"Roche & Böhmermann"-Talk

"Wenn Ahmadinedschad kiffen will – willkommen!"

Whiskey bringt die Wahrheit ans Licht: Charlotte Roche und Jan Böhmermann über ihre neue Talkshow, das Bashing von Prinzessinnen und was man von "3nach9" lernen kann.

Das Ambiente des Studios in einer alten Wachsfabrik ist mit einer Hinterzimmerbar verglichen worden. Schon daran wird erkennbar: Charlotte Roche und Jan Böhmermann haben Sehnsucht nach den guten alten Zeiten des Fernsehgesprächs als kettenrauchende und trinkende kluge Köpfe noch stundenlang auf hohem Niveau diskutieren konnten. Mit "Roche & Böhmermann" wollen sie sich klar von den Talkshowkonventionen der Gegenwart absetzen.

Morgenpost Online: Ist das Konzept Ihrer neuen Sendung aufgegangen?

Charlotte Roche: Also ich finde es schon fast gruselig, wie gut ich mich damit fühle. Es kann aber natürlich noch besser werden. Was wir nicht mehr machen sollten, ist Gäste einladen, um sie dann fertig zu machen.

Morgenpost Online: So wie es Ihr Kollege bei Sat.1-Moderatorin Britt Hagedorn versucht hat, als er Hagedorns Nachmittags-Sendung als Vorführung unzurechnungsfähiger Menschen anprangerte?

Charlotte Roche: Ja, so was ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Viele Gäste sind es von anderen Talkshows gewohnt, dass man sie ganz ernst nimmt und abfeiert für die all die Scheiße, die sie machen: 'Ja, Sie malen jetzt ja auch...' Bei uns geht’s anders zu, man kommt schnell unter die Räder, wenn man nicht mitredet. Man ist dann auch nicht im Bild.

Morgenpost Online: Welche Gäste eignen sich für eine Talkshow, die explizit auf Themen verzichtet?

Böhmermann: Schauspieler weniger, die haben nichts zu sagen meistens. Es gibt bei uns keine Verlegenheitsthemen und die Gäste haben nichts zu promoten. Der Maßstab ist: Wir machen eine Unterhaltungssendung im Wortsinn.

Morgenpost Online: Ihr Sender sieht zdf.kultur als Experimentierbühne des ZDF. Wenn's gut läuft, droht also der Aufstieg ins Zweite?

Böhmermann: Wenn wir mehr als 0,2 Prozent Einschaltquote haben, kriegen wir den Sendeplatz von "Wetten, dass..?" – live aus der Stierkampfarena von Palma de Mallorca, moderiert von Markus Lanz. Aber im Ernst, was sollen wir im ZDF 67-jährige Menschen mit dieser Sendung verschrecken?

Morgenpost Online: Was sind das für Leute, die hier hinter den Kulissen wirken?

Böhmermann: Junge sympathische Menschen, die vom Film kommen. Filmstudenten, keine Fernsehleute. Alles klassische Nerds. Und deren Frauen. Mit einer etablierten Firma hätten wir diese Sendung niemals machen so können. Nur mit diesen coolen Leuten, die so viel Lust darauf haben wie wir, und mit dem ZDF, dass uns diese Freiheit geschenkt hat, um mal pathetisch zu werden.

Morgenpost Online: Frau Roche, Konnten Sie Erfahrungen aus Ihrer Zeit als Moderatorin des NDR-Talks "3nach9" einbringen?

Roche: Da habe ich gelernt, dass man Leute nicht einladen darf, um sie dann fertig zu machen. Wie hieß noch mal diese fucking Prinzessin, die mit dem Foffi?

Böhmermann: Maja Prinzessin von Hohenzollern

Roche: Schrecklich. Das war eine der ersten Sendungen, die ich gemacht habe. Ich hatte ja nur vier. Die Redaktion wollte, dass ich die auseinandernehme wegen ihres Pseudotierschutzes, mit dem sie von dem ganzen Foffi-Mist ablenkte. Das ist aber so unangenehm, jemanden einzuladen, den alle in der Redaktion scheiße finden, nur um dem Publikum zu zeigen, dass der scheiße ist.

Böhmermann: Ich habe Britt Hagedorn aber nicht eingeladen, um sie fertig zu machen,...

Roche: Ich war schon shocked!

Böhmermann: ...sondern weil ich versuchen wollte, aus ihr rauszubekommen, was sie wirklich im Inneren denkt über das, was sie macht.

Roche: Dann hättest du ihr Wahrheitsdrogen geben müssen.

