Ex-Hip-Hopper

MC Rene macht den Zug zu seinem Zuhause

Job gekündigt, Berliner Wohnung aufgegeben - Hip-Hopper MC Rene fährt mit der Bahn durchs Land. Seine Erlebnisse gibt es jetzt als Buch.

Foto: Amin Akhtar

Die schlimmsten Momente, das sind die, wenn man mitten in der Nacht mit dem letzten Zug an einem Bahnhof ankommt. Nichts geht mehr. Man befindet sich in irgendeiner Nicht-Stadt, Bielefeld vielleicht, oder Kassel.

Solche Momente hat Rene El Khazraje in den vergangen zwei Jahren häufig erlebt. Einmal ist er dann in eine Kneipe gegangen, um dort Bier zu trinken, bis ihn der erste Zug wieder zurück ins Leben bringen sollte. Er quatscht eine Frau an, die beiden kommen ins Gespräch.

Kurz darauf steuern drei Typen auf ihn zu. Oh, oh, jetzt gibt's Ärger, sind die einzigen Gedanken, die er noch hat. „Hey, bist du nicht MC Rene?“ „Äh, ja.“ „Cool, wir haben gehört, dass du mit der Bahn rumfährst, willst du bei uns pennen?“ Ein guter Ausgang für einen, der in dieser Nacht nicht mehr die Hoffnung hatte, noch ein Kopfkissen zu sehen.

El Khazraje, der immer nur Rene genannt wird, hat vor zwei Jahren alles aufgegeben, um neu anzufangen: Der gebürtige Braunschweiger hat seinen Job in einem Berliner Callcenter hingeschmissen, seine Wohnung in der Oderberger Straße gekündigt, Fernseher, Tisch und Schrank verschenkt und sich eine Bahncard 100 gekauft.

Die sollte ihm ermöglichen, zu den offenen Bühnen, kleinen Theatern und Fußgängerzonen dieses Landes zu gelangen, in denen er seitdem als Stand-up-Künstler mit einer Mischung aus Rap und Comedy auftritt. Was er dabei erlebt hat, hat er in dem Buch „Alles auf eine Karte“ aufgeschrieben, das nun erschienen ist.

Für große Säle und Stadien gebucht

Am Hauptbahnhof Berlin kommt er nur mit einem kleinen Koffer an, „Sommergepäck“ wie er es nennt. Rene ist 35 Jahre alt und für die Jahreszeit ein wenig blass um die Nase. Er trägt einen Strohhut, Kapuzenpulli, Jeans, Turnschuhe und ein breites Lächeln im Gesicht. Er lädt zu einem Kaffee in sein „Wohnzimmer“, die DB Lounge.

Das ist jetzt sein Club, hier steht er immer auf der Gästeliste, Freigetränke und Begleitperson inklusive. Routiniert schüttelt er am Empfang seine Bahncard 100 aus dem Ärmel, die Damen von der Bahn bekommen ein Lächeln zugeworfen, dann lässt er sich in einen der Ledersessel fallen. Viel zu tun sei gerade, Lesereise, Auftritte, Interviews, es läuft. Mittlerweile. Der Anfang sei schon schwer gewesen.

Es ist etwa 15 Jahre her, da musste Rene sich noch nicht bei Kleinkunstbühnen anbiedern, damals wurde er für die großen Säle und Stadien gebucht. Er war gerade 18 Jahre alt, als er mit der Band „Fettes Brot“ als Freestyle-Rapper auf Tour ging.

Kurze Zeit später kannte ihn als „MC Rene“ die ganze Hip-Hop-Szene, er war der Master of Ceremony, der Anheizer, der Partymacher. Die Bühne war sein Arbeitsplatz, das Publikum seine Altersvorsorge.

Er stand mit den Hip-Hop-Legenden von „Freundeskreis“ und „Absolute Beginner“, mit „Afrob“, „Sammy Deluxe“ und „DJ Tomekk“ auf der Bühne, hatte einen Plattenvertrag, eine Show beim Musiksender Viva und tausende Fans.

