Kino

Batman hat als Institution und Einzelperson abgewirtschaftet

Christopher Nolans „The Dark Knight Rises“ läuft in den Kinos an. Hier fügt er zum Ende seiner Trilogie alle Fäden zusammen,

Die Reichen-Debatte hat auch Gotham City erreicht. Catwoman tanzt mit Bruce Wayne auf einer Wohltätigkeitsgala, wo die Millionäre und Schönen sich umgarnen. Sie flüstert: „Glauben Sie, das kann so weitergehen? Ein Sturm zieht auf, Mr. Wayne. Wenn er losbricht, werden sich alle fragen, wie sie je so maßlos leben konnten, während sie uns anderen so wenig lassen.“ Catwoman ist eine Diebin, Wayne als Batman ein selbst ernannter Rächer. In Gotham stehen auch die Außenseiter immer in der Mitte der Gesellschaft.

Vier Jahre war Batman verschwunden, 2008, am Ende von „The Dark Knight“, lief er ins Dunkle. Der Film prunkte mit Heath Ledger als Joker, ein düsteres, tiefgründiges Meisterwerk. Christopher Nolans Batman-Reihe zeigte, wie intelligente Autorenerzählung und Subversion im Mainstreamkino funktionieren kann. Er machte Schluss mit lustig, nahm die Figur so ernst wie nur möglich. Kein populäres Bild hat die Finanzkrise so auf den Punkt gebracht wie das des Jokers, der einen gewaltigen Haufen Geld verbrennt. Eigentlich sollte der Joker im dritten Teil wiederkehren, das war nach dem Tod des Darstellers unmöglich. Im Grunde war die Geschichte am schwärzesten Punkt angelangt. „The Dark Knight Rises“ zeigt: Es geht noch weiter. In der Fiktion und in der Realität.

Film von bestechender Aktualität

Es ist natürlich problematisch und ungerecht, auf das Attentat des 24-Jährigen in Aurora, Colorado zu verweisen, der im Kino um sich schoss, als „The Dark Knight Rises“ dort zum ersten Mal gezeigt wurde. Zwölf Menschen starben, 58 wurden verletzt. „The Dark Knight Rises“ ist ein kaltes Kunstwerk von bestechender Aktualität, das neben anderem den Kreislauf von Gewalt und psychotischer Wut verhandelt. Diese Zeitgenossenschaft ist dem Film nicht vorzuwerfen, im Gegenteil. Deutlich ist festzuhalten, dass Kinder – wie bei dem Massaker im Kino – in diesem Film nichts zu suchen haben, auch wenn es an direkter Gewalt, die eine Freigabe erst ab 16 Jahren rechtfertigen würde, fehlt.

Acht Jahre war Batman verschwunden, in Gotham City ist das Verbrechen erfolgreich bekämpft, seit ein Gesetz die vorzeitige Entlassung von Straftätern verbietet. Milliardär Bruce Wayne (Christian Bale) lebt allein in seinem Landsitz, gilt als eine Art Howard Hughes. Er geht am Stock, hat jede Lebenskraft verloren, seine Geliebte ist tot. „Da draußen gibt es niemanden für mich“, klagt er seinem Butler Alfred (Michael Caine). Auch niemanden für Batman als Gegner.

Schönste Szene auf dem Maskenball

Bald stiehlt eine Diebin die Familienjuwelen aus dem Safe, und Bruce Wayne will wissen, wer die Frau ist. Die Wiederbelebung von Catwoman (Anne Hathaway) gehört zu den aufregenden Neuerungen. Wie in „Batman Returns“ mit Michelle Pfeiffer spielt die schönste Szene auf dem Maskenball, wenn sich die verschiedenen Figuren tarnen und enttarnen. Dort tritt die Philanthropin Miranda Tate (Marion Cottilard) auf, bald Waynes Freundin und Mitstreiterin für eine bessere Welt.

Der Sturm beginnt in Usbekistan, als bei einer Flugzeugentführung ein Atomphysiker in die Hände des Schurken Bane (Tom Hardy) gerät. Bane trägt eine groteske Maske auf dem Gesicht, halb Atem-, halb Beißwerkzeug. Durch diese Behinderung ist alles Sprechen ein Brummeln. Gotham City ist sein Ziel, Bane bricht in die Börse ein, um Bruce Wayne Vermögen zu verschwenden, und übernimmt den Besitz samt dem Kriegsspielzeug in der Garage.

