"Hart aber fair"

Positiv denken – und nicht zu viele Kinder gebären

Über vermeintliche Ausbeutung und Dumping-Löhne sprach Frank Plasberg mit Sahra Wagenknecht und Patrick Döring – und ein Selfmade-Millionär gab Geringverdienern dabei Tipps zur Familienplanung.

Foto: WDR/Oliver Ziebe / WDR/Oliver Ziebe/WDR Presse und Information/Bildk

Armut hat viele Facetten. Und womöglich noch mehr Ursachen – politische, wirtschaftliche, soziale, psychologische, medizinische. Frank Plasberg tat daher gut daran, seine Fragestellung auf die ersten beiden Themenbereiche zu fokussieren: „Wenn Arbeit arm macht – kann Deutschland gerechter werden?“

Doch dieses Mal stand, eigentlich ungewöhnlich für die Show, eine E-Mail ganz am Anfang. Der Schweizer Unternehmer Ivar Niederberger hatte sie an die Redaktion geschrieben, nachdem seine Teilnahme an einer vorherigen Sendung offensichtlich nicht zustande gekommen war.

„danke für die fast einladung“ stand da und noch ein, zwei weitere Sätze, die nett gemeint waren, aber mit korrektem Schriftdeutsch so gar nichts zu tun hatten.

Die Stille im Saal, die auf die Einblendung dieser Mail folgte, war bedrückend, die Spannung greifbar. Für wenige Sekunden stand im Raum, Plasberg habe einen seiner Gäste, die von ihm ja gerne mit Fehltritten, markigen Slogans oder widersprüchlichen Aussagen aus ihrer Vergangenheit konfrontiert werden, auf bisher nicht gekannte Weise bloßstellen wollen.

Doch natürlich kam es anders, denn Niederberger ist Legastheniker, leidet außerdem am Tourette-Syndrom, und hat es dennoch geschafft, mit einem Textilunternehmen zum Millionär zu werden und ein Buch über die Chancen des gesellschaftlichen Aufstiegs zu verfassen. „Ich sehe es als meine Aufgabe, andere zu motivieren“, sagte er.

Missionarischer Eifer des Millionärs

Nun ist es aber mit Niederberger, dieser Vergleich sei gestattet, im Großen, wie es mit einem ehemaligen Kettenraucher, der den Glimmstengeln für immer erfolgreich entsagt hat, im Kleinen ist: Hut ab vor seinem Erfolg und seiner Willenskraft. Und gleichzeitig auf der Hut sein vor dem missionarischen Eifer, in den sich letzterer auf dem Gipfel gerne verwandelt.

Denn außer der gebetsmühlenartig wiederholten Phrase, man müsse positiv denken und sich aus einem negativen Umfeld befreien, brachte Niederberger wenig Substanzielles in das Gespräch ein – außer dem Vorwurf an Geringverdienende, sie sollten sich doch lieber ausrechnen, wie viele Kinder sie ernähren könnten, bevor sie sie in die Welt setzten.

„Ich habe ja nur ein Kind“, erwiderte Susanne Quinting, die zehn Jahre lang als Servicekraft für 8 Euro die Stunde im Krankenhaus jobbte. „Gott sei Dank, oder?“, gab Niederberger zurück. „Ich hätte gerne noch mehr gehabt“, entgegnete Quinting bemerkenswert gelassen auf diese Unverschämtheit.

Diese beiden waren die natürlichen Antipoden der Runde, die ihre Standpunkte am wesentlichsten mit der eigenen Lebenserfahrung untermauern konnten.

Wagenknecht und Döring als Gegenpole

Am anderen Ende des Tisches saßen mit Sahra Wagenknecht von der Linken und dem designierten FDP-Generalsekretär Patrick Döring zwei Politiker, deren Berufsstand in solch einer Konstellation gewöhnlich die Aufgabe zufällt, Behauptungen zu widerlegen, zu differenzieren, abzuschmettern oder mit „Ja, aber“-Sätzen ins Endlose zu zerreden.

An den Gästen lag es letztlich nicht, auch nicht an ihren Argumenten, dass sich kaum Bewegung in die festgefahrene Debatte bringen ließ – eher schon daran, dass die Auswahl der Runde in der Hoffnung auf möglichst hoch und weit fliegende Fetzen getroffen wurde.

Oder aufgrund der Vermutung, zwischen Linker und FDP und zwischen Millionär und Arbeitslosem könnte das gesamte ordnungspolitische wie lebensweltliche Spektrum der Argumentation aufgefächert werden.

Das freilich gelingt den wenigsten Talksendungen. Und so stritt Niederberger für Eigeninitiative, Quinting auch, aber verbunden mit besseren Löhnen, Sahra Wagenknecht wollte die Einführung des Mindestlohns, und Patrick Döring fand es ganz wunderbar, dass momentan „41 Millionen Deutsche, so viele wie zuletzt vor 20 Jahren“, in Arbeitsverhältnissen stünden.

Leiharbeit, Zeitarbeit und das damit verbundene Lohn-Dumping? Müsse man unbedingt strenger regulieren, fand Wagenknecht. Da gebe es doch jetzt einen Mindestlohn, erinnerte Döring, und überhaupt seien diese Instrumente im Wesentlichen nicht zur Lohndrückung, sondern zur Flexibilisierung da, ohne die man nie auf 41 Millionen... und so weiter.

Frühkindliche Bildung als Schlüssel zum Erfolg

Es war nicht unbedingt oberflächlich, was da gesagt wurde, das Gespräch hatte durchaus Tempo und Inhalt, aber es fehlten die Überraschungen.

Auch von Uschi Glas, die mit sympathischer Beharrlichkeit jede Chance nutzte, die Diskussion auf die massiven Defizite in der frühkindlichen Bildung und Betreuung zu lenken. „Die Investitionen in ein Kleinkind nützen enorm, die in einen 14-Jährigen fast nichts mehr“, zitierte sie den Ökonomie-Nobelpreisträger James Heckman.

Nicht, dass diese Bemerkungen fehl am Platze gewesen wären – aber ein wenig schien es, als spräche jeder der Beteiligten in seiner eigenen Welt so vor sich hin. Plasberg, so könnte man überspitzt formulieren, hatte keine Gäste eingeladen, sondern Funktionsträger, die freiwillig die ihnen zugedachte Rolle übernahmen. Das ist, wenn die Runde ein bestimmtes argumentatives Niveau erreicht, nicht das Schlechteste für eine Talkshow.

Aber die gesellschaftliche Diskussion über das Thema bringt es nicht weiter. Ein womöglich arg hoher Anspruch an ein solches Format, sicher, aber wie Journalismus tatsächlich wirken kann, bewies im Einzelgespräch Reinhard Schädler, der sich für eine Reportage undercover bei einem sogenannten „Service-Partner“ der DHL geradezu ausbeuten ließ.

Den Vertrag mit diesem Dienstleister hat die Post nach der zweiten Ausstrahlung mittlerweile gekündigt.