Klaus Dinger

Der sanfte Pionier des Elektropop

Er spielte mit Kraftwerk, gründete Neu! und La Düsseldorf. Stars wie David Bowie und die Red Hot Chili Peppers verehren ihn. Wer also war Klaus Dinger?

Foto: Roni Rekomaa/LEHTIKUVA

"Klaus war ein tobendes Meer, ein treibender Puls, ein unbeugsamer Pionier mit einem sanften fühlenden Herzen.“ Wenn Herbert Grönemeyer so große Worte von sich gibt, dann muss das Objekt seiner Beschreibung ihm schon sehr viel wert sein. Für den 2008 verstorbenen Musiker Klaus Dinger hat der Bochumer Grönemeyer diese Zeilen verfasst. Sie zieren das Vorort eines aufwendigen Bildbandes, der das Leben und Wirken des Düsseldorfer Freundes dokumentiert.

Am nächsten Samstag wäre Dinger 66 Jahre alt geworden. Just an diesem Tag eröffnet eine ihm gewidmete Ausstellung in der Düsseldorfer Galerie Slowboy . Gleichzeitig erscheint an diesem Tag ein Buch, das geziert wird von jenem Spruch, den Dinger immer gerne als künstlerische Standortbestimmung gebrauchte: "Ihr könnt mich mal am Arsch lecken.“

4,50 Mark Eintritt für ein Konzert

Dinger war ein Pionier der elektronischen Musik. Manche nennen ihn gar eine Legende. Er hat als Schlagzeuger die ersten Auftritte mit Kraftwerk absolviert. Davon zeugen im Buch Bilder von Konzertplakaten. Vom 14. Juli 1971 datiert eines, das dieser Tage vor allem durch den Eintrittspreis auffällt. Gerade mal 4,50 Mark wollten die Musiker damals von ihren Zuschauern. Die guten alten Zeiten.

Doch das Buch dokumentiert noch mehr. Am eindrucksvollsten wirkt ein Schwarz-Weiß-Bild, das den ganz kleinen Klaus als Indianerhäuptling zeigt. Man darf diese frühkindliche Verkleidung durchaus als Prägung für sein weiteres Leben begreifen. "Er hat sich immer als Stadtindianer empfunden“, sagt Miki Yui.

Die japanische Künstlerin war Dingers Lebenspartnerin in den letzten Jahren, sie hat sein Wirken begleitet, hat miterlebt, wie er neue Lieder aufnahm, wie er sprühte vor verrückten Ideen, vor Lebenslust. Bis zu jenem unseligen Karfreitag vor vier Jahren.

"Er ging zu Bett und wachte nicht mehr auf"

Am Vortag hatte er sich noch einen neuen Gitarrenverstärker gekauft und in sein Studio im holländischen Zeeland geschleppt. Das hatte er 1979 erworben, lange umgebaut und zu einem künstlerischen Refugium entwickelt. Die Aufnahmen zu einer neuen Platte standen kurz vor dem Abschluss. "Japandorf“ sollte sie heißen, weil Dinger zu der Zeit vorwiegend mit japanischen Musikern zusammenarbeitete.

Er war aufgeregt, er schlief kaum. Weil seine Füße wehtaten, bereitete Miki Yui ihm ein warmes Fußbad. Dinger genoss es, ging zu Bett und wachte nicht mehr auf. Herzversagen lautete die finale Diagnose. "Er war total entspannt, als ob er schliefe“, erzählt seine Partnerin, die nun ihm zu Ehren Buch und Ausstellung konzipiert hat.

Auf einem Foto ist Dinger mit kräftig wucherndem Bart und Gitarre zu sehen. Einen Monat vor seinem Tod ist es entstanden. Auch ein Text, den er kurz vorher aufgeschrieben hat, ist abgebildet. Das Lied heißt "Carnival Carnival“ und fordert auf Dingers skurril-naive Art eine Art Friedenspakt zwischen traditionell verfeindeten Lagern. "Kölle, Kölle, Kölle Helau. Düsseldorf Alaaf“, heißt es da. "Das machte total Sinn, weil er ja Düsseldorfer ist. Für ihn war das eine Art Freundschaftslied“, sagt Yui, die auch weiter am Erbe ihres Partners arbeiten will. Bald schon soll "Japandorf" doch noch erscheinen, als musikalisches Vermächtnis quasi. "Ich bin dabei, das zu realisieren“, sagt sie.

