Konzert in Berlin

Bei Alanis Morissette hält es die Fans nicht auf den Stühlen

Die an ihrer Musik gereifte Sängerin wird lautstark in der Zitadelle Spandau gefeiert. Sie fühlt sich auf der Bühne offenbar wohler denn je.

Foto: DAPD

Sie rennt ekstatisch und verschroben über die Bühne. Nach links, nach rechts, ruhelos, mit breiten, ausladendem Schritten. Sie schüttelt ihre lange Mähne, stößt immer noch wütende Zeilen ins Mikrofon. Man wird unruhig beim bloßen Zusehen. Es ist anscheinend wieder alles im Lot.

Die bestuhlte Zitadelle Spandau ist mit 3000 Besuchern ausverkauft, als die kanadische Sängerin Alanis Morissette mit ihren fünf Musikern am Dienstagabend nach längerer Pause wieder eine Berliner Bühne betritt. Es ist ihr einziges Deutschlandkonzert.

Zuletzt war sie 2008 im Tempodrom. In der Zwischenzeit hat sie den amerikanischen Rapper Souleye geheiratet, wurde Mutter eines Sohnes und hat mit „Havoc And Bright Lights“ ein neues Album aufgenommen, das im August 2012 erscheint. Nun ist es ein Wiedersehen mit Freunden, mit Fans, die nahezu jeden ihrer alten Hits mitsingen und die es schon bald nicht mehr auf den Stühlen hält. Auch wenn die Ordner immer wieder zum Hinsetzen auffordern. Es dauert nur ein paar Songs, und alles ist auf den Beinen.

Protegiert von Madonna und unter den versierten Produzentenhänden von Glen Ballard eroberte Alanis Morissette 1995 die MTV-Generation mit rockig verpacktem Liedermachergut, in dem sie so ziemlich jeden auf der Therapeutencouch ausgebreiteten Beziehungszwist in düsterpoetische, trotzige, direkte Texte packte. „Jagged Little Pill“ hieß ihr Meisterstück, auf dem sie in eingängigen, raurockigen Liedern ihre Seele entblößte. Sie war die Medizin für Lebensleid und Liebeskummer einer rasant wachsenden Fangemeinde.

So nimmt es nicht Wunder, dass nahezu die Hälfte des Konzerts aus Songs vom „Jagged Little Pill“-Album besteht. Es bleibt bis heute ihr größter musikalischer Triumph. Am Anfang der mit 75 Minuten sehr kompakten Show steht allerdings eine kurze Fassung von „I Remain“, jenem Stück, das sie zur Verfilmung des Computerspiels „Prince of Persia“ beigesteuert hatte. Sie wird es in Reprisen noch zweimal wiederholen. Man weiß nicht wirklich warum. Doch vorher erklingt mit „Woman Down“ das erste von drei neuen Liedern, die sich stilistisch bestens ins Gesamtwerk der impulsiven Entertainerin einpassen.

Und sie läuft und läuft und läuft

Die 38-jährige Alanis Morissette weiß, wie man intelligente Rocksongs schreibt, die dennoch zum Stadionrock taugen. Mit kraftvoller Stimme und eigenwilligen Melodielinien, die sich freilich immer wieder mal wiederholen, gibt sie Lebenshilfe im Songformat, das stets Refrains bietet, die das Mitsingen einfordern. Und sie läuft und läuft und läuft – wenn sie sich nicht eine Gitarre schultert und für eine Weile am Mikrophonstativ festhängt.

„Welcome everyone“ ruft sie von der Bühne. Und: „Ihr seht hinreißend aus auf diesem Platz“, bleibt ansonsten aber eher wortkarg, lächelt viel und hastet zur nächsten Nummer. Mit „Flavors of Entanglement“ hatte sie vor vier Jahren das Experiment gewagt, eine mehr elektronisch orientierte Platte aufzunehmen. Es ist nicht wirklich geglückt, aber zwei Stücke davon, „Citizen of the Planet“ und „Versions of Violence“ sind trotzdem im Repertoire. Und weil Alanis Morissette auf ihre neuen Stücke vertraut, setzt sie das von düsteren Gitarrenbreitseiten getragenen „Numb“ vom kommenden Album an das Ende ihres energiegeladenen Auftritts.

Die Band, zu der mit Gitarrist Julian Coryell auch der Sohn des Jazzmusikers Larry Coryell gehört, gibt den Songs den nötigen Druck. Auch in der nötigen Lautstärke. Wobei der studioversierte Schlagzeuger Victor Indrizzo sein Instrument derart brachial bearbeitet, dass man ihn sicherheitshalber hinter eine Plexiglaswand gepackt hat. Und sie kommen alle, die Rockhymnen, die „Jagged Little Pill“ zum 33 Millionen Mal verkauften Klassiker gemacht haben: „All I Really Want“ und „You Learn“ etwas früher, „Forgiven“, „Ironic“ und You Oughta Know“ etwas später. Es ist nicht einfach, solche Jahrhundertsongs zu toppen.

„Hand In My Pocket“ gibt’s als erste Zugabe, gefolgt von „Uninvited“, noch ein Song aus einem Filmsoundtrack („City of Angels“, 1998), mit dem sich Alanis Morissette endgültig verabschiedet. Die an ihrer Musik gereifte Sängerin wird lautstark gefeiert in der Zitadelle. Sie ist zurück im Rampenlicht. Und fühlt sich offenbar wohler denn je.