Makabre Kunstaktion

Schaf Norbert im Internet vor dem Fallbeil gerettet

Berliner Kunststudenten wollten ein Schaf mit einer Guillotine köpfen. Mehr als vier Millionen User stimmten über die makabere Aktion ab.

Foto: DPA

Tabubrüche gehören bekanntlich zur Kunst wie Sand in die Wüste. Die ganze Kunstgeschichte ist voll davon. Christoph Schlingensief rief in einer Auktion schon einmal dazu auf, Kanzler Kohl zu töten, und Damien Hirst legte mit Vorliebe glotzäugige Tierkadaver ein in Formaldehyd, verdiente damit Millionen. Eins ist schon mal klar, die beiden Berliner Kunststudenten Iman Rezai und Rouven Materne, beide Meisterschüler an der renommierten Universität der Künste Berlin, haben es geschafft – sie sind bekannt, vorerst.

Das geht so: Norbert, ein armes bemitleidenswürdiges Schaf, geht es ans Fell, es soll geköpft werden. Mit einer poppigen rot-grünen Guillotine, die die beiden Berliner selbst gebastelt haben. „Soll dieses Schaf getötet werden?“: Auf der Website (Die Guillotine) dieses makaberen „Experiments“, wie die beiden ihre Aktion nennen, konnte jeder per Klick abstimmen (ja/nein), ob das Fallbeil sausen soll oder nicht. Dazu sah man ein Video, worauf das Messer hoch und runter sauste, die beiden Künstler gaben sich ganz in Weiß als Henker. Wenn es um das Wohl von Tieren geht, ist das häufig ein Aufreger, da brodelt schnell die Volksseele. Einige Strafanzeigen sollen bei der Berliner Justiz eingegangen sein.

Die Kunstkumpel Rezai und Materne selbst zeigen sich ganz überrascht über die vielen Reaktionen. Dabei war ihr Tabubruch mit Norbert wohl kalkuliert im großen Universum der Kunst. Mit den Mitteln unserer Mediengesellschaft, dem Internet, der Abstimmung unter der Vorgabe der demokratischen Entscheidung – und der Sensation. Am Himmelfahrtstag (!) war dann Schluss mit der Internet-Quote. Verblüffend: Mehr als 4,2 Millionen Nutzer haben insgesamt abgestimmt über Leben und Tod von Norbert, 2,5 Millionen sind gegen das Hackebeil, der Rest dafür.

Am Freitag wollen die beiden Künstler das Ergebnis auf einer Pressekonferenz vorstellen, wo und wann, das verheimlichen sie. Wer dabei sein möchte, muss seine Fragen per Mail an die Beiden senden. Wo ist das Schaf? Was wird aus ihm? Wo steht die Tötungsmaschine? Funktioniert sie wirklich oder war sie ein Fake? Das wollen viele wissen. Doch die beiden Künstler behalten sich die Auswahl der Teilnehmer vor. Gute Fragen, schlechte Fragen? Erst dann wird entschieden, wer vorgelassen wird zu den beiden. Gekonnte Strategie, um die Spannung zu erhöhen. Kaum verwunderlich, dass im Netz schnell eine Debatte darüber losbrach, wo die Freiheit der Kunst endet und die Perversion losgeht. Manche Einträge klingen wie Morddrohungen, wie die von Deevil: „Wir machen eine Facebookseite auf und sammeln für den Killer...ich fange an und spende 1000 Euro…“ heißt es da.

Mediale Aufmerksamkeit bedeutet heute viel in der Vita von bildenden Künstlern, zumal es hier in der Stadt geschätzte 10.000 gegeben soll. Da ist der Überlebenskampf groß, die Idee zum Werk muss gut sein, provozieren, sonst guckt ja keiner. Kreativität? Die kennt keine Grenzen. Auch wenn sich die Universität von der Norbert-Aktion deutlich distanziert. „In jeder Hinsicht selbstverständlich ist, dass die Kunst ihre Grenze dort findet, wo Lebewesen Schaden nehmen“, lässt der Präsident Martin Rennert wissen.

Der Kunst tut das keinen Abbruch. Angeblich hat ein US-Sammler die „Die Guillotine“ der bislang weitgehend unbekannten Meisterschüler für immerhin 2,3 Millionen Dollar gekauft. Bestätigt wird das nirgends. Könnte auch wieder ein Coup zur Selbstdarstellung sein, indem die beiden den hyperventilierenden Kunstmarkt auf die Schippe nehmen. Wie dem auch sei, heute also wollen Iman Rezai und Rouven Materne vor die Öffentlichkeit treten. Mal sehen, was noch alles so passiert.

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