Streitigkeiten mit Bruder und Bandkollegen

Bis es so weit ist, müssen sich die Fans begnügen mit dem, was Buch und Ausstellung präsentieren. Zur Schar der Anhänger zählt nicht nur Grönemeyer, auch Musiker wie David Bowie und die Red Hot Chili Peppers führen Dingers Klänge in der Liste ihrer Inspirationen. Sollten sie zufällig zur Ausstellung kommen, würden sie nicht nur Bilder sehen, sondern auch Kleidungsstücke. Dingers Overall, in dem er oft durch Düsseldorf zog und den Namen "La Düsseldorf“ auf Wände und das Pflaster sprühte, wird ebenso ausgestellt wie eine Richterrobe, die er zu Zeiten von La Düsseldorf trug.

Dokumentiert werden natürlich auch die unseligen Auseinandersetzungen, die auf die Aktivitäten seiner Band Neu! folgten. Streitigkeiten mit seinem Bruder Thomas oder seinem Mitmusiker Michael Rother bestimmten lange die Tagesordnung. Gezeigt werden Gerichtsbeschlüsse, vom Landgericht Düsseldorf, vom Bundesgerichtshof.

Es ging um Rechte an den damaligen Aufnahmen, um die Frage, wer was veröffentlichen darf. Sie machen deutlich, dass Dinger kein Mann der schnellen Kompromisse war. Er verstand sich immer als Künstler, und als solcher lag ihm viel daran, die Zügel in der Hand zu halten.

"Er wollte nicht, dass jemand dazwischen redet“

"Er hat alles selbst gemacht und wollte nicht, dass jemand dazwischen redet“, erinnert sich Yui an die Phase, als er Mitte der Neunziger unter dem Namen La Neu eine Symbiose seiner Erfolgskonzepte versuchte und sich zunehmend nach Japan orientierte, wo er große Erfolge feierte, während er in seiner Heimat lange als fast vergessen galt.

Das änderte sich, als sich um die Jahrtausendwende Herbert Grönemeyer der Werke von Neu! annahm und mit seiner Plattenfirma Grönland Records die Frühwerke der elektronischen Popmusik ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit rückte. Im Buch und in der Ausstellung sind zudem Werke berühmter Fotografen wie Anton Corbijn, Dieter Eikelpoth und Peter Lindbergh zu sehen.

Die Rückschau zeigt vor allem, wie wechselhaft Dingers Karriere verlief. Anfangs spielte er in einer Formation, die sich The Smash nannte und als eine Art rheinischer Black-Sabbath-Kopie gedacht war. Später versuchte er sich als Produzent der Düsseldorfer Band Lilac Angels. Er arbeitete mit viel Liebe zum Detail und großem Aufwand für die nicht nur regional hoch geschätzten Musiker. Doch am Ende wurde er die Aufnahmen nicht zu einem angemessenen Preis los. "Da ist er auf die Nase gefallen“, sagt Yui.

"Lick my Ass if you can“

Auf die Nase gefallen ist er danach noch öfter, was daran gelegen haben mag, dass Dinger immer alles wollte. Alles oder nichts. "Lick my Ass if you can“, lautete sein Leitmotto in der englischen Version. "Das war immer sein Spruch“, sagt Yui, die ihrem Partner vor allem durch den Abdruck eines sehr ausführlichen Interviews eine Art Denkmal gesetzt hat. In dem erzählt Dinger nicht alles, aber doch so viel, dass selbst für Kenner noch das eine oder andere Detail zu entdecken bleibt.

"Er war nachdenklich, sorgsam zuhörend und dann auch wieder wütend, wild aufbrechend und vorwärtstreibend“, erinnert sich Grönemeyer und beschreibt das Widersprüchliche auch im Detail. "Er stellte alles infrage, liebte die Wucht, verausgabte sich und konnte genauso – wenn ich auf ihn traf – eine herzliche Ruhe und eine leidenschaftliche Freundschaft entstehen lassen.“ Und dann wird der manchmal eher ruppig erscheinende Grönemeyer ganz, ganz zärtlich. "An ihn zu denken, sich an sein Leuchten zu erinnern, tut gut und wärmt.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.