Steven Soderbergh

"Ein Kunstwerk zu machen ist ein Krieg"

Oscar-Preisträger Steven Soderbergh haucht dem Action-Kino mit seinem neuen Film "Haywire" Eleganz ein – und denkt über das Aufhören nach. Ein Gespräch.

Foto: AFP

Das Werk Steven Soderberghs ist schwer zu fassen. Der Mann aus Atlanta, Georgia, wechselt Genres und Zielgruppen. Neben höchst erfolgreichen Filme wie „Erin Brockovich“ und „Ocean’s 11, 12, 13“ entstanden jede Menge kleine, risikoreiche Filme. Sein Ausstoß ist enorm.

Jetzt läuft „Haywire“ im Kino , ein stilvoller Actionfilm mit kleinem Budget und einer Martial-Arts-Kämpferin als Heldin. Soderbergh ist beim Gespräch in Berlin ruhig und nachdenklich. Er freut sich auf eine lange Pause. Ob, wie und wann er als Regisseur zurückkehrt, weiß er nicht genau.

Morgenpost Online : Sind Sie ein Freund des Martial-Arts-Films?

Steven Soderbergh : Nein, überhaupt nicht. Ich habe ein paar gesehen. Aber wenn ich nicht Gina Carano ...

Morgenpost Online : ... die Kampfsportlerin und Hauptdarstellerin in Ihrem Film ...

Soderbergh : ... wenn ich sie nicht im Fernsehen gesehen hätte, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, einen Film mit dieser Art Action zu machen. Gina hat einzigartige Fähigkeiten. Wenn sie bloß eine Boxerin wäre, hätten wir uns verschiedene Szenen nicht ausdenken können. Ich habe sie drei Mal kämpfen sehen, bevor ich dachte, da ist ein Weg.

Morgenpost Online : Live oder im Fernsehen?

Soderbergh : Immer im Fernsehen. Ich mochte die Idee, jemand Neuen in einen Film zu bringen. Bei Männern, Kämpfern, hat es das einige Male gegeben.

Morgenpost Online: Mochten sie Bruce Lee als Teenager?

Soderbergh: Klar, er schien sehr cool zu sein. Ich fand die Kämpfe okay – ich schaute Filme nicht wegen der Kampfszenen. Er hatte eine ureigene Leinwandpräsenz, die wenig mit seinen Fähigkeiten als Kung-Fu-Held zu tun hatte.

Morgenpost Online : Im asiatischen Kino gibt es eine lange Tradition der weiblichen Kämpferin.

Soderbergh : Viel stärker als im amerikanischen Kino. Ich wollte aber Action, die auf ihre Art einfach ist. Ich sagte den Choreografen und Stuntleuten: Ich möchte nichts, was jemand nicht machen kann. Die Kämpfe sollten realistisch sein.

Morgenpost Online : Haben Sie sich Sorgen gemacht, weil Ihr Star keine Erfahrung hatte?

Soderbergh : Nein. Die meisten Athleten sind auf ihre Weise schon Darsteller. Sie sind gewohnt, dass man auf sie schaut, dass sie vor Publikum auftreten. Sportler haben eine bestimmte Art Körperlichkeit, sie wissen, wie man sich bewegt. Und die Kamera mag das.

Morgenpost Online : Sind Sie selbst auch ein Kämpfer?

Soderbergh: Schon. Ein Kunstwerk zu machen, so wie ich es mir vorstelle, ist ein Krieg. Man braucht dazu einen bestimmten Charakter. Es kann körperlich sehr intensiv sein, so weit nicht-tödliche Handlungen eben gehen können. Und intellektuell ist es sowieso sehr intensiv. Es ist, als ob man direkt neben einem Düsentriebwerk steht. Die Leute flüstern und wundern sich, dass du sie nicht verstehst.

Morgenpost Online: Klingt schwierig.

Soderbergh: Was ich auf jeden Fall weiß: In Panik zu geraten, wird auf keinen Fall dein Problem lösen.

Morgenpost Online : Was ist Ihr Rezept?

Soderbergh : Alles verlangsamen, still sein, den Kopf klären. Ein paar Mal habe ich alle Leute nach Hause geschickt. Bei „Ocean’s 13“ saßen in einer Szene zehn Leute an einem kleinen Tisch. Ich konnte keine Blickwinkel für die Kamera finden. Um halb elf oder elf Uhr fragte ich meinen Assistenten, wie früh die Mittagspause beginnen könne? Also gingen alle. Ich saß da und schaute den Tisch an. Bei jedem möglichen Blick war der Tisch im Weg. Dann wurde mir klar, dass ich die Kamera in die Tischmitte einbauen konnte und jeden gewünschten Blickwinkel hätte. Die Leute kamen vom Mittagessen zurück, in zwei Stunden waren wir fertig.

Morgenpost Online : Es ist also ein Kampf mit Ihnen selbst.

