Talk mit Gysi

Zur Abwechslung stimmt bei Gottschalk auch mal die Quote

Im Deutschen Theater zeigten Thomas Gottschalk und Gregor Gysi die hohe Kunst der Unterhaltung - vor ausverkauften Rängen.

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Morgens 11 Uhr in Mitte. Die Glocken läuten aus der Ferne. Es klingt wie eine Ermahnung, aber die Kirchgänger sind an diesem Sonntag ausgebüxt. Im Deutschen Theater ruft Atheist Gregor Gysi zur Konkurrenzveranstaltung, zu seiner Live-Talkshow „Gregor Gysi trifft Zeitgenossen“ – und das zur katholischen Prime-Time. Die Talkshow ist eine Art intellektueller Frühschoppen und der Zeitgenosse diesmal kein Geringerer als Fashion-Victim und Entertainer des Jahrhunderts Thomas Johannes Gottschalk.

Im Deutschen Theater stimmt die Quote; das Haus ist seit Tagen ausverkauft, ein Herr im grauen Anzug versucht sogar den Einlasschef mit einem Zehner zu bestechen. Manche braven Söhne und Töchter haben zum Muttertag die Mami ausgeführt, aber auch sie sind bereits jenseits der 40. Zur Feier des Tages trinkt man um 11 Uhr morgens Sekt statt Früchtetee.

Dann geht es pünktlich los und es zeigt sich, wer wirklich Mamis Liebling ist: „Der Tommy“ hat noch immer alle Herzen in der Hand. Es scheint nie eine Krise gegeben zu haben. Fesch sieht er wieder aus in seinem karierten Anzug, den cremefarbenen Schnürstiefeln und einer Statement-Gangster-Rapper-Kette. Als Showmaster Gysi neben ihm steht, tobt das Publikum ein erstes Mal vor Lachen. Gysi wäre auf Stelzen noch einen Kopf kleiner als Gottschalk und als er seinem Gast zu dessen Outfit gratuliert, gibt dieser zurück: „Gibt's auch in Ihrer Größe, Herr Gysi!“ So wird gefrotzelt und geulkt – ein Schlagabtausch zweier Selbstdarsteller auf höchstem komödiantischem Niveau. Wobei „Schlagabtausch“ relativiert werden muss. Gysi schlägt nur manchmal, meistens hört er aufmerksam zu, drängt sich nie in den Vordergrund oder blättert schnaufend in seinen Karteikarten. Ein richtiger Musterschüler ist der Gastgeber, hervorragend hat er sich vorbereitet, gründlich recherchiert. „Was Sie alles wissen!“, ruft Gottschalk erstaunt. Manchmal erinnert er sich selbst nicht mehr.

Er hat ja auch viel erlebt und genau daran sollen alle teilhaben. Seine erste Radiosendung, sein Lehramt-Studium, das er der Mutter zuliebe abschloss, und seine Hassliebe zu Journalisten, auf die er immer wieder zurückkommt. Er ärgere sich noch immer über schlechte Kritiken und fühle sich oft falsch dargestellt. Zwei volle Stunden lang spricht Gottschalk über sich.

Hassliebe zwischen Gottschalk und Jauch

Wenn es doch mal um andere geht, dann nur um Menschen, die er „entdeckt“ und gefördert hat: Heidi Klum wäre ohne ihn noch „Funke-Mariechen“ in Bergisch Gladbach, Michelle Hunziker Bikini-Girl im Berlusconi-TV und Günther Jauch hat er vor dem Radio-Beamten-Tod gerettet. Diese Aussage stammt übrigens von Jauch selbst – er habe Gottschalk viel zu verdanken, die beiden verbindet einen lange Freundschaft. „Ich liebe und verfluche ihn“, soll Jauch über seinen Freund gesagt haben, sagt Gysi. „Ich liebe ihn auch und verfluche ihn, wenn ich seine Quoten sehe“, antwortet Gottschalk. Blitzschnell ist der Mann und dass er über sich selbst spricht, ist völlig legitim, erfüllt es doch das Konzept der Veranstaltung: Ein Zeitgenosse wird interviewt und gibt den Zuschauern Gelegenheit, ihm nahe zu sein.

Die Leute lieben es; sie krümmen sich vor Lachen in ihren Samtsesseln, stupsen sich gegenseitig wissend an – Zwischenapplaus gibt es alle paar Minuten. Schlechte Kritiken sind vergessen, der Quotentiefpunkt scheint ein Sympathie-Höhepunkt und Gysi kichert im Hintergrund. „Ist hier irgendjemand unter 30?“, ruft Gottschalk beim Schlussapplaus. Nur eine Frau im roten Pullover hebt die Hand. „Onkel Tommy“ wirft ihr lachend eine Kusshand zu. Dass sie Journalistin ist, ahnte er nicht.