Berlin

Die Stadt, in der man nicht erwachsen werden muss

Zwischen Kiez-Patriotismus und Weltoffenheit: Der Historiker Bernd Stöver hat mit Morgenpost Online über seine Lieblingsstadt gesprochen.

Vom Zufluchtsort für Vertriebene bis hin zum Vorreiter für große Freiheiten: Die Geschichte Berlins ist geprägt von glücklichen Zufällen, zerrissenen Identitäten und außergewöhnlichen Gemeinsamkeiten. Der Historiker Bernd Stöver unterrichtet Neuere Geschichte an der Universität Potsdam und hat ein Buch über seine liebste Stadt geschrieben, die „Kleine Geschichte Berlins“. Morgenpost Online sprach mit ihm über Berlins größte Glücksmomente, Kiez-Patriotismus und ob man in hier erwachsen werden muss.

Morgenpost Online: Haben Sie durch das Schreiben des Buches eine neue Erkenntnis über Berlin gewonnen?

Bernd Stöver: Was mir bei Berlin auffällt ist, dass man in der Geschichte immer wieder neue Details und Parallelen für die Gegenwart entdeckt. Zum Beispiel, dass sich der Zuzug in der Geschichte Berlins bis heute wiederholt. Die Multi-Kulti-Zusammensetzung der Gesellschaft und eine gewisse Offenheit der Berliner gegenüber Neuem sind charakteristisch.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Bernd Stöver: Ursprünglich war der Ort, wo Berlin sich heute befindet, ödes Sumpfland. Hier wollte kaum jemand hin. Trotzdem wurde die Stadt immer wieder zur Heimat für Vertriebene. Im17. Jahrhundert nahm man hier die französischen Hugenotten auf. Die waren gebildeter als die Berliner. Deshalb waren die erst mal wenig begeistert. Doch nach dem ersten Misstrauen haben sie viel von der Lebensart angenommen. Das sieht man noch heute an den französischen Begriffen im Sprachgebrauch.

Morgenpost Online: Aber erst mal ist der Berliner unfreundlich, wenn er auf Neues trifft?

Bernd Stöver: Der Berliner, falls man das überhaupt so pauschal sagen kann, hat für Neuankömmlinge häufig eine ruppige Art. Die ist selten böse gemeint. Das darf man aber nicht so schwer nehmen. Berlin ist eher offen gegenüber Neuem. Auch deshalb ist es häufig ein Versuchslabor für Neues.

Morgenpost Online: Befindet Berlin sich denn jetzt gerade im Auf- oder im Abschwung?

Bernd Stöver: Ich würde eher sagen, Berlin befindet sich in einer Abschwungphase. Die Zeit der großen Freiheiten scheint vorbei. Immer mehr Clubs müssen schließen, weil sie zu laut sind und sich Anwohner beschweren. Das hätte es 1991/1992 nicht gegeben!

Morgenpost Online: Aber ist das gleich ein Zeichen für Abschwung?

Bernd Stöver: Der Punkt ist, dass die freie Kulturszene mit ihrer scheinbar grenzenlosen Offenheit langsam zurückgeht. Es gibt wenig richtig Neues mit diesem ganz großen Schwung, wie es beispielsweise in den 90ern die Loveparade war oder das Berghain vor ein paar Jahren. Heute erscheint mir alles etwas gesetzter, es gibt nicht mehr so viele außergewöhnliche Dinge.

Morgenpost Online: Was ist denn die größte Zerrissenheit aktuell?

Bernd Stöver: Das sind ganz klar die sozialen Unterschiede, die es zwischen den einzelnen Stadtteilen gibt und die natürlich auch das Denken der Menschen beeinflussen.

Morgenpost Online: Der Berliner Stadtteil-Patriotismus ist aber auch ein Zeichen von Zerrissenheit?

Bernd Stöver: Klar. Berlin ist eben keine gewachsene Stadt, sondern eine zusammengesetzte. Seit den 1920er Jahren wurde das heutige Berlin aus Dörfern und märkischen Kleinstädten zusammengesetzt. Das macht diese Stadt vielleicht zerrissen, aber auch spannend und geschichtsträchtig.

Morgenpost Online: Aber wieso können sich die Berliner Kieze untereinander so gar nicht leiden?

Bernd Stöver: Das ist vor allem Konkurrenz und ein wenig Ideologie. Die Überhöhung des eigenen Kiezes, zumindest mancher, bis zur karikaturhaften Verzerrung ist unübersehbar. Das Klischee von den „Wilmersdorfer-Witwen“ gehört ebenso dazu wie das Klischee der „hippen“ Bezirke. Die Wohnortwahl wird häufig zum Teil der eigenen Identität gemacht.

Morgenpost Online: Hat Berlin ein Identitätsproblem?

Bernd Stöver: Ach nein, ich glaube, das ist genau das, was diese Stadt so spannend macht. Berlin definiert sich eben nicht als Ganzes, sondern setzt sich aus seinen einzelnen Kiezen mit ihren Identitäten zusammen. Dadurch hat es aber auch einen dynamischen, sich ständig ändernden Charakter.

Morgenpost Online: Ist Berlin eine Stadt, in der man nicht erwachsen werden muss?

Bernd Stöver: Das ist abhängig vom Milieu, in dem man sich bewegt. Aber ich denke, Berlin bietet dazu schon einige Möglichkeiten, zumal wenn man nicht gezwungen wird, seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

Morgenpost Online: Sie haben in ihrem Buch vom „Sog-Effekt“ Berlins geschrieben. Was macht den aus?

Bernd Stöver: Berlin ist für mich die aufregendste Stadt in Deutschland, in der man die meisten Geschichten finden kann. Sie zeichnet aus, dass sie zu jedem Zeitpunkt in ihrer Geschichte einen wirtschaftlichen, kulturellen oder politischen Sogeffekt hatte. Zwar hatte die Anziehung zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Nuancen – aber er war immer da.

Morgenpost Online: Welche Anziehung hat Berlin heute?

Bernd Stöver: Heute zieht Berlin vor allem Junge an, aber auch diejenigen, die man als „Kreative“ bezeichnet. . Weil es hier offensichtlich viel Potenzial und Inspiration gibt. Berlin kann noch immer ein großer Spielplatz sein, um Neues auszuprobieren.