US-Bauchredner

Jeff Dunham lässt in Berlin die Terrorpuppe tanzen

Jeff Dunham hat das Bauchreden wiederbelebt – mit einem toten Terroristen. 1600 Berliner Fans hingen nun an Dunhams stehenden Lippen.

Foto: Getty images/ Gary Miller

Der Mann muss sich vorkommen wie zu Hause in Kalifornien. Da steht ein amerikanischer Comedian und Bauchredner im Tempodrom auf der Bühne, und von Anfang an toben und jubeln ihm am Dienstagabend rund 1600 Berliner Fans aller Altersklassen zu, lachen und feixen genau an den richtigen Stellen, hängen ihm sozusagen an den Lippen, die er doch kaum bewegt. Dafür hat er seine Handpuppen. Amtssprache an diesem Abend ist Englisch. Aber er wird verstanden. Jeff Dunham hat einer klassischen Nischenkunst des Varietés zu neuer Popularität verholfen. Seit mehr als 30 Jahren steht er mit seinen skurrilen Partnern auf der Bühne, doch 2007 wurde er vor allem durch eine Figur weltberühmt: Achmed, The Dead Terrorist.

Ein Erfolg, der ohne Satellitenfernsehen und Internet kaum möglich gewesen wäre. 2007 landete seine Achmed-Nummer als Videoclip auf YouTube und wurde mehr als 100 Millionen Mal aufgerufen. Alle Welt lachte über einen Selbstmordattentäter, der sich aus Dusseligkeit selbst in die Luft gejagt hat und nun als Skelett mit Turban und Glubschaugen neben Dunham auf der Bühne sitzt und Sätze wie „Silence! I kill you!“ keucht. Kein Wunder, dass man dieses Phänomen nun auch einmal live erleben möchte. Auf Achmed freilich muss man bis nach der Pause warten.

„Wer denkt Englisch?“

Jeff Dunham ist zum ersten Mal in Deutschland. Neuland, das er erst erkunden muss. Doch schnell wird an diesem Abend klar, dass sein Popstar-Status auch bis unter das Tempodrom-Dach reicht. „Wer denkt Deutsch?“ fragt er zu Beginn ins Publikum. Die Reaktion ist verhalten. „Wer denkt Englisch?“ fragt er hinterher. Der Saal tobt. Und der Entertainer weiß, dass er hier mit seinen kleinen feisten Puppen und seiner politisch höchst unkorrekten Comedy freie Fahrt hat. Der 50-jährige Vater dreier Töchter erzählt auch freimütig von seiner Scheidung nach 19 Jahren Ehe, weil viele Anspielungen darauf im Programm auftauchen.

Jeff Dunham ist ein phänomenaler Handwerker. Er beherrscht sein Metier aus dem Eff-Eff. Seine Lippen stehen still, wenn er seinen Figuren Leben einhaucht, sie nörgeln und lamentieren, brüllen und kreischen, meckern und herumalbern lässt. Ja, sie singen sogar. Seine Technik ist phänomenal. Das überzeugt und macht Staunen. Walter heißt der erste Charakter, den Dunham aus der Kiste holt. Ein griesgrämiger, alter Grantler mit verschrobenen Gesichtszügen, ein Miesepeter der über alles und jeden, vor allem aber über seine Frau herzieht. Eine gewaltige Leinwand projiziert die Kleinkunst auf großes Format.

Vorzugsweise unter der Gürtellinie

„Controlled Chaos“ heißt das aktuelle Programm, das man im Foyer am Merchandise-Stand bereits auf DVD kaufen kann. Doch schert Dunham live immer wieder aus, nutzt seine Auslandsreise offenbar, um vor Publikum neue Gags zu testen, die Einzug finden sollen in eine geplante Halloween-Show. Das zieht den Abend erheblich in die Länge. Und ist nicht immer wirklich komisch. Walter beispielsweise bekommt eine Frankenstein-Glatze übergestülpt und muss sich als „cross between Hilary Clinton and the Hulk“ über Halloween und Gruselfilme auslassen.

Auch Bubba J., die zweite Figur des Abends, erzählt von seinem Auftritt in der Halloween-Show. Bubba ist ein kleiner, dummer, erzkonservativer Redneck mit vorstehenden Zähnen, der zumindest am Berliner Bier Gefallen findet: „Ist wie bei uns in Amerika, nur mit Geschmack.“ Viele Gags sind schlicht, pubertär und vorzugsweise unter der Gürtellinie angesiedelt, Jeff Dunham setzt gezielt Geschmacklosigkeiten ein, die freilich aus dem Mund seiner putzigen Puppen kommen und von ihm schnell wieder relativiert werden.

„Silence! I kill you!“

Nach der Pause erscheint endlich unter Getöse der Star des Abends, der skelettierte Suicide Bomber Achmed. Und schwärmt von seiner Schlankheitskur: „Bumm! 200 Pfund runter in nur 0,2 Sekunden“. Doch auch er muss sich schon auf Halloween vorbereiten. Er bekommt eine blonde Perücke übergestülpt und geht als „blonde bombshell“. Der ganze Saal grölt im Chor „Silence! I kill you!“ Doch nein, es geht weiter mit Peanut, einer strubbeligen bunten Fantasiefigur mit großem Maul und stierem Blick. Offenbar Dunhams Liebling, dem er viel Zeit einräumt und zusätzlich auch noch José Jalapeño zur Seite stellt, eine sprechende Chilischote am Stil.

Jeff Dunham wirkt wie der nette Typ von nebenan, der sich wie ein Kind freut über die oft grobschlächtigen Kalauer und Zoten seiner kleinen Bühnenfamilie. Und sein Publikum steht ihm ebenso freudig zur Seite. Die Figuren sind großartig, seine Bauchrednerkunst stupend und famos. Damit ist er zu einem der drei bestverdienendsten Comedians der USA geworden (hinter Jerry Seinfeld und Chris Rock). Aber vielleicht sollte er sich doch einmal nach Gagschreibern umsehen, die die Trefferquote in solch einer mit drei Stunden doch sehr langen Show noch etwas erhöhen.