Nationalgalerie

Berlin braucht ein Museum der Moderne

Berlin ist eine Stadt der Moderne. Aus diesem Grund braucht es ein passendes Museum. Ein Plädoyer für den Umbau der Gemäldegalerie.

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Ob die altehrwürdige Zunft der Kunsthistoriker wohl viel mit dem neudeutschen Begriff des „Shitstorm“ anfangen kann? Einen solchen jedenfalls haben die Kenner italienischer Altarbilder und holländischer Bürgerstubenszenen ausgelöst mit einem offenen Brief an Kulturstaatsminister Bernd Neumann – ein Brief, mit dem sie einer schwelenden Debatte in den Feuilletons noch ordentlich Brandbeschleuniger zugeführt haben.

Der Reihe nach: In Berlin wird geplant, die Kunst der Moderne in die Gemäldegalerie am Potsdamer Platz einziehen zu lassen. Diese Planung umfasst sowohl die bestehende Sammlung der Nationalgalerie mit Bildern des 20. Jahrhunderts als auch die Schenkung der Privatsammlung Ulla und Heiner Pietzsch mit Werken des Surrealismus. Derzeit ist die Gemäldegalerie allerdings noch die Heimat einer herausragenden Sammlung der Kunst des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Laut Plan sollen die Alten Meister ausziehen und in reduzierter Auswahl im kleineren Bode-Museum präsentiert werden, bis ein Erweiterungsbau genug Platz schafft, um die Sammlung wieder vollständig zu zeigen. Um diese Pläne ist nun ein Streit entbrannt, der den Charakter eines Kulturkampfs hat. Dabei wird von den Kritikern übersehen, dass der Auszug der Alten Meister ein notwendiger Schritt ist, um eine jahrzehntelange Malaise der Berliner Museumslandschaft endlich in den Griff zu bekommen.

Doch woher kommt die Wut der Umzugsgegner? Um das zu verstehen, muss man den Brief des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker genau lesen: Das „Alleinstellungsmerkmal“ der Berliner Gemäldegalerie sei es, „ein halbes Jahrtausend europäischer Malereigeschichte in hochkarätigen Werken in enzyklopädisch umfassender Weise zur Anschauung zu bringen.“ Es geht also um alles oder nichts: Die Gemäldegalerie Alter Meister sei nur durch ihre Vollständigkeit sie selbst.

Diese Kampagne verfehlt ihre Wirkung nicht: Im Internet hat eine globale Wutbürger-Gemeinschaft eine Petition in Sachen Gemäldegalerie verfasst. Sie wurde schon von mehr als 9100 Menschen unterzeichnet. In manchen Kommentaren wird der Auszug der Alten Meister mit der Leerräumung der Uffizien oder des Prado verglichen. Von solcher Polemik abgesehen: Man sollte unbedingt einmal ins Ausland blicken. Dann bemerkt man, dass in jeder westlichen Kulturmetropole wie selbstverständlich ein Museum für Moderne steht. Außer in Berlin. Welcher Paris-Tourist würde auf das Centre Pompidou verzichten? Warum ist bei einem New-York-Besuch das MoMA Pflichtprogramm? Wer kann sich heute ein Leben in London ohne die Tate Modern vorstellen? Und wieso stört sich niemand daran, dass Berlin kein Museum dieses Ranges besitzt?

Es ist einfach falsch zu behaupten, die Alten Meister müssten nur deshalb umziehen, damit die Sammlung Pietzsch ihren Auftritt bekommt. Der Masterplan der Staatlichen Museen legt fest, dass die Gemäldegalerie am Potsdamer Platz zu einer „Galerie des 20. Jahrhunderts“ umgebaut werden soll. Die ganze Sammlung der Nationalgalerie wird darin Platz finden. Es ist auch nicht richtig, wenn so getan wird, als wären die Alten Meister nach dem Umzug nicht mehr zugänglich. Die wichtigsten Gemälde, Raffaels „Maria mit dem Kind“ oder Vermeers „Glas Wein“, sind dann im Bode-Museum zu sehen.

Berlin ist Stadt der Moderne

Es gibt neben der Analyse von Kompositionsachsen und der Entschlüsselung von Symbolen noch einen weiteren Zugang zur Kunst. Das ist das Verständnis der Bilder aus der Zeit heraus und das Verständnis der Zeit durch ihre Bilder. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, wird umso klarer: Berlin braucht ein Museum der Moderne, weil Berlin eine Stadt der Moderne ist. Vor 1700 hat sie auf der Weltbühne keine Rolle gespielt. Berlin fand erst im 19. Jahrhundert langsam zu sich selbst. Vom 20. Jahrhundert ist die Metropole dann wie keine zweite geprägt worden. Man sollte im Kopf behalten, dass die Kunst der Alten Meister in dieser Stadt immer retrospektiv gesammelt wurde.

Die Avantgarden des 20. Jahrhunderts haben dagegen auch in Berlin gewirkt. Dass diese Stadt mehr als 65 Jahre nach Kriegsende und mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall noch immer kein Museum für Moderne Kunst hat, ist deshalb das größte kulturpolitische Versäumnis ihrer jüngeren Geschichte. Das soll nun mit der Umsetzung des Masterplans behoben werden. Denn Berlin braucht einen Ort, der zeigt, wie das Leben auf die Bilder wirkte und die Bilder auf das Leben. Ein Museum, in dem die Besucher mit den Großstadtgemälden in den Expressionismus zurückreisen können. Ein Museum, das die Bildervernichtung der Nazis thematisiert und sich im kritischen Vergleich mit der Kunst der zwei Deutschlands auseinandersetzt. Meisterwerke der Moderne wie Ernst Ludwig Kirchners „Potsdamer Platz“ oder Otto Dix' „Skatspieler“ fristen heute ihr Dasein im Depot. Wer im Namen einer enzyklopädischen Vielfalt bei den Alten Meistern den Status quo beschwört, sorgt dafür, dass es so bleibt. Und dass die Kunstgeschichte in ihrer vollständigen Entwicklung in Berlin weiter nicht gezeigt werden kann.

Im Grunde ist wohl niemand ernsthaft gegen Umzug der Alten Meister auf die Museumsinsel. Denn genau dort finden sie das passende Umfeld. Unmut bereiten lediglich der Zeitplan und die Sorge, dass der nötige Erweiterungsbau am Ende nicht kommt. Genauso gut könnte es aber möglich sein – so deutet es Herrmann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, an –, dass der Erweiterungsbau nach einer Bauzeit von fünf Jahren steht. Es ist vor allem eine Frage des politischen Willens. Anstelle sich über die Abfolge der Sammlungsumzüge zu echauffieren, sollte man daher lieber die Energie in eine zügige Finanzierung und Umsetzung des Erweiterungsbeaus stecken.

Ein Provisorium mit ein paar Jahren Planungs- und fünf Jahren Bauzeit, bei dem am Ende alle Sammlungen profitieren, sollten auch die Fans der Alten Meister verkraften können. Die wichtigste Vorteil hätte Berlin dagegen schon sehr bald: Mit der „Galerie des 20. Jahrhunderts“ wäre zum ersten Mal die gesamte Kunstgeschichte in der Stadt erfahrbar. Die Moderne hat es in Berlin nie leicht gehabt. Es ist höchste Zeit, dass sich das ändert.