Soderbergh : Die sind heftiger als mit Gegnern. Wenn ich an schwierige Zeiten beim Filmemachen denke, sind das nie Streitereien mit dem Studio. Geht es um Budget oder eine Besetzung, habe ich die Lösung parat. Wenn ich die richtige Version eines Bildes oder einer Szene herauszufinden versuche, gibt es keine Lösung.

Morgenpost Online : Haben Sie dazugelernt?

Soderbergh : Ich glaube, ich bin besser darin als vor zehn oder 20 Jahren. Ich kann schneller die schlechten Fassungen herausfiltern und die richtige Auflösung finden.

Morgenpost Online : Waren Sie je versucht, Filmleute so zu verprügeln, wie Gina Carano es getan hat?

Soderbergh : Nein, die Beulen heilen. Wenn ich mich rächen wollte, müsste das von Dauer sein. Es dürfte keine Pflaster geben. Aber ich habe keine Liste mit Leuten, die mir geschadet haben. Man macht diese Typen nur mächtiger, wenn sie glauben können, dass du betroffen bist. Ich fühle mich besser, wenn sie wissen, dass es mir egal ist.

Morgenpost Online : Ihr Film hat einen interessanten Look, ganz anders als die sonst übliche Action.

Soderbergh: Ich verstehe nicht, warum Action-Filme oft so hässlich aussehen. Oder zumindest nicht schön sind. Ich wollte wenigstens beeindruckende, klug ausgedachte Bilder machen, die keine Postkartenidylle zeigen. Jede Einstellung sollte ein richtiges Bild sein, kein Müll zur Überbrückung. Der Zuschauer sollte erkennen können: Hier hat sich jemand Gedanken gemacht. Jedes Bild braucht seinen Grund.

Morgenpost Online: Hm, da scheinen sie mittlerweile ein eigenes Action-Verständnis zu haben.

Soderbergh: Ich überlege nicht, wie viele Einstellungen ich für eine Szene brauche, sondern wie wenige mir genügen. Jede Einstellung muss einen Kampf überstehen, nicht im Schneideraum rausgeschmissen zu werden. Da bin ich rücksichtslos. Bei „Contagion“ hatten wir eine Stunde fertiges Material, ganze Erzähllinien und Charaktere fielen weg, weil ich dachte, die Geschichte muss sich schneller vorwärts bewegen. Orson Welles hatte recht: Man soll drehen wie ein Exhibitionist, schneiden wie ein Zensor. Und ich mag Nachdrehs, schon bei meinem ersten Film „Sex, Lügen und Videotapes“. Ich mag es, mir das Ganze anzusehen und dann noch zu verbessern. Man reicht bei einem Buch ja auch nicht den ersten Entwurf ein. Man arbeitet daran.

Morgenpost Online : Aber Sie müssen auch Kompromisse machen?

Soderbergh : Ich mag Begrenzungen und Wände um mich. Ich habe gerne ein Budget und einen Zeitplan. Ich halte beides gerne ein. Die Freiheit, nicht über Ressourcen nachdenken zu müssen, ist für mich keine Freiheit. Ich brauche die Freiheit, meine Ideen einbauen zu können. In meinen Filmen ging nie etwas schief, weil nicht genug Geld da war. Im Gegenteil, manche Filme wären besser, wenn ich weniger Geld gehabt hätte.

Morgenpost Online : Weniger ist mehr?

Soderbergh : Herausforderungen sind grundsätzlich gut. Als Filmemacher stellt man sich die gleichen Fragen wie fast jeder – oder wie die Gesellschaft. Was ist nicht genug? Was zu viel? Wo liegt die Mitte? Es kann um Geld gehen oder Beziehungen. Wo liegt das Gleichgewicht? Wie definiert man ein gutes Ergebnis? Was ist wichtig?

Morgenpost Online : Verändern sich Ihre Antworten auf diese Fragen?

Soderbergh : Vor 20 Jahren habe ich mir solche Fragen nicht gestellt. Es hat schon mit Alter zu tun. Als jüngerer Mensch versucht man sich durchzuschlagen und herauszufinden, wer man ist. Ich war nicht sicher, welche Art Filmemacher ich bin.

Morgenpost Online : Und jetzt?

Soderbergh : Ich habe ein gutes Gefühl dafür, was meine Stärken und Schwächen sind. Mit meinen ersten fünf oder sechs Filmen experimentierte ich. So fand ich heraus, dass ich kein Autor bin. Als ich anfing, mit richtigen Autoren zu arbeiten, wurden die Ergebnisse sofort besser. Ich mag das Schreiben nicht, ich liebe es, mit Autoren in einem Raum zu arbeiten. Ich weiß, wie Autoren aussehen, ich bin es nicht. Und ich kenne Autoren, die Regie führen, aber keine Regisseure sind.