Die Zeit vor Bushido und Sido

Rene war der Sonnenschein des Hip Hop, der Saubermann, er erfand Texte über die Lust am Leben, Partys, Freunde und Musik. Die Herzen der 90er-Jahre-Jugend schlugen im Takt zu seinen Reimen.

Es war die Zeit, als Hip Hop noch aus Stuttgart, Hamburg oder München kam, manchmal ein bisschen politisch und manchmal ein bisschen tiefsinnig war, aber immer Spaß machen wollte.

Es war die Zeit, bevor Rapper namens Bushido und Sido das Label Aggro Berlin bekannt machten, mit aggressivem Sprechgesang um nackte Frauen, Geld und Drogen und mit albernen Masken im Gesicht Eltern und Politiker erschütterten. Rene, der Wellness-Rapper, hat sich in der Szene schon bald nicht mehr wohl gefühlt.

Erst blieb die Motivation aus, dann die Auftritte. Schließlich brach er mit dem Hip Hop und entschied sich für ein Durchschnittsleben. Eines, in dem er jeden Tag zur gleichen Zeit aufsteht, ein Hemd anzieht und zur Arbeit fährt. Eines, in dem er sich das Pseudonym Stefan Eckert zulegt, weil seinen richtigen Namen sowieso niemand aussprechen kann.

In seinem Buch beschreibt er die Stimmung so: „Stefan Eckert kennt sich total mit Firmensachversicherungen aus und seine heiße Leidenschaft ist der rote Gesprächsfaden.“ Nach einiger Zeit ist klar, er befindet sich an einem Punkt im Leben, an dem andere meinen, angekommen zu sein, Rene wusste: Ich muss hier weg.

"Daheim bedeutet unterwegs"

Für den Job im Call Center sei er einfach nicht abgebrüht genug gewesen, er habe immer das Gefühl gehabt, sich zu verstellen. Also musste eine Veränderung her. Er setzt sich in die Bahn und fährt los.

Wenn man wollte, könnte man ihn als gescheitert betrachten. Er würde sich nie so beschreiben. Obdachlos? „Nein, die Bahn ist mein Zuhause.“ Orientierungslos? „Der Weg ist das Ziel.“ Heimatlos? „Nö, daheim bedeutet unterwegs.“

Doch nach einer Weile auf den Schienen will Rene mehr. Und was macht ein C-Promi in Deutschland, wenn er auf Entzug des Größten ist, was Menschen einander im 21. Jahrhundert schenken können, der Aufmerksamkeit? Er geht ins Dschungelcamp, auf die Alm oder schreibt eben ein Buch.

Also berichtet Rene in „Alles auf eine Karte“ von seinen Auftritten, den Übernachtungen auf den Sofas von Freunden oder Unbekannten und absurden Begegnungen auf 146.560 Schienenkilometern, die er zurücklegt. Daneben führt er ein Videoblog über seine Reise und seine Shows.

Wo er anfangs noch mit einem Zettel in der Hand vor einer Handvoll Menschen seinen Pointen ein „Bähm!“ hinterherruft, um die halbgaren Witze doch noch zu einem Brüller zu machen, bespaßt er ein halbes Jahr später mit seinen Raps und seiner Lebensgeschichte schon das Publikum in ausverkauften kleinen Theatern, freestyle, so wie er es schon immer am besten konnte.

Angst ist keine Option

Rene sieht sich selbst als Geschichtenerzähler. Mit Sprache hantiert er, seitdem er denken kann. Angst zu scheitern, nein, die dürfe man nicht haben. Scheitern, das sei eine Option, Angst sei keine.

Es sind Lebensweisheiten wie diese, die Rene zwischen einem Schluck Wasser und einem Schluck Kaffee raushaut, wie früher seine besten Reime. Und dann muss er auch los, Freunde treffen in der alten Heimatstadt Berlin.

Wie lange er das eigentlich noch so machen will? „Keine Ahnung, solange es geht.“ Er lacht. Sein Zug, der ist eben noch nicht abgefahren.

MC Rene: „Alles auf eine Karte. Wir sehen uns im Zug.“ rororo, 9,99 Euro.