TV-Doku

"Hier wirst Du als Hartz IV geboren"

Messerstechereien und Erpressung gehört zum Alltag im Hamburger Stadtteil Billstedt. Ein Fernsehteam des NDR hat für die Doku "Kiffen, klauen, zustechen" Zivilfahnder im Problemstadtteil begleitet.

Foto: dpa / dpa/DPA

Auf Streife mit Zivilfahndern in Hamburg-Billstedt. Für seine TV-Dokumentation „Exklusiv im Ersten - Kiffen, klauen, zustechen“ über Fahnder im Einsatz gegen Jugendgewalt war Autor Sebastian Bellwinkel in eben jenem Hamburger Problemstadtteil unterwegs.

Er begleitete die Polizisten bei ihrer Arbeit bis hin zum Jugendarrest auf der Elbinsel Hahnöfersand. Seine Reportage zeigt „Das Erste“ am Samstag (17. März/15.30 Uhr).

„Hier wirst du als Hartz IV geboren – das hört man oft, wenn man draußen fragt nach den Startbedingungen für Kinder und Jugendliche“, sagt der Autor in seinem halbstündigen Film. Messerstechereien, Erpressung und Raub kommen hier täglich vor, der Drogenhandel blüht.

Rauer Umgangston und wenig Einsicht

„Billstedt ist überall“, betonen die Macher. „Der Stadtteil im Hamburger Osten steht für viele Orte in Deutschland, die in den Medien meistens erst dann auftauchen, wenn es um kriminelle Jugendbanden, Gewalt und soziales Elend geht.“

Bellwinkel begleitet die Zivilfahnder des Kommissariats 42, die täglich gegen Jugendgewalt vorgehen. Er und sein Kamerateam sind dabei, wenn die Männer Jugendliche kontrollieren, die ihnen verdächtig erscheinen.

Einem nehmen sie ein Messer ab, der dagegen heftig protestiert: „Das ist doch kein Stechermesser!“ Als sie ihm von der drohenden Geldstrafe berichten, meint der Jugendliche nur: „Lieber gehe ich zwei Wochen in den Knast!“

Der Umgangston ist rau, die Einsicht gering. Gern wäre er Kaufmann, erklärt den Fahndern ein Jugendlicher, in 20 bis 30 Supermarkt-Filialen habe er sich zumindest um Aushilfsjobs beworben.

„Kaufmann?“, fragen die Fahnder zurück. „Kannst du dir vorstellen, dass es, wenn du mit Eigentumsdelikten in Erscheinung getreten bist, schwierig ist, Kaufmann zu werden?“ Doch der junge Mann weiß: „Ja, aber die gehen doch nach fünf Jahren weg“.

Ob ein Kind eine Chance hat, zeichnet sich früh im Leben ab

In einem Geschäft suchen die Polizisten nach einem gestohlenen Handy, aus einer Asylbewerberunterkunft holen sie einen Intensivtäter, der schon vor zwei Wochen im Jugendarrest hätte erscheinen müssen. 17 Jahre ist er alt, mit 13 hat er angefangen, kriminell zu werden – laut Akte hat er 41 Taten begangen.

In der Jugendstrafanstalt Hahnöfersand redet der Autor mit einem Jugendlichen, der als Zwölfjähriger begonnen hat, regelmäßig zu kiffen. Den ersten Joint habe er schon im Alter von neun Jahren probiert, weil ihm sein Vater einen angeboten habe.

Eine Pädagogin dort spricht über die Reumütigkeit der Jugendlichen: „Ein Teil ist mit Sicherheit gespielt, aber ein Teil, der Kern, ist vorhanden.“ Bei 60 Prozent liege die Rückfallquote, berichtet der Autor.

In 35 Dienstjahren habe er tausende Billstedter Haushalte gesehen und erlebt, wie Jungen und Mädchen in einem sozial schwachen Stadtteil groß werden, erzählt einer der Zivilfahnder. „Gesellschaftlich betrachtet kann man da ganz deutlich sagen: Der Eine hat Chancen im leben, der Andere nicht. Und das zeichnet sich recht früh ab im Leben.“