Morgenpost Online : Sie machen jetzt noch zwei Filme?

Soderbergh : Einen im Frühling und einen im Sommer. Ich werde dann Pause machen. Ich hasse es, wenn Sportler länger spielen als sie sollten. Ich möchte das nicht.

Morgenpost Online : Es hieß, Sie hören ganz auf.

Soderbergh : Ich weiß es nicht. Ich brauche einen neuen Zugang. Wenn ich wieder anfangen sollte, dann werde ich nicht der gleiche Filmemacher sein. Ich will mich verabschieden von allem, was ich bisher gemacht habe. Mehr vom gleichen wird es nicht geben. Ich will eine neue Person sein. Dann gerne. Sonst aber nicht. Es sei denn, ich hätte kein Geld mehr.

Morgenpost Online : Müsste das Kino sich ändern?

Soderbergh : Ich wünschte, das würde passieren. Eine Weile hat es sich verändert, dann hörte es auf. Es ist ein großer Unterschied, was die Leute für möglich hielten, sagen wir vor Alain Resnais’ Film „Hiroshima, mon amour“ von 1959, und was sie danach für möglich hielten. Solch einen Sprung möchte ich erleben.

Morgenpost Online : Und 3-D ist dies nicht.

Soderbergh : Nein, nein, das ist bloß ein Werkzeug, ein technologischer Sprung, kein Konzept. So etwas passiert ständig. Ich suche nach einer anderen Grammatik.

Morgenpost Online : Ich bin nicht sicher, ob sich viele Filmemacher eine neue Grammatik wünschen. Das Kino hat doch stark an Attraktion verloren und schielt auf Erfolg.

Soderbergh : Zumindest in den Vereinigten Staaten. Filme waren so wichtig wie Literatur, sie hatten Gewicht. Dann zerstörten die Regisseure Ende der Siebzigerjahre sich selbst, die Studios übernahmen wieder, das schlimmste Jahrzehnt des amerikanischen Kinos folgte, die Achtziger. Ich weiß nicht, wo das Kino jetzt steht.

Morgenpost Online : Sind Sie traurig?

Soderbergh : Ich möchte nicht wie ein verbitterter Alter klingen. Aber es ist schwer, etwa Polanskis „Chinatown“ zu sehen und nicht sofort zu denken, mein Gott, die Filme waren so gut. Es gibt jetzt natürlich gute Filme. Aber niemand schert sich noch darum, ob sie gut sind. Finanzieller Erfolg erntet mehr Respekt als alles andere. Und manche Filmemacher entscheiden sich dafür, lieber auf Einspielergebnisse zu setzen als auf gute Filme. Das ist schon traurig.

Morgenpost Online : Sind Sie sentimental?

Soderbergh : Nein, wenn sich diese Kunstform dahin entwickelt, ist das eben so. Ich schere mich den lieben langen Tag darum, was aus dem wird, wo mein Name drauf steht. Das ist genug.

Morgenpost Online : Was haben Sie in Ihrer Auszeit ungefähr vor?

Soderbergh : Zunächst möchte ich malen. Dann auf jeden Fall fotografieren. Und wenigstens ein Buch schreiben, über das Filmemachen. Ich möchte aufschreiben, was ich über diesen Job weiß.

Morgenpost Online : Und was für Bilder malen Sie?

Soderbergh : Die Leute sagen immer: „Sie machen zwei Arten von Filmen.“ Jetzt wird es zwei Arten von Bildern geben, entweder Porträts oder ganz abstrakte Stücke.

Morgenpost Online : Malen Sie schon immer?

Soderbergh : Soweit ich konnte. Ich malte während der High School, hörte dann auf, vor zehn Jahren fing ich wieder an. Es ist schwer, etwas fertig zu kriegen.

Morgenpost Online : Wollen Sie ausstellen?

Soderbergh : Wenn ich genug habe, das sehenswert ist, werde ich auch zeigen, vielleicht im Internet. Galerien und der Kunstmarkt sind dem Filmgeschäft sehr ähnlich, das interessiert mich nicht. Museen werden meine neuen Kinos sein. Um ehrlich zu sein, wenn ich in meiner Auszeit bin, werde ich vielleicht gar keine Filme mehr ansehen. Ich will mich ausbilden, eine andere Kunstform studieren. Ich werde also Ausstellungen besuchen und Bilder in Büchern ansehen.

Morgenpost Online : Was werden Sie am Filmemachen vermissen?

Soderbergh : Die Kameradschaft. Die Insiderwitze, die man mit der ganzen Crew macht, wenn man über Monate oder Jahre zusammenarbeitet. Das macht Spaß.

Morgenpost Online : Was werden Sie auf keinen Fall vermissen?

Soderbergh : Erklären zu müssen, warum etwas besser ist, wenn es doch offensichtlich besser ist. Das hat eine Menge Zeit gekostet.