Deutschrock

Silbermond glauben noch, dass das Gute gewinnt

Gegen den ewigen Geist, der immer verneint: Aus Bautzen und Berlin mahnt die Band Silbermond auf ihrem neuen Album "Himmel auf" mehr Zuversicht an. Mit Pragmatismus geht alles leichter.

Angela Merkel stand hier im Labor, im Zentralinstitut für physikalische Chemie, bevor sie 1989 in die Politik eintrat. Heute sitzen die Musiker von Silbermond in Adlershof an ihren Liedern. Zwischen Fernsehstudios und Forschungszentren haben sie sich eingerichtet. Sie firmen unter "Jast" als GbR, eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Jast hieß die Band vor Silbermond, gebildet aus den Initialen ihrer Vornamen, Johannes, Andreas, Stefanie, Thomas. "Krass, die Kanzlerin", sagt Thomas Stolle. Hat keiner gewusst von ihnen, dass Angela Merkel um die Ecke früher Katalysatoren untersuchte, um natürliche Prozesse zu beschleunigen.

Das neue Album trägt den Titel "Himmel auf" . Es ist in Adlershof entstanden, in den Arbeitsräumen, die alles beherbergen, was man zum Aufnehmen und Fertigen benötigt. Seit der letzten Platte "Nichts passiert" besitzen die vier Musiker, marxistisch ausgedrückt, die Produktionsmittel. Sie arbeiten und leben in Berlin; in Bautzen, im Südosten Deutschlands, wurden sie geboren.

Ratlos neben dem Mischpult

"Wir sind Bautzener", sagt Stefanie Kloß, die Sängerin. Sechs Jahre war sie, als die DDR verschwand. Erinnern könne sie sich kaum, außer an den gemäßigten Verkehr und daran, dass die Eltern ihre Kinder unbekümmert auf die Straße schickten. Thomas Stolle sagt: "Man wird von seinen Umständen geprägt. Aber wären wir Andere, wenn wir aus Köln stammten oder aus Kiel?" Man weiß es nicht.

Dass man wieder verstärkt über den Osten redet, schreibt und nachdenkt, wenn auch milder seit Angela Merkel und Joachim Gauck, ist auch den Silbermonden nicht entgangen. Sie betrachten sich als deutsche Band und sitzen ratlos in den Sesseln neben ihrem Mischpult. Irritiert verfolgen sie, wie sie sich in der öffentlichen Wahrnehmung in eine Ostband zu verwandeln scheinen. Dabei meinen es die Deutschen heute gut damit.

Als die Musikmärkte vereinigt wurden, bildete sich ein Begriff für die Musik der neuen Bundesländer: Ostrock. Er gefiel sogar dem Ostrock selbst, der wehmütige Festivals organisierte. Wer schon in der DDR gerockt hatte, durfte mit seiner alten Band auftreten oder mit dem Babelsberger Filmorchester. Aber wo fängt Ostrock an, wo hört er auf? Bei Nina Hagen oder Rammstein ? Und sind Pur und Kraftwerk Westrock?

Als die Puhdys eine Vorband suchten

Silbermond erzählen eine lustige Geschichte, alle durcheinander, wie sie noch unter dem Namen Jast an ihren ersten großen Auftritt kamen. Vor zehn Jahren hatten sie sich eine Homepage bauen lassen, hin und wieder trug sich jemand ein ins Gästebuch. "Maschine" gab bekannt: "Die Puhdys suchen eine Vorband für ihr Open-Air-Konzert in Kamenz."

Die Berliner Veteranen sind die Stammväter des Ostrocks, ihren Sänger nennen sie Maschine. "Wir waren zwar sicher, dass es nur ein doofer Scherz sein konnte, fragten aber nach, sicherheitshalber, und obwohl es wirklich nur ein doofer Scherz war, stellte sich heraus: Die Puhdys suchten eine Vorband." Einen Monat lang übten sie die sechs eigenen Stücke, die sie bereits hatten. Dann standen sie auf dem Hutberg, auf der Freilichtbühne vor dem umfangreichen Publikum der Puhdys, und Stefanie Kloß rief: "Hallo, wir sind Jast und kommen aus Bautzen!"

