Beastie Boys

Die Popmusik hat mit Adam Yauch einen Pionier verloren

Die Beastie Boys haben die Musik der letzten 25 Jahren geprägt wie keine andere Band. Nun ist ihr Mitgründer mit nur 47 Jahren verstorben.

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Was die Popmusik mit Adam Yauch verloren hat, das können die Jugendlichen vielleicht besser erklären als die Kritiker. Der Mit-Gründer der Beastie Boys starb am Freitag im Alter von 47 Jahren an Ohrspeicheldrüsenkrebs, den er drei Jahre lang bekämpft hatte. Die Beastie Boys sind die berühmteste weiße HipHop-Band, Adam Yauch war so etwas wie ihr Erfinder. War er also ein Musiker? Ein DJ? Ein Rapper?

In den Würdigungen so berühmter HipHop-Sänger wie Nas, Chuck D. und Eminem heißt es nun: Er war ein Pionier. Und er war ein Künstler. Mit Adam Yauchs frühem Tod endet jene Ära, die man die klassische Postmoderne nennen könnte. Mit der Kulturtechnik des Samplings lassen sich alle gewünschten Klänge mischen, wodurch etwas Neues entsteht: Das war, sehr vereinfacht gesprochen, die Kunst des Adam Yauch.

Im Dezember 2011 gaben die Altvorderen der Rock and Roll Hall of Fame bekannt, welche Musiker neu in diesen Schrein der Unsterblichen aufgenommen werden. Die Beastie Boys waren für würdig befunden worden, was insofern überraschte, als den Monkees - eine Fernseh-Retortenband aus den 60er-Jahren, die sich später selbständig machte - der Einzug verwehrt wurde.

Erstmals Rap-Passagen 1983

Die Beastie Boys waren keine Retortenband - sie gingen den ganzen Weg vom Jugendzimmer ins Sportstadion. Sie waren aber auch keine Band im traditionellen Sinn, sondern eher eine Bande.

Adam Yauch wurde 1964 im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren; mit 14 Jahren lernte er das Spiel auf dem elektrischen Bass. Mit seinem Freund Michael Diamond hörte er die damals populären amerikanischen Punk-Bands Black Flag und Bad Brains. Erste Plattenaufnahmen waren noch wüster Punk-Krawall, der aus wenig mehr als Parolen bestand. 1982 erschien die erste Single, "Polly Wog Stew".

Zur damaligen Besetzung der Beastie Boys gehörte der Gitarrist John Berry, der nach einem Konzert durch Adam Horvitz ersetzt wurde. In dem schnodderigen Song "Cooky Puss" verwendeten die Beastie Boys 1983 erstmals explizit Rap-Passagen, bei Konzerten beschäftigten sie einen DJ.

So lernten die drei jüdischen Avantgardisten den Studenten Rick Rubin kennen und nahmen ihre HipHop-Namen MCA (Yauch), Mike D (Mike Diamond) und Ad Rock (Horvitz) an. Die assoziierte Kate Schellenbach verließ die Band - manche behaupten, sie sein von den Jungs herausgedrängt worden. 1991 machte sie mit der gefeierten Frauen-Band Luscious Jackson auf sich aufmerksam - auf dem Label der Beastie Boys.

Mit Rick Rubin als Produzent nahmen die Beastie Boys die Single "Rock Hard" auf, einen Zwitter aus Gitarrenlärm und HipHop neuer Prägung. 1986 erschien auf dem Label Def Jam das Debüt-Album "Licensed To Ill" mit dem Kracher "(You Gotta) Fight For Your Right (To Party)", dem Hit des Jahres. Auch "No Sleep Till Brooklyn", einer der vielen Verweise auf ihre Heimat, wurde zum internationalen Hit der Spaßgesellschaft. Die Beastie Boys waren die "Nackte Kanone" des Pop-Geschäfts.

Doch binnen drei Jahren passierte etwas mit den jungen Männern. Als sie 1989 zurückkehrten, hatten sie das ausladende, eklektische Album "Paul's Boutique" produziert, eine Platte, die von einer Straßenecke in Brooklyn handelt und von eben jenem Ramschladen, dessen Hüter Paul heißt.

Die Zukunft ist Kommunikation

Neben "It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back" von Public Enemy ist dieses Hörspiel des urbanen Treibens eines der frühen Meisterwerke des HipHop und eine der Blaupausen für spätere Großkünstler wie Eminem.

Die Beastie Boys hatten die amerikanische Erzählung in den HipHop überführt; statt der einen Stimme des Talking Blues erhob sich nun eine ganze Gemeinde: Der Verkäufer, der Fahrradkurier, der Straßenkehrer, die Studentin, der Protestler, der Typ von nebenan, die Straßengeräusche und die U-Bahn - sie alle beteiligten sich an dem Schmelztiegel der Sounds, einer genuin demokratischen Veranstaltung.

Die Beastie Boys waren nun von hedonistischen Rüpeln zu Dekonstruktivisten des Genres und Lieblingen der (weißen) Pop-Kritik geworden, "Check Your Head" (1993) und "Ill Communication" (1994) wurden nur von "Nevermind" von Nirvana als Spiegel der Zeit übertroffen: Das Trio hatte erkannt, dass die Zukunft aus Kommunikation bestehen würde, das Motto lautete: Angeschlossen sein - oder gar nicht sein! So wirkten die Beastie Boys immer wie die Band, die in den Romanen von Thomas Pynchon ironisch als Beispiel für die bekiffte und visionäre Lyrik von Popsongs angeführt werden.

In 25 Jahren fast alles beeinflusst

Und auch Adam Yauchs Weg in die Kontemplation ist romanhaft: Er entdeckte den Buddhismus, veranstaltete 1996 ein gewaltiges Konzert für Tibet im Golden Gate Park von San Francisco und setzte sich mit dem Milarepa Fund für die Unabhängigkeit des Landes von China ein. Die Beastie Boys gründeten ihr eigenes Label, Grand Royal, und gaben für eine Weile die Zeitschrift "Grand Royal Magazine" heraus, in der sie etwa die "Mullet"-Frisur (auf deutsch als "Vokuhila" bekannt) erklären ließen.

Das Album "Hello Nasty", auf dessen Cover sie in einer Sardinendose posierten, erreichte 1998 fast überall den ersten Rang der Charts. Mit dieser Platte hatte sich die kreative Energie der Beastie Boys erschöpft. Bald darauf veröffentlichte Eminem sein Debüt, bediente sich der vorhandenen Techniken und erzählt nur noch eine Geschichte: seine eigene. "To The Five Boroughs" war 2004 eine fast rührend altmodische Hommage an die fünf Bezirke von New York.

2009 erfuhr Adam Yauch, mittlerweile verheiratet und Vater einer Tochter, von der Krebserkrankung. Sie sei behandelbar, erklärt er. Das Album "Hot Sauce Committee, Part Two" wurde immer wieder aufgeschoben und erschien schließlich im letzten Jahr ohne große Rezeption.

Am 14. April wurden die Beastie Boys neben den HipHop-Künstlern Chuck D. und LL Cool J in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Mike Diamond und Adam Horvitz verlasen bei der Zeremonie einen Text des todkranken Freundes. Wenn gefragt wird, was Adam Yauch in der Popmusik der vergangenen 25 Jahre beeinflusst hat, so muss die Antwort lauten: fast alles!