Berlin-Konzert

Udo Jürgens ist die perfekte Unterhaltungsmaschine

Nach seiner Absage hat Udo Jürgens sein Konzert in der O2 World nachgeholt. Der 77-Jährige präsentierte sich in Bestform - inklusive Zugabe im Bademantel.

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Eine erhabene Erwartungshaltung mittel-aufgeregter Natur beherrscht die komplett bestuhlte O2 World in Berlin-Friedrichshain. Sie wolle ja nicht, dass sich der Herr verlaufe, sagt die freundliche Dame zu dem Mann, der seinen Platz nicht finden kann. Das tatsächliche „Kommen Sie, ich bring Sie hin“ könnte nur noch durch ein An-die-Hand-nehmen übertroffen werden. So weit geht die Anweiserin aber dann doch nicht. Sie wahrt lächelnd professionelle Distanz. „Und da sindse doch schon. Allet schick, oder?“

Durch den blauen Vorhang plinkern die ersten Klavierakkorde. Udo macht wohl noch ein paar Fingerübungen. Herren zupfen sich die Krawatte zurecht. Die Tonleiter rauf und runter landet der Pianist schließlich bei den Tönen von „Aber bitte mit Sahne“. Vereinzelt klatschen die ersten Hände aufeinander. Die Töne verebben in der sanften Rhythmus-Brandung. Mit „Nur noch drei Minuten“ beginnt Udo Jürgens sein Nachholkonzert, noch immer von hinter dem Vorhang. Scheinwerferlicht wirft seine Silhouette auf die Textur.

77 Jahre Leben tanzen im nächsten Moment über die Bühne, leichtfüßig, trittsicher. Die derzeit umgehende Volksangst, Ulrich Wickerts späte Kindsfreuden seien von Nachtteil für die Zwillinge, sind hiermit widerlegt. Wenn Jungspund Wickert (69) auch in acht Jahren noch so grooven kann, sollte man sich um die Kleinen keine Sorgen machen.

Die Entfernung ebnet alle Tiefen. Nur auf dem Riesen-Bildschirm, dem Bühnenhintergrund, kann man die Falten in Jürgens Gesicht erkennen. Seine Stimme ist warm, sehr kräftig. Die Vibrato-Passagen schmettert der Entertainer kraftvoll wie eh und je.

Nachdem der Tourauftakt wegen einer Grippe verschoben werden musste - Jürgens konnte nicht mehr singen - scheinen die meisten sehr dankbar, ihn so fidel anzutreffen. Er sieht - keine Übertreibung - umwerfend aus. So umwerfend, dass Frauen Anfang dreißig in Plastik eingepackte Rosen zur Bühne tragen.

Mit weltmännischer Lässigkeit hält er die linke Hand in der Anzughose versteckt, das rote Einstecktuch funkelt wie junges Blut auf seiner linken Brust. Nur auf die Krawatte verzichtet der sonst tadellos bezwirnte. Dann hat er den Arm voll Blumen und bringt sie zum Flügel.

Udo Jürgens ist kein Schlagergreis, den sie auf die Bühne tragen müssen. Jürgens ist die Unterhaltungsmaschine, die so urcool ihr Programm abspielt, dass selbst seine gestandene Bigband, das fast zwanzigköpfige Pepe Lienhard Orchester, das schon mit Sinatra und Sammy Davis jr. spielte, eben nur Begleitung sein kann. Da kann Jürgens noch so häufig die Solisten und überhaupt das ganze Ensemble loben. Es ist einfach so großartig, wenn er die die Offbeat-Bläser mit vor und zurück schießenden Pistolenhänden unterstützt.

Väterlich klopft er dem Saxofonisten nach einem gelungenen Vorspiel im Rampenlicht auf die Schulter und schaut den jungen Kerl dabei wirklich nett an. Und bei der Geigerin erst, einer Dame, die in der Klassik schon ganz groß sein soll, wie Jürgens betont, der blickt er nach dem famos traurigen Spiel in „Glut und Eis“ so stolz in die Augen, man meint eine Träne über sein Gesicht gleiten zu sehen.

Als der Sänger 1934 im österreichischen Klagenfurt geboren wird, ist die Welt noch nicht mit einem Klick erreichbar und durch Streetview zu entdecken. Auch vierzig Jahre später ist New York noch ganz weit weg. Fernweh befriedigt man bei griechischem Wein in der Vorstadt-Taverne. Jürgens weiß um die Sehnsüchte der Hörer. Zusammen mit seinem Texter Michael Kunze gelingen ihm zwei seiner größten Hits, die auf keinem Stadtfest fehlen dürfen, weil sie jeden auf die große, weite Reise mitnehmen.

Auf dem 2011 erschienen Album „Der ganz normale Wahnsinn“ schwingt die Stimme eines Zweiflers mit. Das ist einer in einer Welt, in der die „Kurse fallen, Meere steigen“, wie er es im gleichnamigen Stück feststellen muss. Eine beinhart schneidende E-Gitarre treibt den Song voran, ein lyrisch unterhaltsames Pessimisten-Stücken à la Tom Lehrer oder Georg Kreisler. Aber im Jahr 2012 geht’s um falschen Käse, Waffen, nackte Deppen in Containern und nicht um vergiftete Tauben.

Jetzt mal ehrlich, Udos Fans kommen nur langsam in Fahrt. Vor der Dame mit dem grauen Prinz-Eisenherz-Schnitt wippt einer mit dem Kopf mit, und die hat nichts Besseres zu tun, als den anzutippen und zu keifen. „Haltense ma' still, ich seh’ ja gar nichts mehr!“

Nach zwei Stunden, zwanzig Minuten, Pause eingerechnet, in der sich die Herren auf den Toiletten sogar mehrfach mit Parfüm einsprühen, rettet dann die Berliner Frühlingsrevolution den Abend. Auf einmal rennen Hunderte Menschen mit Rosen in den Armen durch die Stuhlreihen. Weiße eng anliegende Hosen sausen auf hohen Schuhen vorbei. Polyesterhemden, Steppwesten und Hosenanzüge verschwimmen zu einem kraftvollen Strom. Die Rennenden reißen sogar vereinzelt Sitzende mit nach vorne.

Der Umsturz bleibt trotzdem friedlich. Die Sicherheitskräfte schreiten nicht ein. Ausgelassen schwenken die Flower-Guerillas ihre Sieges-Insignien: Feuerzeuge und Blumen. Der Musiker bedankt sich, und eine der im Gang stehen geblieben Damen drückt das Udo-Jürgens-Magazin noch fester an ihr graues Jeans-Oberteil, den Triumph sichtlich genießend.

Die unter irrem Beifall eingeleitete Zugabe begeht Jürgens natürlich im weißen Bademantel. Am Merchandise-Stand kann man das Modell „Udo“ sogar für 79 Euro erwerben. Mit der linken Hand spielt er auf dem Flügel, mit der rechten winkt und swingt er nur noch. Als Udo seinen 75. Geburtstag feierte, ward er dreimal 25, singt er. Jetzt stehen wirklich alle und schunkeln in „Griechischer Wein“ hinein. Und dann heißt es nach fast drei Stunden „Vielen Dank für die Blumen“.