Konzert

Ian Anderson gibt in Berlin den routinierten Gaukler

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Peter E. Müller

Foto: DPA

Einst brachte Ian Anderson mit seiner Band Jethro Tull die Querflöte in die Rock-Musik. Im Berliner Tempodrom resümiert er sein Gesamtwerk.

Die Show beginnt bei noch hell erleuchtetem Saal. Ein Mann in Trenchcoat und Schiebermütze steigt auf die Bühne, eine Handvoll andere Trenchcoat-Männer folgen ihm. Sie fegen den Bühnenboden. Sie packen Koffer aus. Sie rücken in aller Ruhe die Instrumente zurecht.

Dass dies kein normales Rockkonzert wird, ist jetzt schon klar. Ian Anderson, der vor 45 Jahren die britische Rockband Jethro Tull gegründet hatte, hat sich Großes vorgenommen: Die komplette Aufführung des Jethro-Tull-Album-Klassikers „Thick As A Brick“ von 1972, samt dessen Fortsetzung „Thick As A Brick 2“, die gerade, genau 40 Jahre später, erschienen ist. Und obwohl an diesem Abend kein anderer Hit von Jethro Tull erklingt, geben sich die rund 2500 Besucher am Sonntagabend im bestuhlten Tempodrom begeistert.

„Thick As A Brick“ war ein bahnbrechendes Konzeptalbum. Es bestand aus nur einem einzigen Stück. Dass es zwei Teile hatte, lag nur daran, dass man damals eine Vinyl-LP irgendwann umdrehen musste.

Jethro Tull und Ian Anderson, der die Querflöte im Rock hoffähig gemacht hat, verbanden in dieser Rock-Suite scheinbar unvereinbare Stile und Spielarten zu einem dichten Gesamtkunstwerk. Blues und Barock, Jazzrock und Salonmusik, britische Folklore und vertrackte Rock-Arrangements mit sich wiederholenden Themen und Variationen. Sie erzählten die Geschichte des achtjährigen Gerald Bostock, der für ein Gedicht mit einem Jugend-Lyrik-Preis ausgezeichnet wurde, später aber in der Psychiatrie landete.

Das alles erfuhr man auf der dem Album beigegebenen zwölfseitigen Tageszeitung „The St. Cleve Chronicle“, in der auch der komplette Text des Gedichts „Thick As A Brick“ („Dumm wie Bohnenstroh“) abgedruckt war sowie eine Meldung, die besagte, dass die Band Jethro Tull das Gedicht vertont habe.

Die fiktive Geschichte um diesen Gerald Bostock aus St. Cleve, die Anderson damals ausgeheckt hatte, war so perfekt zusammen gesponnen, dass sie gern für bare Münze gehalten wurde. Gerald Bostock hat übrigens eine eigene Seite auf Facebook. Und den „St. Cleve Chronicle“ gibt es im Internet unter www.stcleve.com.

Als das Saallicht im Tempodrom erlischt, sehen wir zunächst auf einer Leinwand, wie der erwachsene Gerald Bostock in die Praxis eines gewissen Dr. Maximilian Quad eintritt. Er wird von dem Psychotherapeuten (hinter der Maske steckt natürlich Ian Anderson) aufgefordert, seine Lebensgeschichte zu referieren. Und die Band legt los.

„Really don’t mind if you sit this one out“ singt Ian Anderson am rechten Bühnenrand und für die nächste gute Stunde entfaltet sich die ganze musikalische Progrock-Kraft von „Thick As A Brick“. Ian Andersons Stimme ist über die Jahre gereift. Man könnte auch sagen, sie hat rein altersbedingt etwas gelitten. Doch der Schotte weiß sich zu helfen. Auch, weil er auf „Thick As A Brick“ mitunter Flöte, Gitarre und Gesang übereinander gemischt hatte, übernimmt der walisische Schauspieler und Sänger Ryan O‘Donnell die Rolle des Gerald Bostock und einige der Gesangsparts. So wird das Konzert zu einer konzertanten Inszenierung, die durch ausgesuchte Bilder und Filme auf der Leinwand illustriert wird.

Dass es keine museale Veranstaltung wird, liegt an Andersons Witz und Weisheit. Mit ironischem Augenzwinkern wird das Epos immer wieder aufgefrischt. So ruft beispielsweise die Geigerin Anna Phoebe per Skype an und begleitet die Band auf der Leinwand eine kurze Zeit auf der Violine (während hinter ihr ein Froschmann durchs das Zimmer stakst). Die Pause zwischen Teil 1 und Teil 2 wird mit einem Wetterbericht überbrückt. Später führt uns per Filmeinspielung ein englischer Gutsherr (wieder Ian Anderson) durch das weitläufige Anwesen Craddock Hall, St. Cleve.

Die Band ist von erster Güte. Bassist David Goodie und Schlagzeuger Scott Hammond gehören dazu, der Musical-erprobte Keyboarder John O’Hara und der deutsche Gitarrist Florian Opahle. Sie haben gemeinsam mit Ian Anderson auch die Fortsetzung „Thick As A Brick 2“ eingespielt, die es nach einer Pause in Gänze zu hören gibt.

Es ist klassische Jethro Tull-Musik, diesmal ein Liederzyklus mit 17 Stücken und Referenzen an Themen aus „Thick As A Brick“, aber auch an Alben wie „Aqualung“ oder „Heavy Horses“. Hier widmet sich Ian Anderson dem erwachsenen Gerald Bostock und überlegt, was aus ihm hätte werden können: Investment-Banker oder Obdachloser, Soldat oder Pfarrer. Und immer wieder sieht man auf der Leinwand diesen seltsamen Froschmann in seiner kompletten Taucherausrüstung durch die Straßen einer englischen Stadt irren. St. Cleve womöglich?

„Thick As A Brick 2“ ist eine Art Resümee des Gesamtwerks von Jethro Tull, in dem vieles nur allzu bekannt vorkommt. Der 64-jährige Ian Anderson gibt den routinierten Gaukler und Entertainer, posiert und springt energiegeladen über die Bühne, spielt die Querflöte mit allem trillern, keuchen und raunen bewundernswert, verlässt sich aber auch im zweiten Teil auf die Stimme Ryan O’Donnells, der mitunter auf geradezu unheimliche Weise klingt wie der junge Ian Anderson. Am Ende, als die allerletzte Zeile „Thick As A Brick“ mit dem Zusatz „Two“ verklungen ist, hat auch der einsame Froschmann endlich seinen Weg ans Wasser gefunden. Es gibt sehr viel Applaus. Aber keine Zugabe.