Komödie

Per Handyklingeln zum Star – oder zum Niemand

Für ein bisschen Ruhm würden manche Menschen alles geben. Doch die Verfilmung von Daniel Kehlmanns Bestseller "Ruhm" zeigt, dass Rampenlicht für einige Zeitgenossen ein rechter Albtraum ist.

Ein Handy in einem Buch unterscheidet sich vom selben Handy im gleichnamigen Film vor allem darin, dass man sein Klingeln nicht hört. Das ist ein nicht zu unterschätzender Unterschied insbesondere dann, wenn sich Film und Buch vor allem um moderne Massenkommunikation drehen und die Möglichkeiten sich mit ihr neu zu erfinden, sich in ihr zu verlieren, mit ihr verloren zu gehen.

In „Ruhm“, Daniel Kehlmanns „Roman in neun Geschichten“, klingelt auf vier Seiten gefühlt öfter ein mobiles Telefon als während vier Minuten Zugfahrt in einem Großraumwagen. Was dazu führt, dass einem „Ruhm“, Isabel Kleefelds Film in sechs Kehlmannschen Geschichten, schon nach besagten vier Minuten beginnt, an die Nerven zu gehen – was wiederum auch daran liegen mag, dass es immer derselbe Standard-Klingelton des immer selben (und immer wieder sichtbaren) finnischen Handyherstellers ist, den man hört.

Kehlmann lobt die Verfilmung seines Buches

Dass Kehlmanns fantastisches Gebilde sich ineinander spiegelnder, sich überkreuzender Geschichten, dieses Panoptikum vom Identitätswechsel fantasierender oder in Identitätswechsel geworfener Figuren verfilmt werden musste, war eigentlich nicht aufzuhalten.

Nach dem Welterfolg der „Vermessung der Welt“ (die inzwischen auch schon abgedreht ist) und dem anschließenden nicht mehr ganz so weltweiten, aber doch enormen Erfolg von „Ruhm“. „Ruhm – der Film“ ist ein Musterbeispiel des so genannten Franchise-Kinos – die Verlängerung der Verwertungskette von der Buchhandels- an die Kinokasse. Dass Kehlmann selbst im Film eine Rede auf seine eigentliche Hauptfigur, den Schriftsteller und Kehlmann-Replikant Leo Richter, hält, macht die Sache nur noch offensichtlicher, dass er nicht müde wird, den Film zu loben, noch peinlicher.

Was Kehlmann da dann so von sich gibt, klingt nämlich, hat man „Ruhm“ erst einmal gesehen, wie das Lob eines Mittelstrecklers, der seinen einzigen und vor Ehrfurcht schon am Start erstarrten Gegner im Ziel mehrmals überrundet, geradezu gedemütigt hat und nun alles tut, dass der seine Spikes oder sein Leben nicht gleich an den Nagel hängt, könnte ja sein, dass er ihn nochmal braucht, den Gegner. „Ruhm – der Film“ ist ein hochkarätiges Missverständnis.

Seine Romane leben vom magischen Erzählen

Kehlmanns Roman hat – wie die meisten seiner Bücher, die „Vermessung“ beinahe ausgenommen – mit Realismus nichts zu tun, verdankt sich einem magischen, verzaubernden, postmodernen Erzählen. Es ist ein manchmal vertracktes, manchmal allzu offensichtliches ernstes Spiel, eine Geisterbahnfahrt vorbei an verwischenden Existenzen.

Den Menschen, sagen wir vorerst besser: Dem Personal Kehlmanns öffnet sich in ihren brav nacheinander erzählten Geschichten mit dem klanglosen Klingelton die Tür in eine mögliche andere, neue Existenz, öffnet sich ein Fantasieraum, den sie zögernd, nicht selten mit dem Telefon in der rechten Hand am Ohr betreten, horchend, stolpernd redend, und in dem sie jemand anderer sein können, als sie eigentlich sind.

Da bekommt zum Beispiel ein Ingenieur ( Justus von Dohnanyi ) auf seinem ersten Handy wegen einer rätselhaften Doppelvergabe der Nummer ständig genau die Anrufe, die ein nicht nur in Deutschland weltberühmter Schauspieler namens Ralf Tanner nun nicht mehr bekommt. Was der Star an Welt verliert, wächst dem Biedermann zu.

"Ruhm" ist eine Plattitüden-Parade

Da erlischt mit dem Akku ihres Handys das bisherige Leben der Krimischriftstellerin Maria Rubinstein in der erschütternd öden, postsozialistischen Weite einer mongolischen Ex-Sowjetrepublik. Da probt die Lieblingsfigur des Dichters Leo Richter, die krebstotgeweihte Rosalie, in einem Schweizer Sterbezimmer den Aufstand gegen den Erzähler ihres Lebens und damit Erfinder ihres Leidens.

Da fährt der berühmte Dichter von Goethe-Institut zu Goethe-Institut und bekommt von der Welt außerhalb seiner Geschichten und seines Betriebs nichts mehr mit, schon gar nicht von seiner Geliebten, um die er immer wieder seine Geschichten strickt, wovon sie, die für Ärzte ohne Grenzen arbeitet, aber so was von genug hat.

Es ist nicht besonders schwer, „Ruhm“ als exakt jene Plattitüden-Parade nachzuerzählen, in die sich die Geschichten – vielleicht zwangsläufig, vielleicht kann Isabel Kleefeld gar nichts dafür – verwandeln, wenn man sie aus dem vermeintlichen blassen Reich des Bleisatzes in die vermeintlich befreite Farbigkeit der Leinwand zerrt.

Der Film ist mutlos

Es ist ja nicht so, dass Isabel Kleefeld sich kampflos in die Niederlage im Mittelstreckenlauf gegen die Literatur ergibt, sie will ja mithalten, sie will ja gestalten, sie treibt einen gewissen Aufwand in der dramaturgischen Verschachtelung der Episoden, sie hat sich augenscheinlich aller Schauspielstars versichert, die gerade noch zu casten waren.

Und ein paar Mal – mit Senta Berger als Rosalie, mit Gabriela Maria Schmeide als Maria Rubinstein – geht das auch sehr gut, gewinnen die Figuren tatsächlich Tiefe. Trotzdem schleppt sich „Ruhm – der Film“ seltsam mutlos über die Runden. Weil Isabel Kleefeld so richtig keine Idee für Kehlmanns Halbfantasien entwickelt hat und ihre Geschichten am literarischen Franchise-Geber Kehlmann hängen wie Mücken im Sommer am Klebeband.

Weil einen komischerweise ein allzu offensichtliches literarisches Symbolnetz viel weniger langweilt und auf die Nerven geht als ein allzu offensichtliches optisches. Weil die Bilder das Übelste, Oberflächlichste dieses Textes hervorkramen und ausstellen und der weltberühmte Ralf Tanner dann eben doch bloß aussieht wie Heino Ferch. Und weil das Handy dauernd klingelt, das gottverdammte Handy.