"Volxliedgut"

Wie Jazzkantine Heimatlieder nach Berlin bringen

"Im Frühtau zu Berge" rappt die Jazzkantine in Prenzlauer Berg, und ihr Frontmann tanzt am Wanderstock. Die Band aus Braunschweig spielt statt bürgerlichem HipHop nun Volkslieder.

Foto: Sven Lambert

Die Wanderung beginnt in der Bornholmer Straße, an der Stelle, wo die Mauer sich vor 23 Jahren auftat. Heute werden dort für einen Abend Gehstöcke aus Weidenholz verteilt und rot karierte Brotzeitbündel. Es geht in die Kleingartenanlage Bornholm II, in ein Vereinsheim zu geselligem Gesang. Aber die Gäste blättern nur im Liederheft und lächeln. Über Lieder wie „Kein schöner Land“, über sich selbst und darüber, wo sie gelandet sind: In einer Tanzbaracke zwischen schiefen Lauben, holzgetäfelt und mit einer winzigen Diskokugel an der Decke. An gedeckten Tischen bei Likören, Griebenschmalz und Bockwurst. In Prenzlauer Berg, daheim aber weit weg vom Leben da und jetzt.

Die Heimatlieder werden dann gesungen von der Gruppe Jazzkantine. Zünftig steigen die sechs Musikanten auf die flache Bühne und stimmen „Hoch auf dem gelben Wagen“ an, das hat zuletzt ein Bundespräsident geschmettert, Walter Scheel. Die Band spielt zwischen Fuchs und Dachs, beide erstarrt und ausgestopft, den Fuchs nennen sie Ferdinand, der Dachs heißt Dieter. Die Elektroorgel schmückt ein Ölgemälde. Gipfel, Wipfel, See und Hütte. „Sind für Sie zu Hause und Heimat das Gleiche?“, fragt der Vorsänger der Jazzkantine. Manche wackeln mit dem Kopf, mit vollem Mund.

Die Band aus Braunschweig wurde in den Neunzigern aktiv. Der HipHop wurde bürgerlicher und bereits von Musikern in London und New York mit Jazz vermählt. Die Jazzkantine übernahm den Auftrag für die Deutschen. Später banden sie bekannte Musiker ein wie Xavier Naidoo, Till Brönner und Götz Alsmann. Und nun machen sie sich um das „Volxliedgut“ verdient, so heißt ein eigener Beitrag in gesprochenen Worten, mehr Gedicht als Deutschrap: „Volk und Heimat. Heikel, heikel.“ Sie haben ein Album aufgenommen mit dem Titel „Jazzkantine spielt Volkslieder“. Darauf sieht man sie in der Schankwirtschaft beim Bier unter dem Hirschgeweih. Sie tragen Filzhüte, karierte Hemden und ein Grinsen im Gesicht, das sagt: Damit hättet ihr nicht gerechnet!

Sagen wir es so: Von deutscher Volksmusik ist wieder häufiger die Rede. In Verlagen für die einschlägigen Liederbücher freuen sich die Buchhalter angeblich über blühende Bilanzen. Der CD-Handel spricht ebenfalls von steigenden Umsätzen bei Heimatplatten. Es gibt allerlei Erklärungen dafür: die alternde Gesellschaft, die Globalisierung. Aber auch das neue Bürgertum mit seinen Sehnsüchten nach Traditionen und nach anständiger Hausmusik. Im Grunde alles, womit zunehmend Prenzlauer Berg verbunden wird, zumindest in den Bionade-Biedermeier-Reportagen. Auch der neue Hang zum Schrebergarten bleibt darin nie unerwähnt. Die Jazzkantine spielt „Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann“ im KGV Bornholm II, in Anzügen und Schiebermützen, und ein kleines Mädchen läuft sogar im Dirndl um die Tische.

Wer von Volksmusik spricht, darf von den Kulturbrüchen nicht schweigen. Immer geht es um den Missbrauch durch die Nazis und die Unterhaltungsindustrie danach. Um sich vom Musikantenstadl abzugrenzen, kam das Schimpfwort „volkstümlich“ ins Spiel. Es geht um falsche und um wahre Volksmusik, und spätestens seit sich die deutsche Einheit nicht als Rückfall in die Barbarei erwiesen hat, wird gern beklagt, dass man die Volkslieder vergessen hat. „Im Frühtau zu Berge“ rappt die Jazzkantine, und ihr Rapper tanzt am Wanderstock. Die Zuhörer bewegen unsicher die Lippen. Vallera.

Gegen die Überreste des kulturkritischen Unbehagens hilft die gute, alte Ironie. Sie findet sich im Schmalztopf wie im Stimmungsjazz der Band. Auch Jazz und HipHop sind auf ihre Weise volkstümlich geworden, also bitte: Von „Ursachenforschung in das Innerste der deutschen Seele“, redet Cappuccino, der Rapper, und vom Gassenhauer als Wurzel deutscher Popmusik. Er redet überhaupt recht viel an diesem Abend, um sich selbst und seine Gäste zu beruhigen, das Volkslieder nicht spießig sind, sondern auch was für aufgeklärte und moderne Deutsche in der Großstadt. Wie das Kleingärtnern und Wandern.

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