Wer Beweise dafür finden will, dass Silbermond als Band den Osten in sich tragen könnten, findet sie. Die Politik stellt gerade fest, dass ihre Ostaufsteiger in den Pfarrhäusern der DDR sozialisiert wurden. Stefanie Kloß begegnete den Jungs in einem Jugendhaus der Kirche. Ihre treuen Produzenten heißen Ingo Politz und Bernd Wendlandt. Politz trommelte früher bei Ostrock-Bands wie Keks und Lift, mit Wendlandt musizierte er unter dem Namen Sandmann’s Dummies.

Osten ist nur noch eine ungefähre Himmelsrichtung

Heute fördern Silbermond den Nachwuchs aus der Lausitz. Sie machen sich um die sorbische Kultur verdient. Sie sind nicht nach Berlin gezogen, weil ihnen die kleine Heimatstadt zu eng wurde, sondern wegen der kurzen Dienstwege im Popgewerbe. Anfangs wurden Silbermond belächelt als naive, provinzielle Ausgabe von Wir Sind Helden, Klee und Juli. Die haben sie alle überflügelt mit der Zahl verkaufter Platten und Konzertkarten, was plötzlich allen auffällt. Heute wird auch wieder gern daran erinnert, dass Angela Merkel und Joachim Gauck als "Laienspieler" (Helmut Kohl) anfingen.

Aber vielleicht haben Silbermond ja recht: Der Osten ist in Deutschland nur noch eine ungefähre Himmelsrichtung. Bautzen ist nicht mehr berüchtigt für sein DDR-Gefängnis, es ist eine schöne Stadt mit alten Handelshäusern. Und der Osten existiert nur noch vom Westen aus gesehen, wenn die lange Unterschätzten überraschend oben landen. West und Ost haben sich gegenseitig integriert.

Das Album "Himmel auf" ist eine einzige Ermutigung . Musik für ein verzagtes Land, das von der Bundesrepublik der siebziger Jahre schwärmt und ängstlich in die Zukunft blickt. Die neuen Lieder klingen neu, für Silbermond zumindest. Der Hurrarock aus der "Zeit für Optimisten" ist einem Erbauungspop gewichen, dem man anhört, dass er mit den Musikern gewachsen ist. "Wir haben uns was drauf geschafft", sagt Thomas Stolle. Das bedeutet: Alle haben sich im eigenen Studio fortgebildet, an den technischen Gerätschaften. Die Stücke klingen jetzt nach mehr, nach blühenden Klanglandschaften.

"Spieler, die sich heillos verschätzen"

Dass es Krisen gibt, haben auch Silbermond bemerkt. Aber sie feiern die Systemkrisen weder als einmalige Chance noch raufen sie sich hoffnungslos die Haare. "Geh nach vorn mit der Zeit, aber mach nicht die alten Fehler", heißt es in "Irgendwo in der Mitte". An einer Stelle singt Stefanie Kloß über "Spieler, die sich heillos verschätzen und die Schätze anderer Leute versetzen, die ihre Gier ins Maßlose drehen und davonkommen, ohne gerade zu stehen.

Diese Welt fährt gegen die Wand." Das wird den Silbermond-Hörer in seiner bislang unbeirrten Zuversicht erschrecken. "Das Gute gewinnt?", fragt das Lied. Der Titel ist die Antwort: "Das Gute gewinnt".

So hymnisch sich die 14 Lieder geben, so pragmatisch wirkt ihr Inhalt. "Es geht weiter" heißt eins oder, wie das Album, "Himmel auf". Es geht um Mitgefühl und Trost für die wirklichen Krisenverlierer, die schon vorher wenig zu verlieren hatten, im "kalten Berlin". In "Gegen" geht es gegen das Dagegensein als radikalen Schick. Auch gegen die, die es sich leisten können vor dem Bundeskanzleramt zu zelten.

Silbermond treffen den Ton der Zeit

"Du bist der ewige Geist, der immer verneint", singt Stefanie Kloß den Popprotestlern zu, den Ideologen, die keine Ideen haben. Manchmal singt die Sängerin auch nur "Ich liebe dich" in einem Lied, das "Ja" heißt. Silbermond treffen auf unschuldige Art den Ton der Zeit, als Stimme der Vernunft. "Wir sehen zuversichtlich, was sich ändern sollte", sagt Stefanie Kloß, und alle nicken strahlend. Über Adlershof schiebt sich die Sonne durch die Wolken, mittags, zwischen Ost und West.

Silbermond: "Himmel auf" (Columbia)