Konzert in Berlin

Beach Boys raufen sich für 50. Bandjubiläum zusammen

In den 60er-Jahren haben die Beach Boys mit ihrem Surf-Sound die Popwelt umgekrempelt. Am Freitag spielten die fünf Überlebenden in Berlin.

Foto: DPA

Er ist zurück. Er ist wieder Teil jener Band, die er 1961 im kalifornischen Hawthorne mitbegründet hat. Mit den Beach Boys prägte Brian Wilson die 60er-Jahre durch sommersonnig leichte, später zu purer Pop-Opulenz angeschwollene Musik. Nach Jahren der Krankheiten, Streitigkeiten und Todesfälle haben sich die verbliebenen Beach-Boys-Mitglieder im Alter überraschend zusammengerauft. Ein neues Album haben sie zusammen aufgenommen. Und gemeinsam feierten sie am Freitagabend vor rund 9000 Besuchern in der O2 World ihr 50. Bandjubiläum.

Ja, sie tun es wieder. „Do It Again“, der Hit von 1968, steht am Anfang eines Konzerts voller Pop-Meisterwerke , die die Beach Boys in ihren frühen Jahren geschaffen haben. Mehr als 45 Songs werden es in diesen drei Stunden inklusive einer Pause sein. Die Überlebenden sind wieder beisammen: Der gesundheitlich angeschlagene, musikalisch nach wie vor brennende Brian Wilson (70) sitzt am weißen Flügel. Sein cleverer Cousin Mike Love (71) ist der Sänger im Bühnenmittelpunkt. Und auch Al Jardine (70), der Schulfreund der Wilsons, gehört als Gitarrist wieder dazu. Komplettiert wird das reife Quintett von Bruce Johnston (68) am Keyboard, der seit 1965 immer wieder Teil der Beach Boys war und Gitarrist David Marks (64), der 1962 als 13-Jähriger zur Band stieß. Original-Drummer Dennis Wilson starb 1983 bei einem Tauchunfall. Gitarrist Carl Wilson erlag 1998 einem Krebsleiden.

Was für Songs. Was für Arrangements. Was für furiose Satzgesänge. Dass die Harmonien auch im hohen Alter noch perlen, dafür sorgen neun Musiker im Hintergrund, die zum Teil auch schon bei den Solotourneen Brian Wilsons mitwirkten. Und eine technisch ausgereifte Soundanlage, die für einen so reinen Klang sorgt, wie man ihn selten in der O2 World zu hören bekommt. Die von Surfromantik und Chuck-Berry-Rock-’n’-Roll gezeichnete Einfachheit von „Surfin‘ Safari“ oder „Surfin‘ USA“ wird ebenso gegenwärtig wie die prächtigen Arrangements und Harmoniegesänge bei „Heroes and Villains“ vom legendären „Smile“-Album und „Good Vibrations“, dem Nummer-1-Hit von 1966, der zu den am aufwendigsten produzierten Popsongs aller Zeiten zählt.

Hier werden – auch mit den später entstandenen Stücken –, die 60er-Jahre beschworen. An deren Ende waren die Beach Boys zwar genau genommen schon wieder Geschichte, denn der harmonieselige, Sommer, Sonne und Teenagerträume beschwörende Eskapismus der kalifornischen Surfmusiker passte nicht mehr in die Zeit von Vietnamkrieg, Rassenunruhen und Protestbewegung. Aber sie machten unermüdlich weiter. Auch wenn Brian Wilson einst behauptete, die Beach Boys haben sich nach dem Krebstod seines Bruders Carl aufgelöst. „Wir haben es nicht öffentlich verkündet“, sagte er. „Aber ich glaube, die Fans haben es auch so bemerkt.“ Aber nicht alle. Vor allem nicht Mike Love. Was einer der Gründe ist, warum diese Reunion auch ein wenig verblüfft.

