Abschied von Sat.1

Schmidts Abgang gelingt besser als manches Comeback

Bei seiner letzten Show im Free-TV setzt Entertainer-Ikone Harald Schmidt auf gut funktionierende Gags aus dem Requisiten-Fundus.

Foto: SAT.1/Ralf Jürgens

Die hirnrissigste Pointe seines Abschiedsabends musste er nicht sich selbst organisieren, die bekam Harald Schmidt von seinem „Traumschiff“-Sender ZDF geschenkt, gebührenfinanziert natürlich. Denn bevor er im Vorspann seiner letzten Late-Night-Show bei Sat.1 als „der ewige Entertainer“ anfranzöselt wurde (ein Seitenhieb auf die „Spiegel“-Befragung der ins Aus entsorgten Wasserträger Feuerstein und Andrack), saß ein anderer gescheiterter Adjutant bei Maybritt Illner, zum Großeweiteweltpolitik-Expertespielen. Oliver Pocher, als „Moderator“ untertitelt, durfte dort, brav gescheitelt und mit Korrespondenten-Miene, eine Meinung zum Thema „Boykottieren der Fußball-EM in der Ukraine“ haben.

Das sagte eigentlich schon alles über den Aberwitz des deutschen TV-Systems, aus dem sich Schmidt nun zu Sky, in die kostenpflichtige, für ihn maßgeschneiderte Kategorie „Abonnenten-Spätlese“ verabschiedet. Dort, endlich, kann er ab dem 11. September drei Mal wöchentlich tun und vor allem links liegen lassen, was er will, während die Schwafelrunden öffentlich-rechtlichen Leerlauf mit beliebigen Quotengesichtern und hohlen Phrasen wegsenden.

Ein letztes Mal also noch in Köln-Mühlheim für Sat.1 in die Bütt, ein letztes Mal die Vertragspflicht erfüllen und genüsslich die nicht ganz billige Rest-Sendezeit vernichten. Warum also sich noch Mühe geben, für wen hier noch das Rad neu erfinden? Für die gerade mal 660.000 Zuschauer etwa? Der erste Einspieler – in Kapitänsuniform die Sat.1-Flagge einholen, letzter Salut an die Rauswerfer – war der Auftakt zu einer Sendung, die kein wertvolles Pulver mehr verschießen wollte, weil es zu schade gewesen wäre. Der Lotse durchs Seichte wollte nur noch flott von Bord. Eine erfolgreiche Zeit habe er hier gehabt, „und das sage ich ganz unverschlüsselt“. Schon klar, Harald.

Hätte Schmidt noch devote Steigbügelhalter und Interesse an Tagesaktuellem, hätte er an diesem Donnerstag beispielsweise das episch dahindümpelnde „Zeit“-Interview mit den Hochkultur-Schöngeistern Peter Handke und Luc Bondy nachspielen können, die seitenlang nicht wussten, über was sie noch raunend sinnieren könnten. Aber Schmidt war der letzte, der das Satire-Licht auszumachen hatte.

Also gab es gut funktionierende Gags aus dem Requisiten-Fundus: zunächst einen peterundderwolfig vertonten „Klassiker des Herrenwitzes“, denn ordentlich zotig geht ja immer. Als bewährter Überraschungsgast kam Olli Dittrich als Olli Dittrich hereinspaziert, der zwar nicht genau wusste, warum, dafür aber „Popcorn“, einen Hit seiner Jugend, mit Suppenlöffelklopfen auf einer Gesichtshälfte darbieten konnte. Die Pianistin Yuja Wang durfte danach artig Art Tatums rasante Version von „Tea for Two“ vorspielen und wurde ruckzuck wieder in die Kulisse gescheucht.

Als Kniefall vor Nibelungen-Sendertreue, die Schmidt nie hatte, folgte ein Plausch mit dem Sat.1-Dauergesicht Ulrich Meyer, und da sich die Zielgerade näherte, wollte sich die „Wanderhure“ (Schmidt über Schmidt) auch nicht noch länger die frontalen Anspielungen auf den nächsten Geldgeber verkneifen. Der erste Gast sei bestimmt Sky Dumont; zum Abspann spielte Helmut Zerletts Band „Lucy in the Sky with Diamonds“. Schmidts finale Himmelfahrt war ein kleiner, feiner Dada-Moment: Dittrich, sonnengelbes Kostüm mit Blumen auf dem Bauch, kam als Sommerpause und holte Schmidt ab, als würde die Kita schließen. Jacke mitnehmen, den Regenbogen-Ball, rein in den Bollerwagen und hinaus, in die neue Freiheit. „Wie war der Tag heute?“ „Schön, wir haben gespielt.“ Ein Abschied, der besser und konsequenter war als so manches vergurkte Comeback.