André Schmitz

Geistige Arbeit muss sich bezahlt machen

Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz schreibt in einem Gastbeitrag über Piraten, das Netz und den Schutz des geistigen Eigentums.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Ein wahres Endzeitdrama schien sich in den vergangenen Wochen in den gescheiten Köpfen dieses Landes abgespielt zu haben. Es ging um die digitale Revolution, eine neue Partei und die Frage, ob geistige Arbeit noch zum Broterwerb taugt. Die Kulturnation scheint unter Rechtfertigungsdruck geraten zu sein, wo es eigentlich keiner Rechtfertigung bedarf: Verteidigt wurde die Freiheit der Kunst und die Existenzgrundlage der Künstler.

Was war passiert? Die Piratenpartei hatte einen Lobgesang auf die Technologie angestimmt und das geltende Urheberrecht für nicht netzkompatibel erklärt. Daraus wurde geschlussfolgert: Die Piraten sind für eine Abschaffung des Urheberrechtes. Der Aufschrei der Dichter folgte prompt – und er zeigte Wirkung: Die politischen Freibeuter rudern zurück. Natürlich wolle man Künstlern nicht den Broterwerb nehmen. Aber die Realitäten des Internet und die Freiheit der Nutzer müssten in einem veränderten Urheberrecht ihren Niederschlag finden. Wie dieser digitale Fallout praktisch aussehen könnte, bleibt bisher weitgehend im Nebel. Aber immerhin: Man redet nicht mehr nur aneinander vorbei, sondern tatstet sich aufeinander zu.

Doch es geht nicht nur um die gegenseitige Verständigung zwischen verschiedenen Welten, es geht um die Frage, ob die Netzwelt wirklich die neue Wirklichkeit ist, als die sie uns verkauft wird. Und es geht darum, Rechtspositionen festzuhalten, bevor man sich daran macht, die Regeln für deren Um- und Durchsetzung im Internetzeitalter neu zu bestimmen. Hier hilft es, sich ins Bewusstsein zu rufen, dass geistige Arbeit zu allererst das ist: Arbeit, die Ihren Wert und ihren Preis hat, von der Künstler und Geistesarbeiter leben können sollen. Und dazu muss geistiges Eigentum rechtlich, auch urheberrechtlich geschützt bleiben. Es ist doch einigermaßen verwunderlich, wenn die Internetgemeinde Plagiatoren – zu Recht – an den digitalen Pranger stellt und gleichzeitig wenig dabei findet, den illegalen Konsum geistigen Eigentums – mit andern Worten: Diebstahl – zu tolerieren.

Ich glaube, erst wenn wir uns in dieser Frage verständigt haben, können wir andere, inhaltlich sehr viel schwierigere gemeinsam angehen: Wie verändern sich unsere Gesellschaften durch das Internet und was bedeutet das für das Entstehen von Kunst? Das ist keine einfache Debatte, denn sie verlangt zunächst erst einmal eine Definition, was Kunst eigentlich sei. Es ist aber auch keine ganz neue Debatte. Über Kunst und ihren sich wandelnden Charakter „im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit“ hat schon Walter Benjamin Anfang des vorigen Jahrhunderts nachgedacht, als Film und Fotografie die Produktion, Verbreitung und Rezeption von Kunst revolutionierten.

Mir scheint, die Piraten möchten Kunst nur dann unterstützen, wenn möglichst viele daran teilhaben können und wollen. Das klingt zunächst sympathisch. Ihr Vorschlag, die Deutsche Oper zu schließen und das Geld an die freie Szene zu verteilen hat indes gezeigt, welch Geistes Kind hinter der Idee steckt, die von den so Bedachten denn auch prompt zurück gewiesen wurde. Weder kann man über Kunst abstimmen lassen, noch sollte man sie nur nach Gesichtspunkten des Marktes beurteilen. Und es stimmt eben auch nicht, dass heute jeder ein Künstler ist, nur weil er auf Youtube selbstgedrehte Filme hochladen kann oder seinen Blog für einen wegweisenden Roman hält. Gleichzeitig kann es aber im Netz auch höchst glücklich machende künstlerische Ergebnisse geben. Das will ich gar nicht ausschließen.

Um diese unterschiedlichen Fragen von Ästhetik verstehen und bewerten zu können, muss man lernen. Und Urteilskraft trainieren. Kunst schätzen lernen und von ihr profitieren, das muss man lernen. Niemand geht ja auch zum ersten Mal auf einen Tennisplatz und glaubt, dass er Wimbledon gewinnen kann. So ist es in der Kunst eben auch. Insofern hatte die Diskussion der letzten Zeit auch etwas Hilfreiches, weil sie den Wert unserer Kulturnation beschrieben hat. Und das, was Künstler und ihre Vermittler dafür leisten. Oft genug für wenig Geld. Oft genug an den Grenzen der Zumutbarkeit. Es stünde den Piraten gut an, sich für die Lage derer zu interessieren, deren Werk sie an den Massengeschmack wegschenken wollen.