Mike Love spielte mit anderen Musikern, die er auch bei einer Beach-Boys-Coverband rekrutierte, unermüdlich weiter. Er hatte in den vergangenen 20 Jahren mehrfach sowohl Brian Wilson als auch Al Jardine verklagt. Es ging um Rechte an Songs und um die Rechte am Namen Beach Boys, die er sich sicherte, um mit seiner neuen Beach-Boys-Band durch Casinos und Festzelte zu tingeln. Noch in schlechtester Erinnerung ist ein Beach-Boys-Konzert 2003 im Tempodrom, das in seiner musikalischen Schlichtheit und patriotischen Attitüde kaum auszuhalten war. Alles vergessen. Die Freunde von einst sind wieder zu Freunden geworden. Und der an seinem Flügel festgemauert scheinende Brian Wilson hat die musikalischen Zügel in der Hand. Das merkt man dieser großartigen Show an. Auch wenn Mike Love Meditationspop wie „All This Is That“ oder seinen schlimmen Hit-Schlager „Kokomo“ einbringen darf.

Unter den Fittichen des geschäftstüchtigen Vaters Murry Wilson wurden die drei Wilson-Brüder und ihre beiden Freunde zu einer der wichtigsten Rockbands aller Zeiten. Und haben mit „Pet Sounds“ 1966 eines der besten Alben der Popgeschichte eingespielt. Nun singt Brian Wilson daraus die wehmütige Ballade „I Just Wasn’t Made For This Times“. In der Tat leben die Beach Boys konsequent in der Vergangenheit. Das zeigt auch das neue, durchaus gelungene Album, dessen an die frühen Jahre gemahnender Titelsong „That’s Why God Made The Radio“ sich wunderbar ins Konzert-Gesamtbild einpasst.

Manch einer mag trotz der Fülle den einen oder anderen Song vermissen. „I Can Hear Music“ beispielsweise oder „Bluebirds Over The Mountains“. Dafür gibt es jede Menge andere Klassiker wie „I Get Around“, „Sloop John B.“, Wouldn’t It Be Nice“ oder emotionsgeladene Balladen wie „In My Room“ und „God Only Knows“. Im zweiten Teil nach der Pause, der mit eine Instrumentalpassage aus „Pet Sounds” eröffnet wird, scharen sich alle Beach Boys um den Flügel von Brian Wilson und singen „Add Some Music To Your Day“, 1970 auf dem „Sunflower Album“ erschienen. Es ist eine heile Welt, die hier beschworen wird. Es sind positive Stimmungen, die all die schweren Lasten der wirklichen Welt mit dem Willen zur puren Schönheit ausblenden. Und es funktioniert.

Dass Publikum in der O2 World ist sichtlich mit diesen Songs aufgewachsen, schwelgt in den alten Liedern, die einmal so aufregend und neu waren. Irgendwann steht die ganze Halle, es wird mitgesungen, es wird getanzt in den Gängen und auf den Rängen. Und das einst so beliebte Feuerzeug-Lichtermeer bei den ruhigen Stücken ersetzten heutzutage weiß leuchtende Handybildschirme. Es gibt nur wenige, denen dieser so hemmungslos nostalgische, unnachahmliche Beach-Boys-Sound heute nichts mehr zu sagen hat.

Einige Coverversionen finden sich auch im Repertoire. „California Dreaming“ etwa von den Mamas & Papas oder Ledbellys „Cottonfields“. Mit Chuck Berrys „Rock and Roll Music” geht es langsam in die Zielgerade. Und das unbeschwerte „Fun Fun Fun“ beendet als dritte und letzte Zugabe die Begegnung mit einer Poplegende, die Unerhörtes geschaffen hat und auch im Greisenalter nicht müde wird, sich ewiger Jugend und unbeschwerter Ausgelassenheit hinzugeben. Dass dies keinen Moment lang peinlich wird, bestätigt nur das, was in der von Ovationen geschüttelten Halle ohnehin alle schon wissen: die Musik der Beach Boys ist unsterblich.

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