Konzert

Die Tindersticks lassen unsere Tränen fliessen

Traurigkeit ist zwar ihr Metier, doch lässt die Band die Zuhörer meist mit einem wohligen Gefühl zurück. So auch bei ihrem Konzert im Thalia Theater in Hamburg.

Wenn eine Band im großen Saal des Thalia Theaters aufspielt, dann darf man das ohne Zweifel als eine Art Gütesiegel betrachten. Stichwort Hochkultur. Die britische Band Tindersticks könnte man sich an kaum einem Ort in Hamburg besser vorstellen.

Die Gruppe um Sänger Stuart A. Staples macht Kammer-Pop zum Weintrinken und Traurigsein. Und so hat ihr Auftritt an diesem Dienstagabend vom ersten Moment an etwas Magisches. „Where does the blood go, when it runs away from a broken life“, haucht Staples ins Mikrofon, sanft und weich, mit seinem warmen Bariton. „Blood“, ein Stück von ihrem 1993 veröffentlichten Debütalbum.

Die Band begleitet ihn leise und vorsichtig. Staples hat die Augen geschlossen. Im fast ausverkauften Saal herrscht Mucksmäuschenstille. Neben uns fließen die ersten Tränen.

Auf dem Höhepunkt ihres Schaffens

Ja, die Traurigkeit haben die Tindersticks wirklich perfektioniert. Ihre Heimatstadt Nottingham ist ja bekannt für die Saga von Robin Hood. Der Mann, der den Reichen nimmt und den Armen gibt. Eine Idee, die sich mit ein bisschen Fantasie auch auf die Tindersticks übertragen lässt.

Bloß, dass die Tindersticks kein Geld, sondern Traurigkeit verteilen. Sie sammeln sie auf, wo immer sie sie finden, und verteilen sie mit ihren Alben und bei ihren Konzerten großzügig an ihr Publikum. Allerdings ist die Traurigkeit der Tindersticks nicht verzweifelt oder morbide. Es ist eine warme Traurigkeit. Und Staples ist ein Meister darin, sie glaubwürdig zu Personifizieren.

Die Augen hat er, wie beim Eröffnungsstück, den ganzen Abend über geschlossen. Mehr und mehr verliert er sich in den Songs. Dass die anderen fünf Bandmitglieder um ihn herum einen Halbkreis bilden, wirkt dabei wie Absicht. Staples ist das Zentrum der Band. Die sorgsam instrumentierten Songs scheinen um ihn herum zu kreisen.

So perfekt wie die Tindersticks an diesem Abend zusammenspielen, mag man kaum glauben, dass die Band 2003 am Ende war. Staples veröffentlichte in den folgenden Jahren zwei Soloalben, drei der sechs Gründungsmitglieder verließen die Band.

Nach dem Zusammenbruch folgte der langsame Wiederaufbau. Heute wirken die Tindersticks, als seien sie am Höhepunkt ihres Schaffens angelangt.

Vermählung von Saxophon und Glockenspiel

„The Something Rain“ heißt ihr aktuelles und mittlerweile neuntes Album, das sie an diesem Abend fast komplett spielen. Während ihre Songs früher oft von Streicherarrangements lebten, spielt in den neuen Stücken das Saxophon eine große Rolle.

„Slippin’ Shoes“ versprüht eine Note Swing, „Frozen“ begeistert mit düsterem Groove, „This Fire Of Autumn“ flirtet mit dem Jazz und in „Come Inside“ vermählen die Tindersticks ihr Saxophon mit einem Glockenspiel.

Bei dem Stück „Chocolate“ derweil scheint sich die Tatsache niedergeschlagen zu haben, dass die Band seit 1996 die Musik für sechs Filme der französischen Regisseurin Claire Denis komponiert hat.

„Chocolate“ ist eine von Keyboarder David Boulter gesprochene Kurzgeschichte, die vom ersten Date eines Paares erzählt, an dessen Ende sich das Mädchen als Mann entpuppt. Zunächst nur mit einer kleinen Orgel-Melodie untermalt, steigert sich das neunminütige Stück, bis Boulter unter dem jazzigen Saxophon nicht mehr zu hören ist.

Avantgarde-Hochkultur. Nach eineinhalb Stunden voll Traurigkeit und Schönheit haben die Tindersticks uns in eine andere Welt entführt.