Herunterladen ist noch immer heikel

Wir kommen nur weiter, wenn wir den durchaus elitären Ansatz der Künstler akzeptieren. Was Kunst ist oder sein sollte, das ist keine Frage des Internets und der dort tätigen multinationalen Konzerne. Es haben sich allenfalls die Gewohnheiten geändert, Kunst zu verbreiten und zu genießen. Wir kennen die, die das raschelnde Umblättern einer Buchseite lieben, und andere, die ohne dieses sinnliche Geräusch auskommen, weil sie digital lesen. Das sind aber nur Kommunikationswege. Weder der Papier- noch der Laptop-Liebhaber hat das Recht, den jeweils anderen zu diskriminieren. Doch während geklärt scheint, dass man sich das Buch im Laden oder im Internet kauft, ist das sogenannte „Herunterladen“ immer noch eine heikle Angelegenheit. Nicht immer droht gleich eine Straftat, und es gibt sicher viele, die für das, was sie sich „aus dem Netz holen“ auch zahlen. Aber wissen wir wirklich, wie es um die digitale Bezahlkultur steht? Wenn wir jetzt darüber sprechen, dass das Urheberrecht modernisiert werden muss, dann wissen wir auch, dass wir dies nicht dubiosen Anwaltskanzleien überlassen dürfen, die Internetnutzer mit brachialen Abmahnungswellen überziehen und das berechtigte Anliegen der Urheber und ihrer Verwerter und Vermittler in den Augen der Konsumenten weiter diskreditieren. Anstatt Kanzleien ein lukratives Geschäftsmodell zu liefern, sollte der Streitwert bei einmaligen, geringfügigen Verstößen begrenzt werden.

Jeder weiß, dass eine zentrale und totale Überwachung des Nutzerverhaltens im Netz eine technisch mögliche Versuchung ist. Dagegen, dass der Staat – zu welchem Zweck auch immer – diese Möglichkeit nutzen könnte, gibt es berechtigten Widerstand. Was wäre zu tun? Die Nutzer lassen sich offensichtlich nicht durch Sperren oder pauschale Zwangsabgaben zähmen, sondern allenfalls durch ein verändertes Bewusstsein. Eine „Kulturflatrate“ scheint nicht das richtige Modell, weil sie massenhaft die nichtkommerzielle Nutzung digitaler Werke erlaubt und den Urheber ungefragt lässt. Außerdem wird der bestraft, der das Internet kaum nutzt. Es wird also differenzierte, urheberrechtlich Regelungen geben müssen.

Was als Wandel betitelt wird, dürfte für viele Anbieter von guten Gedanken zu einem beinharten Kampf ums Überleben werden. Das gilt besonders für die Verlage und für die Buchhandlungen. Wird es künftig noch ökonomisch möglich sein, Bücher herauszubringen, die nicht gleich einen wirtschaftlichen Erfolg versprechen, die vielleicht ein Zuschussgeschäft sind, weil sie auch mit dem Idealismus des Verlegers entstanden sind? Ist also der Urheber (und hier eben auch der Verleger als „Verwerter“) nicht viel mehr auch eine kulturelle Figur, ein Schöpfer des guten Gedankens, der unser nationales Gedächtnis prägt? Und der unseren Schutz verdient? Ich meine: Ja. Wie wird die geistige Produktion beschaffen sein? Werden die, die nicht wissen, wie ein Roman entsteht, noch ein Gefühl für einen qualitätsvollen Text entwickeln oder regelt künftig alles die Suchmaschine?

Größere Wertschätzung

Der gerechte Ausgleich zwischen Urhebern, Verwertern und Nutzern in einem rechtsverbindlichen Rahmen muss jedenfalls das Ziel sein. Das bedeutet aber auch, dass hier mit offenen Karten gespielt wird und es nicht sein kann, dass anonyme Netzdenunzianten die Verteidiger des Urheberrechts verfolgen und damit drohen, ihre privatesten Daten offenzulegen. Angst ist in der Diskussion ein schlechter Ratgeber. Der technologische Fortschritt kann und muss kulturelle Teilhabe ermöglichen und durch die neuen Vermarktungs- und Verbreitungswege ein Mehr an Kultur ermöglichen. Die künstlerische Arbeit im Netz muss eine größere Wertschätzung erfahren und von einem Urheberrecht geschützt werden, das fair und angemessen ist. Der Urheber, so schlägt es auch die SPD vor, soll in Bezug auf den Verwerter bessergestellt werden. Und noch ein Punkt scheint mir bedenkenswert: die Digitalisierung von kulturellen Werken. Wenn ein Rechteinhaber nicht mehr feststellbar sei, so eine gute sozialdemokratische Idee, sollte für eine angemessene Vergütung die Lizenzierung durch Verwertungsgesellschaften möglicht sein. Auf diese Weise ließen sich verwaiste oder vergriffene Bücher online zugänglich machen, die sonst aus dem kulturellen Bewusstsein zu verschwinden drohen.

Die Diskussion der vergangenen Wochen hat uns vor Augen geführt, dass der Glaube an die Macht der Technik allein nicht ausreichen kann, einen gesellschaftlichen Entwurf zu formulieren. Die „Grundgesetze“ der digitalen Welt lassen sich nicht eins zu eins auf die reale übertragen. Laptop und Internet bleiben vom Menschen geschaffene Instrumente. Was passiert, wenn wir es zulassen, dass sich diese sich verselbständigen, ihre eigene Welt schaffen, die unsere – die reale – dominieren, zeigen die Perversitäten eines computergesteuerten Finanzmarktes. Das ist das Dilemma der Piraten in dieser Debatte. Und unser Ansporn! Wenn alles immer schneller wird, hilft, bevor wir durchdrehen, manchmal auch ein Blick zurück: Vor fast neunzig Jahren rief Walter Gropius dazu auf, Kunst und Technik zu einer neuen, dem Menschen dienenden Einheit zu bringen. Genau darum geht es auch heute.