanstalt, Kurt Maetzig gelangte fast natürlich in den Filmbetrieb hinein. Das NS-Regime zwang die Eltern zur Trennung, die Mutter war Jüdin. Der Vater jedoch mochte von ihr nicht lassen – sie trafen sich noch lange heimlich. Der Sohn hat diese bedrückenden Treffs mit Scham mit angesehen, er fand auch die tote Mutter, die den Konflikt nicht ausgehalten und sich das Leben genommen hatte. Dieser bleibende Schmerz bewirkte, dass Maetzig nach 1945 unbedingt gesellschaftliche Verhältnisse mitgestalten wollte, die Schicksale dieser Art für immer ausschlossen.

Zeitlebens glaubte er an die Sache

Sein Debütfilm „Ehe im Schatten“ (1947) atmete deutlich diesen Geist, wie wohl der Film ein ‚fremdes Leben' nachzeichnete: der ehedem beliebte Ufa-Schauspieler Joachim Gottschalk war 1942 mit seiner jüdischen Frau und dem kleinen Sohn freiwillig aus dem Leben geschieden. Diesen Film konnte Kurt Maetzig nur bei der Defa machen, die als erste deutsche Nachkriegsfilmgesellschaft überhaupt Filme produzieren durfte und deren Mitbegründer er war. Der enorme Erfolg dieses Films mag Maetzig in seiner Grundentscheidung für die im Osten Deutschlands versuchten alternativen Lebensformen bestätigt haben. Hier, nur hier sah er fortan den Platz, sein Aufklärertum zu realisieren. Er erfand für die erste deutsche Nachkriegswochenschau „Der Augenzeuge“ den Slogan „Sie hören selbst, Sie sehen selbst – urteilen Sie selbst“. Er nahm das Motto wörtlich und erwartete, dass die neue Gesellschaft dies ebenso tut und danach ihr Staatswesen einrichtet. Der Slogan verschwand 1950 kommentarlos und signalisierte auch Maetzig eine Art Klimawechsel, den die Historiker heute als die Stalinisierung der DDR bezeichnen.

Aber Maetzig blieb im Lande und arbeitete wie ein Stehaufmännchen weiter. Oft genug drehte er Filme, von denen er beizeiten wusste, dass sie mehr Propagandahilfe für die DDR-Oberen waren als wirkliche Kunstwerke, etwa die Thälmann-Filme „Sohn seiner Klasse“ (1954) und „Führer seiner Klasse“ (1956) oder „Die Fahne von Kriwoi Rog“ (1967). Wer sich heute auf die pathetischen Erzählweisen und auf glättende, propagandistische Sichten dieser Filme einlässt, wird eine gewisse filmische Faszination nicht übersehen können, auch wenn der Sog ihn in eine gänzlich irrige Richtung ziehen will. Aufschlussreiche Zeitdokumente bleiben diese Filme allemal.

Maetzig verinnerlichte die Überzeugung „von der Sache“ und vernachlässigte häufig aus taktischen Gründen die nötige Kritik, Analyse. Das wurde ihm auch leicht gemacht insofern, als er von den DDR-Oberen hochgeehrt wurde und stets beste Produktionsbedingungen bekam. Er empfand sich auch nicht als Einzelgänger, sondern wusste sich stets in produktiver Kommunikation mit anderen Künstlern seiner Generation. In Abständen stand seine wache Intelligenz seinem DDR-Konformismus immer mal im Wege: In seinem Oeuvre finden sich bemerkenswerte Filme, die heute vergessen sind, weil sein Gesamtwerk mit dem Etikett „DDR-Staatsnähe“ in Abschätzigkeit geraten ist. „Die Buntkarierten“ (1949) brachte einen plebejisch-komischen Ton in den deutschen Spielfilm, der bis dahin nur aus Heinz-Rühmann-Klamotten herüberschimmerte. „Schlösser und Katen“ (1956) zeichnete ein genaues differenziertes Bild von den Veränderungen im Mecklenburg der Nachkriegszeit. „Vergesst mir meine Traudel nicht“ (1957, mit der blutjungen, unerhört vital-fröhlichen Eva-Maria Hagen) schlug sich sehr früh schon und heiter und tapfer für eine wirkliche Gleichberechtigung der Frau. Auch diese Filme gewannen im Abstand der Jahre dokumentarischen Charakter, da sie viel über Befindlichkeiten einfacher Leute in der DDR jener Zeit ausdrücken.

In den 60er Jahren geriet Maetzig in seinem Spagat zwischen DDR-Treue und Publikumshinwendung vollends in die Krise, zumal jüngere Regisseur-Kollegen wie Konrad Wolf und Frank Beyer eigene, oft bessere, glaubwürdigere Filmvorschläge vorlegten und Erfolg hatten. Er schloss sich dem (vermeintlichen) Aufwind an, den viele DDR-Künstler nach dem Mauerbau 1961 empfanden, weil sie sich nun unter sich glaubten und meinten, offener, kritischer, wahrheitsgemäßer umgehen und mehr helfen zu können. Maetzig drehte „Das Kaninchen bin ich“ (1965).

Die ganze Richtung passte nicht

Der Film wurde verboten und geriet zum Fanal: die DDR-Oberen prügelten rüde auf den Film und seinen Regisseur ein und meinten sehr viel mehr – „die ganze Richtung“ passte ihnen nicht und wurde gnadenlos vernichtet. Maetzig erholte sich nicht wieder von diesem Schlag. Fast eine ganze Jahresproduktion der Defa wurde liquidiert. Als der Film zur Wendezeit 1989/90 in die Öffentlichkeit kam, war seine Zeit unwiderruflich vorbei. Nie habe ich die Lebenstragik dieses Mannes deutlicher empfunden als an jenem Uraufführungsabend. Die Wunde von 1965 war zwar nach 25 Jahren verheilt, aber die Narbe schmerzte umso mehr. Dieser Schmerz blieb bis an sein Lebensende.

Exakt mit Erreichen seines Rentenmonats verließ Maetzig die Ateliers. Er genoss sein Rentnerdasein, reiste viel. Je älter er wurde, desto mehr geriet er – quasi neben seinem Werk oder trotz seines Werks – in die Rolle des Nestors der DDR-Kinemathografie. Sein Wort wurde gehört und blieb folgenlos. Auch dies empfand er sehr genau, machte aber weiter – er blieb sich treu. Gestern ist Maetzig in seinem Haus in Wildkuhl in Mecklenburg-Vorpommern gestorben, im biblischen Alter von 101 Jahren.