Konzert in Berlin

Bei Billy Idol in der Zitadelle steht die Stimmung auf Sturm

Der britische Rocksänger mit dem wasserstoffblonden Strubbelkopf gibt auch in Berlin den ewig jugendlichen Rebellen und begeistert damit.

Foto: FUTURE IMAGE

Etwas merkwürdig ist das schon. Da steht ein Mann, der langsam aber sicher auf die 60 zugeht auf der Bühne und tut so, als wäre er immer noch der ewig jugendliche Rebell mit ungehemmter Lebensneugier, gepaart mit ungezügelter Libido. In Lederkluft, wasserstoffblondem Strubbelkopf und mit dicker Trotz-Lippe. Er geriert sich in ewig alten Posen, zelebriert seine eigene Jugend mit 30 Jahre alten Punk-Pop-Hits und schert sich kein bisschen darum, dass er inzwischen zu den Stubenältesten im Punk-Disneyland zählt. Darf der das? Und ob!

Ja, Billy Idol darf das. Denn ist der britische Rock-’n’-Roller erst einmal von der Leine, sind alle irrigen Vorbehalte wie weggeblasen. In der ausverkauften Zitadelle Spandau hat man Tribünen errichtet. Hier lässt sich Punkrock auch im Sitzen genießen. Der Rest der rund 6000 Besucher drängt so nah wie möglich an die Bühne, um im wahrsten Sinne des Wortes einem Idol nahe zu sein. Der Berliner Rundfunksender Spreeradio 105 5 hat wieder zum „Privatkonzert“ geladen, diesmal unter freiem und glücklicherweise trockenem Himmel. Und als Billy Idol mit „Ready Steady Go“ das Konzert anzählt, steht die Stimmung auf Sturm.

„Ready, Steady, Go“. Das war 1978. Ein Stück der schmutzigen, großartigen Punkband Generation X, die Billy Idol 1976 gegründet hatte und der er bis 1981 vorstand. Nun hämmert der schwarzmähnige Steve Stevens, Idols jahrzehntelanger Wegbegleiter, die schlichten Stakkato-Riffs in die Saiten, Billy Idol ist gleich voll in seinem Element. Und markiert mit „Dancing With Myself“ den Übergang vom britischen Punk-Underground in die erste amerikanische Punk-Pop-Liga.

1981 hat er in den USA seine Solokarriere gestartet, vereinte Punk- und Hardrock mit dem Mainstream, tatkräftig unterstützt von Kiss-Manager Bill Aucoin und dem Produzenten Keith Forsey. Mit diesem Dream-Team entstanden in den Achtzigern seine größten Erfolge. Der punkverliebte Poseur wurde von Kritikern geschmäht und von Fans vergöttert. Auch jetzt sind im generationsübergreifend bunt gemischten Publikum einige Idol-Epigonen mit der klassischen Blondfrisur auszumachen.

Seit Billy Idol 2005 mit dem Album „Devil’s Playground“ nach jahrelanger Funkstille, nach einem schweren Verkehrsunfall, heftigen Drogenproblemen und einem langwierigen Rechtsstreit mit seiner alten Plattenfirma ein erfolgreiches Comeback inszeniert hat, ist der durchtrainierte Entertainer mit dem gern zur Schau gestellten Waschbrettbauch unermüdlich auf Tournee. Und verwaltet sein musikalisches Erbe.

„Once again I’m running, in times that are frightening, but I won’t let that break me. I won’t let that take me down again” singt er im neuen Stück „Postcards Form The Past”. Er hat nach langen ausufernden Jahren mit Sex, Drugs and Rock and Roll seinen Platz gefunden in der Popgeschichte und muss seine Brötchen nicht wie manch anderer Kollege bei Oldies-Festivals verdienen.

Er hat eine gestandene Band um sich, die mehr Druck zu verbreiten vermag als es die Anlage in der Zitadelle hergeben will. Man muss wegen Lärmproblemen mit Anwohnern auf die Lautstärke achten. Das verträgt sich nicht immer gut mit ungezügeltem Rock’n’Roll. Der 56-jährige ist ein exzellenter Entertainer, der mit geballter Faust zu posieren weiß, immer wieder mit dem Publikum plaudert, immer wieder die Garderobe wechselt, bis er schließlich mit durchtrainiert blankem Oberkörper an der Rampe steht. Er steigt von der Bühne, schüttelt Hände, bricht einen Song auch einmal ab, wenn er sich beim Text verhaspelt hat. Und beginnt eben nochmal von vorn.

Die neuen Stücke sind meist nach altbekanntem Strickmuster gewirkt. Es gibt viel aus der Frühphase von Generation X, mit „Kings and Queens of the Underground“ eine wunderschöne, selbstreferenzielle Ballade, mit „L.A. Woman“ von den Doors eine treibende Coverversion, die er kurzerhand zu „Berlin Woman“ umwidmet. Und Steve Stevens darf zwischendurch auf der Akustikgitarre, zeigen, was er alles drauf hat. Man glaubt es ihm auch so. Er ist ein stilsicherer Rockgitarrist, auf dessen Konto unter anderem auch das Gitarrenriff auf Michael Jacksons „Dirty Diana“ geht. Nun hält er die Band zusammen und leitet sie als Anführer durchs Repertoire.

Natürlich kommen sie alle, die Hits aus den Achtzigern. „Dancing With Myself“ und „Flesh For Fantasy“, „Eyes Without A Face“ und eine bewegende Akustikversion von „Sweet Sixteen“, „Rebel Yell” und als einzige Zugabe das donnernde „White Wedding”. Billy Idol ist bestens in Form und gut bei Stimme. Er hat einen Riesenspaß mit den Schätzen aus seinem persönlichen Popmuseum, die freilich keinen Moment lang museal erscheinen.

Die Masse Mensch in der Zitadelle schwelgt in Erinnerungen, singt bei den Hits textsicher mit und huldigt einem Musiker, der dem Tod mehr als einmal von der Schippe gesprungen ist. Und der nun die Früchte seiner Arbeit ernten kann. „Danke Berlin“, ruft er am Ende. „Danke, dass wir durch euch so viel Spaß haben dürfen.“ Der lang anhaltende Jubel wird nur vom opulenten Abschlussfeuerwerk übertönt.