Böhmermann: Ich habe es ja mit Alkohol versucht. Jetzt weiß ich, warum sie nichts trinkt.

Roche: Bei "3nach9" lernt man übrigens als Gast mehr, als wenn man die Sendung leiten muss. Ich kenne ja beide Seiten. Als Gastgeber ist es aufregend, mein Gott, da macht man sich auf diesem riesigen Zwei-Stunden-Schiff erst einmal ins Hemd.

Aber als Gast sitzt man da als eineinhalb Stunden im Halbschlaf, um dann zwölf Minuten lang ungestört seine Platte zu promoten. Danach versinkt man wieder im Dämmerzustand. Man wird dabei ganz sicher nicht von den Moderatoren gestört und nichts gefragt. Es ist so ein sicheres Territorium für jeden Gast, der sich nur auf seinen Promo-Auftritt konzentrieren muss.

Morgenpost Online: An welche Talk-Tradition möchte Jan Böhmermann anknüpfen?

Böhmermann: Ich schaue gerne die NDR-Talknächte mit den alten Shows aus den Siebzigern, die Dietmar Schönherr oder Wolfgang Menge moderierten. Oder den Internationalen Frühschoppen mit Werner Höfer, den ich sonst nur aus Erzählungen kenne und von YouTube. Diese Ästhetik wollten wir hier auch.

Wir haben hochmoderne Filmkameras, die mit Sperrholz umkleidet sind, um alt auszusehen. Die Kameras sind auch bei uns im Bild zu sehen, die Mikros auch. Es soll haptisches Fernsehen sein mir Fingerabdrücken auf dem Tisch, damit man auch sieht, wie sich der Abend entwickelt. Alles, was in Hochglanz-Talkshows vermieden wird. Wir wollen das Medium wieder so transparent wie möglich machen, weil das junge Publikum heute viel mehr weiß übers Fernsehen als ihre Eltern.

Es wissen doch alle, dass im Studio mit Mikrophonen gearbeitet wird. Warum also mühsam verstecken? Es darf bei uns auch mal was schief gehen und richtig langweilig werden, das gehört dazu. Dafür lassen wir die Leute ausreden, selbst wenn sie Blödsinn erzählen. Hauptsache, der Blödsinn ist wohl artikuliert. Das ist in den anderen Talkshows inzwischen völlig verloren gegangen. Bei uns wird niemand vor einer grellen Kulisse mit Fakten-Checks belästigt. Ich will hier mit unseren Gästen bei japanischem Whisky sitzen und gucken, was passiert.

Morgenpost Online: Welche Gäste eignen sich für dieses Format nicht?

Roche: Politiker sind sehr schwierig, weil die immer auch ihre Partei mitdenken. Am liebsten sind mir die allein für sich stehende Künstler, die nur sich selbst gegenüber verantwortlich sind und frei von der Leber sprechen können. Ein Sido muss seine Plattenfirma nicht mitdenken. Politiker brechen nicht aus ihrem Korsett aus, da gibt’s keine Überraschungen, jeder weiß, was sie sagen werden.

Morgenpost Online: Piratenparteichefin Marina Weisband war jetzt also eine Ausnahme?

Roche: Tja...

Böhmermann: Weil sie noch jung und unverbraucht ist. Aber sie ist inzwischen auch eine sehr talkerfahrene Politikerin, da kommen auch schon Phrasen und einstudierte Sätze. Dieses Immer-wählbar-bleiben und sich nicht festlegen wollen, das kommt auch bei ihr schon durch. Politiker haben grundsätzlich selten den Mut zu einer Talkshow, in der sie eventuell auf ihre Frisur oder Mundgeruch angesprochen werden.

Andererseits: Wenn Irans Präsident Ahmadinedschad im deutschen Fernsehen den Frieden mit Israel verkünden möchte bei einem guten Glas japanischen Whiskys und einem Joint von Sido, dann ist er bei uns herzlich willkommen.

Morgenpost Online: Welche Gäste werden in der zweiten Sendung sitzen?

Böhmermann: Die bezaubernde Collien Fernandes ...

Roche: ... Schönheitschirurg Dr. Afschin Fatemi, Thilo Bode, ehemals Greenpeace-Chef, jetzt Foodwatch...

Böhmermann: ... Harald Martenstein, Kolumnist, sowie Lucie, die von den No Angels.

Roche (lacht): Da müssen Sie jetzt nicht so gucken, ja, die gibt es noch, und die ist sehr beliebt!

Böhmermann: Das ist genau die Frau, die wir brauchen, um unser Quotenziel zu erreichen: 0,1 Prozent – das ist machbar, das entspricht exakt einer GfK-Box.