Shepard Fairey

Obama-Künstler plakatiert Berlin in Guerilla-Aktion

Im US-Wahlkampf 2008 wurde Shepard Fairey weltberühmt - nun beklebt er Plätze in der Hauptstadt.

Foto: woodyphotografix

Man findet sie in ganz Berlin. Plakate in Rot, Weiß und Schwarz, auf denen beispielsweise ein Auge abgebildet ist, Lippen, die geschminkt werden, oder Plastikflaschen. Sie werben nicht für ein Konzert oder einen Klub, man findet keine Internetadressen oder Telefonnummern auf den Bildern, die Aufschluss darüber geben würden, was es denn mit diesen Plakaten auf sich hat. Dabei würde es interessieren – denn sie sind überall in der Stadt. Mehr als 10.000 dieser Bilder wurden seit Anfang Juli in Guerilla-Aktionen an Fassaden, auf Stromkästen oder Flaschencontainer geklebt.

Dahinter verbirgt sich ein prominenter Künstler mit einer Mission: Shepard Fairey. Er gestaltete 2008 das berühmte Wahlplakat von Barack Obama, das den amerikanischen Präsidenten stilisiert in Blau, Weiß, Rot, den Nationalfarben der USA, zeigt, dazu das Wort „Hope“ in Großbuchstaben. Peter Schjeldahl vom „New Yorker“ nannte dieses Obama-Poster die „kraftvollste, politische Illustration seit ‚Uncle Sam Wants You'“, dem Rekrutierungsplakat der USA, das inzwischen weltweit als Symbol der Vereinigten Staaten verstanden wird.

Kunst auf Altkleidercontainern

Jetzt gibt es Shepard Fairey in Berlin auf Altkleidercontainern – und das nicht ohne Grund. Fairey unterstützt eine Aufklärungskampagne der gemeinnützigen, amerikanischen Keep a Breast Foundation (KAB), die mit Kunstprojekten für Vorsorge und die frühzeitige Entdeckung von Brustkrebs sensibilisieren will und vor allem junge Leute auf die Gefahren von Umwelterkrankungen aufmerksam machen möchte. Prominente wie Susan Sarandon, Dita von Teese, Katy Perry, aber auch die deutsche Schauspielerin Alexandra Kamp unterstützen die Organisation.

Die Plakat-Aktion soll nun das Bewusstsein dafür stärken, wie häufig man im Alltag mit Substanzen, die ungesund oder krebserregend sein können, in Kontakt kommt. So zeigt ein Motiv eine Getränkedose mit großen Lippen, Zigarette und Zuckerpäckchen in der Hand, ein anderes eine Putzmittelflasche mit Totenkopf-Symbol. Insgesamt sechs verschiedene Varianten der mahnenden Motive in dem Alarmfarben Rot und Weiß finden sich in Berlins Straßen. „Ich unterstütze die KAB seit über zehn Jahren“, sagt Fairey. „Als sie mich fragten, ob ich Teil dieser Initiative werden möchte, klinkte ich mich sofort ein.“ Die spontane Zusage von Shepard Fairey hatte übrigens auch einen ganz persönlichen Grund: „Brustkrebsprävention ist auch ein persönliches Anliegen, weil ich zwei Tanten durch die Krankheit verlor und meine Mutter sie überlebt hat.“

„Non Toxic Revolution“ heißt dieses Plakatprojekt der KAB, eine Revolution gegen die Gifte in unserer Umwelt. Die Menschen sollen dazu animiert werden, bewusster auf Giftstoffe in der Umgebung zu achten. Die verschiedenen Motive sind daher den Bereichen gewidmet, durch die schädliche Substanzen in den Organismus gelangen können. Sie tragen deshalb Namen wie „Your House“, „Your Mouth“, „Your Body“. Zusätzlich zu den 10.000 DIN-A1-Postern in der Stadt gab es eines der Motive 314 Quadratmeter groß am Bikinihaus am Bahnhof Zoo zu sehen.

Neuinterpretation Berliner Künstler

Wer dennoch keines der Plakate im Straßenbild gefunden hat, kann sie sich in einer Ausstellung in der Strychnin Gallery in Friedrichshain anschauen. Sechs junge Berliner Künstler haben sich außerdem jeweils eines der Motive von Shepard Fairey zur Inspiration genommen, neu interpretiert und in ihrem Stil gestaltet. So wurde beispielsweise aus dem „Your Mouth“-Plakat mit der großmundigen Getränkedose ein Totenkopf, der in einen Hamburger beißt, nachdem der Berliner Illustrator Harry Brack sich des Motivs angenommen hat.

Das weiß-rote Auge mit der Beschriftung „Heart and Soul“ von Fairey hat Künstlerin Mimi S. umgestaltet: „Ich wollte etwas Schönes, Friedvolles machen, etwas, was Herz, Seele und Körper im Einklang darstellt.“ Die Berliner Künstlerin ist froh, dass sie Teil der Aktion sein durfte: „Sie ist zugeschnitten auf die jüngere, heranwachsende Generation – das ist in diesem Bereich fast einzigartig.“ Mit dieser besonderen Art der Aufklärung könne man „junge Leute zum Nachdenken und Nachfragen anregen, sie dazu inspirieren, kritischer mit dem umzugehen, was ihnen täglich vorgesetzt wird.“ Die Werke der Berliner Künstler sind in limitierter Auflage in der Galerie zu kaufen.

Der Künstler Shepard Fairey ist seit seinem Obama-Coup weltberühmt. Er stammt aus South Carolina, studierte an der Rhode Island School of Design. Street-Art war seine Leidenschaft, wegen seiner Graffiti hatte Fairey immer wieder Ärger mit der Polizei. Nach seinem Abschluss in Rhode Island gründete er eine kleine Druckerei, spezialisierte sich auf den Siebdruck von T-Shirts. Doch schon bald zeigte sich seine Leidenschaft für Aktionen, die Aufsehen erregen. Mit zwei Kollegen gründete er eine Design-Agentur, die sich auf Guerilla-Marketing spezialisierte. 2003 startet er dann mit seiner eigenen Agentur Studio Number One, machte Werbung für Firmen wie Adidas oder Nike. Außerdem gestaltete er Skateboards und designte T-Shirts und irgendwann zwischendurch auch einfach mal eine Posterserie für Barack Obamas Wahlkampf.

In nur einer Stunde entstand das Motiv, das heute als „ikonisch“ bezeichnet wird. Fairey verkaufte die ersten 350 Drucke direkt auf der Straße. Einen Auftrag gab es dafür nicht. Im Wahlkampf verbreitete es sich dann weiter, nach seinem Sieg dankte Barack Obama dem Künstler in einem Brief: „Ihre Bilder haben einen großen Einfluss auf Menschen, ob sie sie nun in einer Galerie oder auf einem Stop-Zeichen sehen.“

Beides, Faireys Bilder irgendwo im Straßenverkehr zu entdecken oder sie in einer Ausstellung zu betrachten, ist zurzeit in Berlin möglich.

Die Ausstellung in der Strychnin Gallery ist noch bis 4. August zu sehen, Mittwoch bis Sonnabend, 12 bis 18 Uhr, Boxhagener Straße 36, Friedrichshain