Bald bemächtigt er sich eines geheimen Kernfusionsprojektes. Bei einem Kampf bricht Bane Batman das Rückgrat – dieser Teil beruht auf dem Comic „Knightfall“ von 1993. Während Bruce Wayne in einem indischen Gefängnis seine Genesung und Flucht erkämpfen muss, wird Gotham von der Außenwelt abgeschnitten. Bane bringt Terror und Chaos, verkleidet als Revolution. Wie Robespierre brummelt er: „Wir kommen als Befreier, wir geben den Menschen die Kontrolle zurück.“ Nie wurde der Schrecken der französischen Revolution so wonnevoll auf Amerika übertragen.

Lust am Katastrophenbild

In der Bastille, die gestürmt wird, sind Gefangene, die wegen des Sondergesetzes eingesperrt waren. Erhebt euch! Irgendwann sitzt Scarecrow wie St. Just beim Tribunal, er leitet keine Verhandlung, verkündet nur Strafen. Die Vermögenden, die ihr Leben retten wollen, werden auf buchstäblich dünnes Eis geschickt. Wann hat eine Comic-Verfilmung schon im Winter gespielt, mit Kämpfen in Frost und Schnee? „The Dark Knight Rises“ frönt der Lust am Katastrophenbild. Brücken fliegen in die Luft, und im Footballstadion explodiert der Untergrund. Occupy Gotham: Bürger werden aus ihren Wohnungen vertrieben, Wahnsinn und Wut treffen auf Hilflosigkeit und Angst.

In dieser Konsequenz ist „The Dark Knight Rises“ ein leidenschaftliches Pamphlet, das in seinem Multimillionenaufwand beklemmend das weltweite Grollen der Unzufriedenen illustriert. Banes Anarchie sieht hervorragend aus. Im Bankenviertel von Gotham gibt es kein Mitleid mehr mit den einst Herrschenden. Die Mittelstandsgesellschaft ist ebenfalls am Ende. Spät gibt Bane sich als Stand-in für den wahren Schurken zu erkennen. Für Hoffnung gibt es keinen Raum und keine Bilder. Und Batman trägt schwarz.

Von allen Figuren der Alptraumstadt geht eine Sehnsucht nach Gleichheit aus, nach Neuanfang. Batman sucht sein Gleichgewicht von Ruhe und Kampf. Bane sucht die Gleichheit der Massen und die Niederlage des Kapitals. Auf welcher Seite der Film steht, bleibt ungewiss, die Ambivalenz ist gewollt. Die Welt soll brennen. Der rechte Mythos des Superhelden, der über dem Gesetz steht, trifft auf den linken Mythos der Revolution als geleitetem Volksaufstand. Wahnsinnig und rücksichtslos sind in diesem Systemkampf beide Seiten.

Film ist hervorragend fotografiert

Christopher Nolan fügt zum Ende seiner Trilogie alle Fäden zusammen, die vor sieben Jahren in „Batman Begins“ ausgelegt wurden. Der Film vernäht das private Leid der Figuren und wandelt sich halb zum Familiendrama. Alles Serielle von Comic-Verfilmungen wird abgewehrt, erst der letzte Teil vollendet das Epos. Das führt zur größten inhaltlichen Verschiebung, die im Superhelden-Genre denkbar ist. Das Böse, das mit Zerstörungswut über Gotham City hereinbricht, wird allein von Batman verschuldet. Und Batman reagiert ähnlich wie die Banker von Gotham City, die nicht zu wissen scheinen, was sie angerichtet haben.

Eine andere Schuldverteilung ist in „The Dark Knight Rises“ unmöglich. Der Superheld hat als Institution und als Einzelperson abgewirtschaftet. Das anarchische Feld ist sein ureigenstes. Das ist als radikale Erzählung beeindruckend. Die Gute Nachricht: Man braucht keine 3-D-Brille. Nolan bleibt seinem Stil treu.

„The Dark Knight Rises“ nimmt sich Zeit, die 165 Minuten ziehen sich vor allem im ersten Drittel. Nolans Wechselbad von Actionsequenzen und ruhigen Teilen funktioniert, die Handlung zerfasert trotzdem ein wenig. Der Film ist hervorragend von Wally Pfister fotografiert, Batman taucht wenig auf, die Nebenfiguren und Bruce Wayne drücken den Titelhelden stärker an die Wand als Banes muskulöse Arme.

Dessen Maulkorb vorm Gesicht funktioniert gut als Bildzeichen im Comic, im Film wirkt es statisch. Bane, der Brummler, hat keinerlei Chance, zum Charakter zu reifen. Bald sehnt man sich nach den Finessen des Jokers. Womöglich bleibt deshalb „The Dark Knight“ das Meisterwerk und „Rises“ Apotheose und großer Nachgang.