C-Halle

Die Stranglers sind immer noch "Nice n' Sleazy"

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Peter E. Müller

Foto: AFP

Als Punk die Endsiebziger regierte, wurden auch die Stranglers vereinnahmt – obwohl sie nie dazu gehörten. Jetzt spielte die Band in Berlin.

Sie waren die Außenseiter im Zirkus der Unangepassten. Sie wirkten bedrohlich, gefährlich und unberechenbar. Als der Punk im London der Endsiebzigerjahre rüpelig die Regentschaft übernommen hatte, tauchten die Stranglers auf der Bildfläche auf. Sie spielten eine finstere, wuchtige, ruhelose Rockmusik, in der der Bass zum treibenden Element erhoben wurde. Sie hatten einen Organisten, was damals ziemlich uncool war. Sie hatten einen Drummer, der zuvor in Dixieland-Bands getrommelt hatte. Und einen Gitarristen, dem Captain Beefheart näher war als drei schnöde geschrammelte Akkorde.

Ihre ersten beiden Alben „Rattus Norwegicus“ und „No More Heroes“, beide 1977 erschienen, gelten als Meilensteine des Punkrocks, obwohl die Stranglers nie Punks waren. Dafür waren sie schon damals einfach zu gute Musiker. Sie haben durchgehalten. Nun stehen die Stranglers 35 Jahre später auf der Bühne der ausverkaufen C-Halle und eröffnen mit dem Klassiker „Burning Up Time“ vom „No More Heroes“-Album ein aufwühlendes Konzert, das die gereiften Musiker in Bestform zeigt. Die Luft ist zum Schneiden dick, das mit der Band gealterte Publikum kommt nach anfänglicher Reserviertheit bald in Bewegung. Da donnert eine geballte Ladung Musikgeschichte von der Bühne.

Freilich sind nur zwei der Originalmitglieder dabei: Sänger und Bassist Jean-Jacques Burnel und Keyboarder Dave Greenfield, die beiden, die den Sound der Stranglers auf so nachhaltige Weise prägen. Gründungsmitglied Jet Black kam im vergangenen Monat kurz vor einem Auftritt nach einem Schwächeanfall ins Krankenhaus. Das inzwischen 73-jährige Gründungsmitglied wird nun bis zu seiner Genesung von Ian Barnard, Jet Blacks langjährigem Drum-Techniker, vertreten. Sänger und Gitarrist Hugh Cornwell, der mit Burnel das Songwriter-Team der Band gebildet hatte, verließ die Band bereits 1990 während eines Karrieretiefs, und startete eine Solokarriere. Seit zwölf Jahren komplettiert Gitarrist und Sänger Baz Warne (Ex-Toy-Dolls) das legendäre Quartett.

Und mit ihm haben sich die Stranglers wieder gefestigt. Gerade ist das neue, mittlerweile 17. Album „Giants“ erschienen, das man durchaus als solides Alterswerk bezeichnen kann, mit allen Zutaten, die den Stranglers-Sound über die Jahre ausmachten. Sie waren lange Zeit eine unterbewertete Band, die sich stilistisch nie wirklich einordnen ließ. Reminiszenzen an die Doors sind natürlich in der Frühphase unverkennbar. Mit ihrem dritten und besten Album „Black and White“ (1978) haben sie den Post-Punk und Dark-Wave von Bands wie Joy Division vorweggenommen. Es finden sich später Prog-Rock-Elemente ebenso wie psychedelische Abschweifungen, aber stets im kompakten Selten-länger-als-drei-Minuten-Format.

Auf der Bühne fällt kaum ein Wort, dafür werden die Stücke nahezu pausenlos aneinander gereiht. „Sometimes“ vom allerersten Album und „Lowlands“ vom neuesten. Der Klang ist laut und brillant, die Songauswahl bedient sich an mehr als drei Jahrzenten Stranglers. Wütende, beunruhigende Ausbrüche sind darunter, entstanden in Zeiten, in denen die Stranglers durch Drogen, Prügeleien und Gefängnisaufenthalte von sich reden machten. Sie suchten die Konfrontation, nicht nur mit ihrer oft als brutal aufgenommenen Musik, sondern auch in ihrem grobschlächtigen Lebenswandel.

Die neuen Stücke werden dankbar aufgenommen, doch natürlich wartet man auf die Hits. Und die kommen. Mit dem Album „La Folie“ folgte 1981 ein Sinneswandel zu einem sanfteren, ausgereiften Pop-Techtelmechtel, das den Stranglers weltweiten Ruhm einbrachte und Fans der härteren Gangart zunächst vergrätzte. Als Dave Greenfield im Cembalo-Sound „Golden Brown“ anspielt, jubelt die ganze Halle. Hier spielen die Stranglers mit unterschiedlichen Takten (ein Dreivierteltakt wechselt zum Viervierteltakt) und poppigen Tonfolgen von geradezu anbiedernder Leichtigkeit. Es war die erfolgreichste Single der Stranglers und ihr erster Hit in Deutschland. Das folgende „Always The Sun“ schlägt in die gleiche Kerbe, bevor „Walk On By“, der Dionne-Warwick-Hit von Easy-Listening-König Burt Bacharach wieder in härterer Gangart interpretiert wird.

Es ist keinesfalls ein staubiger, musealer Abend. Aber ein wenig nostalgisch wird es schon, wenn gestandene Männer den Aufruhr ihrer Jugend im Rampenlicht nachspielen. Macht aber nichts. Außer Spaß. Man sieht es an den Gesichtern, die mit leuchtenden Augen Richtung Bühne blicken und Menschen, die ihrer Erinnerung in spontanen Luftsprüngen Ausdruck verleihen. Den Zugabenblock eröffnen die Stranglers mit einem ihrer Meisterstücke: dem pulsierenden, kantigen „Nice N‘ Sleazy“ von 1978. Sogar ihre Kinks-Coverversion „All Day And All Of The Night“ schicken sie noch hinterher. Eine gestandene Live-Band. Respekt.