Late Night "Anne Will"

Fußball zwischen Bayern-Hass und Millionengeschäft

Im Anschluss an das DFB-Pokal-Halbfinale diskutierte Anne Will mit Ex-Spielern, Journalisten und Promi-Fans die Mechanismen der Fußballwelt. Es gab naive Empörung und Leidenschaft.

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Anne Will verlängerte mit ihrer Diskussionsrunde zum Grundsatz-Thema "Geld oder Leidenschaft – wer regiert die Fußballwelt?" die euphorische Stimmung des DFB-Halbfinales um weitere 75 Minuten. Was für ein gelöster Frühlingsanfang für Fußballfans an diesem Mittwochabend. Auch die Stimmung im Studio steckte an.

Nach dem Elfmetersieg der Bayern über Gladbach (4:2) startete der Talk richtig gut besetzt mit der Trainer-Legende Udo Lattek, dem Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher, den zwei Sport-Journalisten Esther Sedlaczek und Waldemar Hartmann, dem Comedian und Borussia-Fan Serdar Somuncu sowie dem Bundestagsabgeordneten der Linken und Sohn eines Profifußballers Diether Dehm.

Schon das Duzen untereinander machte die Sendung einmal zu etwas ganz anderem als dem herkömmlichen Polit-Talk. Doch ganz klar: Fußball ist auch Politik. Für den Kabarettisten Somuncu, der extra für "Anne Will" seine Eintrittskarte im Stadion hat sausen lassen, war der FC Bayern schon zu Schulzeiten immer der Spießerverein gewesen, dem die Anarchisten fehlen würden: "Ich mag sie nicht. Bayern ist eine Mannschaft, die aus Verrätern besteht und hat deshalb keine Seele mehr." Die Bayern-Fans im Studio riefen daraufhin immer leidenschaftlich rein, wenn er etwas sagte.

Unter Uli Hoeneß werde die Kommerzialisierung von Bayern übertrieben, befand Dehm. Ihm ginge es nur darum, die Stars wegzukaufen mit seinen Hunderten von Millionen Umsatz.

Hartmann, der seit 30 Jahren Journalist ist, verteidigte den Präsidenten des Vereins: "Die hat er aber nicht geschenkt bekommen, die hat er erarbeitet."

Statt Vereinstreue gibt es heute Professionalisierung

Schumacher, der als einer der besten Torhüter der Welt galt und zeitweise auch für die Bayern Bälle hielt, meinte: "Geld schießt keine Tore, aber man vereinfacht sich natürlich dadurch, indem man die besten Spieler zu sich holt."

Er selbst sei ein leidenschaftlicher Mensch und hätte auch immer so Fußball gespielt: "Leidenschaft gehört dazu wie Besessenheit, wie Fanatismus, wie Herzblut. Ich bin verrückt geworden, wenn ich verloren habe. Ich bin in den Keller gegangen und habe mir die Fäuste blutig geschlagen. Und beim Spiel habe ich nie ans Geld gedacht."

Seit dem "Bosman-Urteil" im Jahr 1995 gäbe es jedoch die Vereinstreue nicht mehr wie früher, wo man teilweise zehn, fünfzehn Jahre eine Liaison eingegangen war.

Es gäbe vielmehr eine Professionalisierung. Lattek, der sowohl Borussia als auch Bayern trainiert hat, stimmte dem zu: "Wir haben immer die Augen aufgemacht, um Spieler zu holen: Den holen wir. Der macht den Gegner schwächer." Hoeneß, den er selbst ins Spiel geholt habe, sei jedoch ein sehr sozialer Mensch.

Dehm tadelte, dass 45 Prozent der Profispieler vom Ausland ein- und dass den armen Ländern die Stars weggekauft würden. Er forderte außerdem die Umverteilung im Fußball: "Wenn ein Franck Ribéry 720.000 im Monat verdient, können es nicht 200.000 sein?"

Sedlaczek, die Jahrgang 1985 ist, sei mit diesen Millionengagen der Spieler aufgewachsen und meinte: "Fußball ist einfach ein Riesengeschäft geworden." Doch die Spieler würden sich Tag und Nacht verpflichten, seien Identifikationsfiguren.

Hartmann: "Ich bin für eine Obergrenze"

Auch der psychische Druck sei Wahnsinn: "Das muss man erst mal aushalten." Diese Leidenschaft, das Brennen bei einem Spiel mache jedoch Spaß. Hartmann sagte: "Ich kenne keinen, der ohne Leidenschaft erfolgreich Fußball spielen kann. Wenn die abgesprochen wird, habt Ihr keine Ahnung von dem Spiel."

Er bedaure jedoch den Weg zum totalen Kommerz: "Ich bin für eine Obergrenze." Und er bedaure, dass man als Journalist keine wirkliche Nähe mehr zu den Spielern bekäme wegen all der Vermittler und Berater drumherum.

Die Amateurvereine gingen nach Dehms Ansicht durch die Kommerzialisierung immer weiter kaputt. Und die würden schließlich ausbilden. "Die Amateurvereine müssen gestützt werden", so der gebürtige Frankfurter. Hartmann dazu: "Die jungen Spieler werden heute sehr viel besser ausgebildet als früher."

Somuncu wagte einen Blick in die Zukunft und stellte fest, dass von den Profispielern immer mehr Leistung gefordert werde, was zu immer mehr Druck führen würde. Sie hätten beim Ballwechsel keine Sekunde mehr Zeit, um nachzudenken. Er kritisierte auch den Raubbau am Körper, der damit einhergehe. Es sei an der Zeit, zu entschleunigen, denn: "Man ist ein Wrack, wenn man aufhört Fußball zu spielen."

Es gibt Aspekte im Fußball, die müssen wachsen

Schumacher sah das anders: "Niemand wird gezwungen. Wenn man der Beste sein will, muss man investieren."

Der Druck sei positiver Stress. Somuncu fragte: "Aber was ist mit Robert Enke, war das auch positiver Stress?" Sedlaczek warf ein, dass unter anderem die Suizidangelegenheit des Torwarts wenige Fälle ausmachen würden. "Die Torhüterposition ist die extremste Position, die man spielen kann", so Schumacher. Man könne aber ein Held werden, zum Beispiel bei einem Elfmeterschießen.

Als Held gewissermaßen erwies sich Serdar Somuncu, wenn auch auf anderer Ebene. Der FC Bayern-Hasser rang sich am Ende der Sendung zu einem Satz bezüglich des Halbfinale-Sieges durch, der doch noch das Fan-Publikum in den roten Trikots mit ihm versöhnte: "Ich gönn's den Bayern." Und ganz Unrecht hatte er sicher nicht, als er zuvor feststellte, dass es Aspekte in einem Fußballverein gäbe, die wachsen müssten, wie eben die Leidenschaft.