Britpop

Noel Gallagher – halb Oasis in Berlin

Noel und Liam Gallagher waren die Super-Brüder der Neunziger – ihre Band Oasis eine der größten Welt. Im Sommer 2009 gingen beide endgültige im Streit auseinander. Nun spielte Noel in der Berliner Max-Schmeling-Halle – solo, aber mit jeder Menge Oasis-Songs.

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Es wäre mit mehr zu rechnen gewesen. An der Abendkasse gibt es noch Karten. Keine Sprechchöre vor der Max-Schmeling-Halle, Fahnen werden auch nicht geschwenkt. Ein bisschen enttäuscht kann man schon sein. Der gute Britpop ist halt auch schon in die Jahre gekommen. Trotzdem mischen sich irre junge Menschen in die brav anstehenden Reihen von Fans, die irgendwie bei jedem Konzert anstehen könnten, so unscheinbar sehen die aus: Keine Mod-Aufnäher, nicht überdurchschnittlich viele Polo-Hemden, und auch nicht diese dämlichen Helmfrisuren. Noel Gallagher's High Flying Birds, die neue Band vom besseren Oasis-Bruder Noel, mag es unaufgeregter und ohne Insignien.

Die Vorband spielt noch, so eine Art Oasis-Coverband, natürlich mit Schellenkranz, diesen super lang stehenden Schrammelleien, bei denen die Gitarristen eine Minute auf einem Akkord verharren und das Schlagzeug stumpfe Viertel klopft. Wenn man die so sieht, mit den gleichen Posen, den gleichen Hemden, den gleichen Gitarren wie ihre Vorbilder, dann wird man wieder daran erinnert, dass Oasis irgendwie immer noch eine der größten Bands der Welt ist, obwohl es sie ja schon seit dem Sommer 2009 gar nicht mehr gibt. Es liegt an Songs wie „Wonderwall“, „Supersonic“, den Schlägereien, diesem großmäuligen Getue von Parvenüs, die partout immer über die Strenge schlugen, aber so geschickt, dass man Noel und Liam Gallagher für Manchesters Max & Moritz hielt. Beide waren die Super-Brüder der Neunziger, die eigentlich alles richtig gemacht haben, vielleicht sogar das Gezanke, dass schließlich zum Bruch führte.

Ein Statement ist das jedenfalls schon, wenn einer das Konzert seiner neuen Band mit einem Song der alten Band beginnt. Mit einer Akustik-Gitarre um den Hals betritt Noel Gallagher die Bühne. Er startet mit „(It's Good) To Be Free“, danach noch ein Oasis Song. Er und die Band schauen einfach auf den Boden während sie spielen. Wie Raubvögel die nach Beute suchen, wie in die Jahre gekommene Habichte, denn sie stehen schon arg gebeugt da oben.

Bald kommen dann aber auch die eigenen Stücke. Bei „If I Had a Gun“ fliegen schon die ersten noch halb gefüllten Bierbecher in Richtung Decke, so gut kommt das an. Die ersten „Noel“-Gesänge werden angestimmt. Aber auch das gesetzte Ehepaar mit den Bauchtaschen scheint Spaß zu haben, so selig wie die Dame in den Armen ihres Gatten wippt. Dabei fahren die High Flying Birds einen derartigen Druck, das ist ein richtiges Rock-Konzert. Die Songs nehmen doch im Verhältnis zur LP ordentlich Fahrt auf.

Er wolle ja nicht undankbar sein, setzt Gallagher in einer Pause an, aber - „for fuck sake“ - diese Noel-Rufe nerven schon gewaltig. Natürlich weiß er, dass es dadurch nur noch lauter wird, dass noch mehr Bier gleich einem warmen Sommerregen auf die Zuschauer hernieder fällt. Noel ist eben doch kein alter Habicht, auch wenn die buschigen Brauen schon langsam grau werden, und seine Augen trüb scheinen. Noel ist der blitzgefährlichste Adler, den es überhaupt gibt. Der eiskalt mit seinen Songs herunter saust. Dann wenn niemand damit rechnet, die alte Oasis-Hymne „Supersonic“ auspackt und mit dem Applaus davon fliegt.

Die Zugabe, die Kirsche auf der Sahneschnitte Noel, die ist wahrlich süß. Nochmal vier Oasis-Songs. Kein „Wonderwall“ aber dafür „Don't Look Back In Anger“. Und während das Licht die Gesichter aller in der großen Halle anstrahlt, erwachsene Männer Bier verschüttend Reigen tanzen und die Paare beim Solo knutschen, wie sie es schon lange nicht mehr konnten, dann ist das halt so, dass von zwanzig Songs neun von Oasis waren. Don't look back in anger!